Sudelbücher Die Sudelbücher des Georg C. Lichtenberg
Wenn er seinen Verstand gebrauchen sollte, so war es ihm, als wenn jemand, der beständig seine rechte Hand gebraucht hat, etwas mit der linken tun soll. Sudelbuch B 1
Er hatte zu nichts Appetit und aß doch von allem. Sudelbuch B 3
Die Ritterbücher zeigen uns die Welt nach einem ganz falschen Ideal, in einer Art von Kavalier-Perspektive, aus einem Augenpunkt, wo wir nie hinkommen. Sudelbuch B 7
Mich dünkt immer, die ganz schlechten Schriftsteller sollte man immer in den gelehrten Zeitungen ungeahndet lassen, die gelehrten Zeitungsschreiber verfallen in den Fehler der Indianer, die den Orang-Utan für ihresgleichen und seine natürliche Stummheit für einen Eigensinn halten, von welchem sie ihn durch häufige Prügel vergeblich abzubringen suchen. Sudelbuch B 12
Er schreibt noch sehr bitter, Herr Klotz muss ihn erst ein bisschen umrühren, bis der Zucker in ihm schmelzt. Sudelbuch B 14
Es gibt eine gewisse Art von Büchern, und wir haben in Deutschland eine große Menge, die nicht vom Lesen abschrecken, nicht plötzlich einschläfern oder mürrisch machen, aber in Zeit von einer Stunde den Geist in eine gewisse Mattigkeit versetzen, die zu allen Zeiten einige Ähnlichkeit mit derjenigen hat, die man einige Stunden vor einem Gewitter verspürt. Legt man das Buch weg, so fühlt man sich zu nichts aufgelegt, fängt man an zu schreiben, so schreibt man ebenso, selbst gute Schriften scheinen diese laue Geschmacklosigkeit anzunehmen, wenn man sie zu lesen anfängt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass gegen diesen traurigen Zustand nichts geschwinder hilft als eine Tasse Kaffee mit einer Pfeife Varinas. Sudelbuch B 15
Der Pöbel ruiniert sich durch das Fleisch, das wider den Geist, und der Gelehrte durch den Geist, dem zu sehr wider den Leib gelüstet. Sudelbuch B 21
Diese Frau war mit einer Zunge schon eine Fama, was würde sie erst getan haben, wenn sie tausendzüngig gewesen wäre. Sudelbuch B 24
In den Romanen gibt es tödliche Krankheiten, die im gemeinen Leben nichts weniger als tödlich sind, und umgekehrt im gemeinen Leben tödliche, die es in Romanen nicht sind. Sudelbuch B 29
Der Deutsche liegt im Charakter so zwischen dem Franzosen und Engländer in der Mitte, dass unsere Romanen-Schreiber leicht einen von diesen beiden schildern, wenn sie einen Deutschen nur mit etwas starken Farben malen wollen. Sudelbuch B 30
Zum Zuschauer wird gesagt: The whole man must move together, alles muss einen einzigen Endzweck im Menschen haben. Sudelbuch B 31
Er war, was man in allen Ländern zwischen dem Rhein und der Donau eine gute Haut nennt. Sudelbuch B 32
In der Erinnerung an unser vergangenes Vergnügen lassen wir unsern sinnlichen Körper im gegenwärtigen und stellen uns ganz in abstracto als ein gutes arkadisches Ding ohne Schulden, ohne Sorgen, ohne notleidende Verwandten, zurück in die damalige Zeit, denn wir sind nicht imstand, uns die vereinte Wirkung verschiedener Eindrücke so gut zu vergegenwärtigen als eines einzigen. Sudelbuch B 33
Der eigentliche Mensch sieht wie eine Zwiebel mit vielen tausend Wurzeln aus, die Nerven empfinden allein in ihm, das andere dient diese Wurzeln zu halten und bequemer fortzuschaffen, was wir sehen, ist also nur der Topf, in welchen der Mensch (die Nerven) gepflanzt ist. Sudelbuch B 35
Es sind sehr wenige Dinge, von denen wir uns durch alle 5 Sinne Begriffe erwerben können. Sudelbuch B 37
Whithefield ist der Name des berühmten Narren in London, der sich oft erkühnt zu sagen, wer sein Vermögen nicht zu meinen Füßen legt, der ist verdammt, und der Pöbel ist oft so dumm, es zu seinen Füßen hinzulegen; seine Anhänger heißen Whitfieldlites (ausgesprochen Witfileits:). Sudelbuch B 39
Sein Rock war mehr wert als seine Ehre, und jeder Jude hätte ihm mehr für jenen als für diese gegeben. Sudelbuch B 48
Quittungen: So könnte man ein Buch nennen, worin man sowohl der Natur als seinen Freunden Scheine ausstellte über das, was man von ihnen empfangen hätte. Wenn es im Namen anderer getan würde, so könnte es eine satirische Wendung bekommen. Sudelbuch B 52
Gott schuf den Weibern die Haare lang und um die Schultern hängend, aber ein Perückenmacher fand für gut dieses zu ändern und sie hinaufzukämmen. Sudelbuch B 55
Wir können gar nichts von der Seele sehen, wenn sie nicht in den Mienen sitzt, die Gesichter einer großen Versammlung von Menschen könnte man eine Geschichte der menschlichen Seele nennen mit einer Art von chinesischen Zeichen geschrieben. Die Seele legt, so wie der Magnet den Feilstaub, so das Gesicht um sich herum, und die Verschiedenheit der Lage dieser Teile bestimmt die Verschiedenheit dessen, das sie ihnen gegeben hat. Je länger man Gesichter beobachtet, desto mehr wird man an den sogenannten nichts bedeutenden Gesichtern Dinge wahrnehmen, die sie individuell machen. Sudelbuch B 67
Unsere Kunstkammern sind alle voll von elfenbeinernen Bechern, ein Beweis von der Favorit Neigung unserer lieben Voreltern, ein Stück Elfenbein, woraus der Grieche einen Apoll geschnitzt hätte, schnitten sie zum Becher hohl. Sudelbuch B 70
Wohin mich mein Schicksal und mein Wagen führt. Sudelbuch B 71
Die lebhafte Empfindung, die der gemeine Mann Heimweh nennt. Sudelbuch B 72
Jeder Mensch hat auch seine moralische backside, die er nicht ohne Not zeigt und die er so lange als möglich mit den Hosen des guten Anstandes zudeckt. Sudelbuch B 74
In dem Hause, wo ich wohnte, hatte ich den Klang und die Stimmung jeder Stufe einer alten hölzernen Treppe gelernt, und zugleich den Takt, in welchem sie jeder meiner Freunde, der zu mir wollte, schlug, und, ich muss gestehen, ich bebte allemal, wenn sie von einem Paar Füßen in einem mir unbekannten Ton heraufgespielt wurden. Sudelbuch B 75
Der Mann zu sein, der so absolut in Deutschland herrschen könnte wie ich auf meinem Schreibtische, wünsche ich mir nie, ich würde gewiss nur Tintenfässer umwerfen und durch Aufräumen die Sachen nur noch mehr verwirren. Sudelbuch B 81
Er hatte einige Definitionen hergesagt ohne zu stocken, und wenn er ein Wort ausließ, so wusste er es gleich nachzuholen, seine Zunge mehr als sein Verstand lehrte ihn, dass etwas fehlte, denn er hatte alles auswendig gelernt. Sudelbuch B 94
In der Komödie suchte er bei jedem ihm lächerlich scheinenden Zug immer mit den Augen jemanden, der mit ihm lachen möchte, wenn ich dieses gewahr wurde, so kam ich ihm nie zu Hilfe, sondern sah unverwandt auf die Seite zu. Sudelbuch B 95
Er war so witzig, dass jedes Ding ihm gut genug war, zu einem Mittelbegriff jedes Paar andere Dinge miteinander zu vergleichen. Sudelbuch B 97
Er sagte öfters, dass er glaube, die Kanarischen Inseln haben ihren Namen von den Kanarienvögeln, die er selbst in großer Menge daselbst herumfliegen sehen, er hatte verschiedene andere Beobachtungen gemacht, darin die kleinen Zeiten halbe Vater unser lang und Augenblicke gewesen waren. Sudelbuch B 100
Er war der Verfasser verschiedener Abhandlungen, die hier und da unter dem Artikel Nonsense in den Journalen erschienen. Sudelbuch B 104
Das Ding, von dessen Augen und Ohren wir nichts und von dessen Nase und Kopfe wir nur sehr wenig sehen, kurz unser Körper. Sudelbuch B 105
Der Vignettenstecher muss sich allzeit doch nach großen und erhabenen Mustern bilden, denn das Nachlässige muss das Ausruhen einer mächtigen Hand und nicht die mühsame Nachlässigkeit einer ungeübten sein. Sudelbuch B 107
Er hatte seine Bibliothek verwachsen, so wie man eine Weste verwächst. Bibliotheken können überhaupt der Seele zu enge und zu weit werden. Sudelbuch B 108
Den 16ten April 1769 habe ich 500 Stück Dukaten auf einem Tisch gesehen und habe, Dank sei es meiner Philosophie, nichts von dem dunklen Gefühl [empfunden], das sich hernach in ein allerlei Betrachtungen auflöset, die für die menschliche Glückseligkeit beinah die nämliche Wirkung tun als zuweilen ein verrücktes Halstuch, das hernach trotz unserem Bemühen sich doch nur erst durch einen Zufall oder vielleicht nie wieder so und für uns so verschiebt. Sudelbuch B 109
Die kleinen Pfennings-Vorurteile, (Tugenden) (Wahrheiten). Sudelbuch B 112
Von der sogenannten großen Tour, wie es die Engländer nennen, hatte er das Stück von Mannheim nach Francfort etliche Mal zu Fuß gemacht. Sudelbuch B 113
Die Stube drehte sich mit mir herum (sagte einmal der besoffene Herr Faucitt), und ich Dero Narr stand in der Mitte und wusste nicht, was ich tun sollte. Sudelbuch B 114
Aus einem Blumentopf (dieses ist das bekannte Gleichnis von der Biene und der Spinne nur etwas verändert) zieht die Nessel und die Aurikel jene ihre Nessel und diese ihre Aurikel-Atomen ohne viel herumzusuchen und grad heraus. Es müsste also der Henker sein, wenn nicht ein gemeines Studentengenie, in Kunckels Geschichte auf Geratewohl verpflanzt, solche moralische Atomen herausziehen könnte, wovon allemal ein Bündel dasjenige ausmachen könnte, was wir moralische Betrachtungen nennen. Sudelbuch B 115
Der Stolz des Menschen ist ein seltsames Ding, es lässt sich nicht sogleich unterdrücken und guckt, wenn man das Loch A zugestopft hat, ehe man sich’s versieht, zu einem anderen Loch B wieder heraus, und hält man da zu, so steht er hinter dem Loch C u. s. w. Sudelbuch B 119
Das Nachahmen ist allezeit, wie mich dünkt, eine sehr nützliche Sache, denn entweder zeigt meine Denkungsart nach Norden und mein Original auch, gut, so kommen wir etwas geschwinder dahin, wo wir allein vielleicht später hingekommen wären, oder ich nach Osten und das Original nach Nord, da wird das ganze Ding, das wir zusammen herausbringen, ein unkardinalisches nordöstliches Mittelding, oder ich zeige nach Süden und mein Original nach Nord, ja lieber Gott, da stehen wir wohl gar still und kommen nicht vom Fleck. Sudelbuch B 122
Ein Charakter kann auch idealisiert werden, solche Ideale sind unsere dedicationen zuweilen. Sudelbuch B 129
Die schwerste Akzise in Deutschland liegt noch immer auf der Satire. Von einer freimütigen Erinnerung von 3 Bogen im Manuskript muss der Verfasser in kühleren Augenblicken allemal gewiss abrechnen 3 procent für die …liche Landes-Regierung, wenigstens 5 für den Herrn von …, weil er alles gilt, 10 procent für das Konsistorium oder Bannstrahl-Steuer (Gelder), dann noch Gönner-Abgaben in den Balleien zusammen 8 procent. Am Ende behält der Verfasser nichts als ein Caput mortuum von einer moralischen Abhandlung, das kein Mensch mehr auf sich deuten kann, der über 200 Taler Besoldung hat, und das die andern drunter nicht mehr lesen. Sudelbuch B 132
Den jetzigen Menschen kann man sich als aus zween zusammengesetzt vorstellen, dem natürlichen Menschen und dem künstlichen, wovon der eine nach den ewigen Gesetzen der Natur und der andere nach den veränderlichen des Costume sich ändert1. Bei der Schilderung des Menschen muss man hauptsächlich darauf sehen, den einen von dem andern zu unterscheiden. Zum natürlichen Charakter rechne ich die Hauptstriche des Charakters der Konturen, bedächtlich, schwermütig, still, lustig, Geck, Bemerker, Wahrheiten selbst erfunden, anderer ihre Eigenmacht verfließen gemacht in das eigene System von Gesinnungen, der künstliche Mensch alles bloß Angeklebte, Gelernte, es sei ein Kompliment oder eine große philosophische Wahrheit, alles Erzwungene, Eau de Lavende und rote Absätze u. s. w. Sudelbuch B 134
Bei dem Frauenzimmer fällt der Sitz des Point d’honneurs mit dem Schwerpunkt zusammen, bei den Mannspersonen liegt er etwas höher in der Brust um das Zwerchfell herum. Daher bei Mannspersonen die elastische Fülle in jener Gegend bei Unternehmung prächtiger Taten, und eben daher das schlappe Leere daselbst bei der Unternehmung kleiner. Sudelbuch B 135
Ich gehe zuweilen in 8 Tagen nicht aus dem Hause und lebe sehr vergnügt, ein ebenso langer Haus-Rest auf Befehl würde mich in eine Krankheit werfen. Wo Freiheit zu denken ist, da bewegt man sich mit einer Leichtigkeit in seinem Zirkel, wo Gedanken-Zwang ist, da kommen auch die erlaubten mit einer scheuen Miene hervor. Sudelbuch B 139
Ich weiß nicht, woher es kommt, aber das Wort Jonisch drückt bei mir sehr viel mehr aus, als im Lexikon steht. Sudelbuch B 150
Mein Leben hat nie höher gestanden als im August 1765 und im Februar 1766, einen Sommer und einen Winter genug für mich, ich werde diese Zeit allzeit für den Mittel-Punkt der Vergnügungen meines Lebens ansehen. Sudelbuch B 152
Der herrschende Charakter in seinem Gesicht war: Lieber gebrochen als gebogen, dieses zeigte sich auf mancherlei Art, die breite Stirn, welcher man ohne sie zu berühren die Härte ansah, etwas überhängende Augenbraunen, welche die zarteren Ausdrücke in jener Gegend nicht durchließen und überhaupt alle kleinen Veränderungen verdeckten. Dadurch erhielt das Gesicht ein Beständiges, das die Veränderungen der übrigen Teile allzeit beherrschte. Die Winkel am Munde waren etwas stark heruntergebogen, das Kinn gespalten durch einen Einschnitt, der eine Fortsetzung von dem über der Nase zu sein schien. Seine Frisur (denn auch diese gehört mit zu den Gesichtszügen) in der Woche erschien allzeit in einer bewundernswürdigen Harmonie mit dem Gesicht selbst, so dass man hätte glauben sollen, dass sich die Haare nach den Begierden richteten, bald drückte eine runde Glätte die Ruhe in seiner Seele aus, dann wieder die straubigte Verwirrung der Seiten-Haare das Fluctuans sub pectore, das Pyramidenförmige mit der Basi unten und sanft vorhängende den unbiegsamen Entschluss, und endlich das Pyramidenförmige mit der Basi oben äußerste Verwirrung und nahen heftigen Ausbruch, kurz, ich habe alles an ihm von selbst werden gesehen, woraus etwas philosophische Perückenmacher sich leicht Crèpe, vergette, aile de pigeon und à la rose hätten idealisieren können. Sudelbuch B 153
Einen einzigen Abend in einer Laube im Genuss seiner eigenen Empfindung, wie es Wieland nennt, zuzubringen, war für ihn das Beste und Höchste, darnach schätzte er die Größe und das Glück der Menschen, damit wog er Taten auf, wovon das Gerücht durch Jahrtausende durchhallt. Sudelbuch B 155
Er hatte schon längst den stillen Vorsatz bei sich gefasst, etwas zu tun, das entweder in die gelehrte oder in die politische Zeitung kommen müsste. Sudelbuch B 156
Der Genuss seiner selbst findet mehr bei ruhigen Seelen statt, sagt Winckelmann. Sudelbuch B 158
Er war so schwächlich und dünne, dass ein etwas mutwilliger Zephyr ihn hätte umlächeln und ein boshafter Nord in Dünste auflösen können. Sudelbuch B 159
Er und sein Bedienter waren so einig, einer dependierte so vom andern, dass man sie ein 4-füßigtes Tier nennen konnte. Der verheiratete 4-füßigte Mensch. Sudelbuch B 160
Ein kleines Fenster verriet nur, dass auch dort noch ein Ort wäre, wo Licht hineingekommen, Regen und Wind hingegen herausbleiben sollten. Sudelbuch B 163
Wir wundern uns zuweilen über die Indianische Völker, die sich Briefe in Knoten schicken, unsere Buchstaben sind nichts als Knoten von Linien, welche, wie man aus der Schattierung erkennt, gewisse Bänder machen. Sudelbuch B 168
Duell. Wenig wahre Herzhaftigkeit, mit einem unwiderstehlichen Vorsatz verbunden, etwas zu tun, das leicht ist und doch jenen Mangel zu ersetzen scheint, falsche Begriffe von Ehre und Verdienst, Leichtsinn, mit einem Mangel an soliden Kenntnissen verbunden, das ist es ohngefahr, was der Student besitzt, der sich gerne schlägt. Ein Göttingisches Duell erfordert die nämliche Herzhaftigkeit, die man nötig hat, eine bowl of punch auszutrinken. 50 haben ihren Tod schon in der letztern gefunden, und nur ein einziger in dem ersteren. Kein Wunder also, wenn so viele dieses Mittel ergreifen, eine vermeintlich verlorne Ehre wiederherzustellen. Ein Versuch, die grönländischen satirischen Duelle einzuführen, welche Cranz in seiner Geschichte von Grönland T. I. p. 231 erwähnt, könnte ein gutes Mittel sein, seine Ehre nicht zu bald für verloren zu halten. Sudelbuch B 169
Er musste etwas zu spielen haben, hätte ich ihn keine Vögel halten lassen, so hätte er Maitressen gehalten. Sudelbuch B 170
Er verstand Philosophie, so wie der gemeine Mensch sie versteht, er raisonnierte in die Haushaltung, machte Hypothesen in die Haushaltung, kurz, was Kästnern und Leibnitzen die Welt ist, das war für ihn der Platz zwischen Bossiegel und Schmahlens Laden. Sudelbuch B 172
Man soll sehr gut schießen, wenn man etwas getrunken, sehet da die Verwandtschaft zwischen Schützenkunst und Poesie. Sudelbuch B 178
Das einzige, was er Männliches an sich hatte, konnte er des Wohlstandes wegen nicht sehen lassen. Mi si nihil aliud virile, sexus esset. Petronius. Sudelbuch B 184
Er trug die Livree des Hungers und des Elendes. Sudelbuch B 194
Er besaß viel Philosophie, oder common sense, der so aussah. Sudelbuch B 201
Er hatte sich auf alles geschickt, was er antworten könnte, wenn der König mit ihm sprechen würde, sogar wenn er fragen würde, wie hoch ihn diese Manschetten kämen, allein der König fragte, was spricht man denn von mir in D…? Rien, Monsieur, antwortete er. Sudelbuch B 202
Wenn ich einen Augenblick einmal denke, aber es könnte dir in Zukunft schaden, so zu handeln; Possen, fällt mir meine Empfindung ins Wort, und ich bin gewöhnlich schon überführt, ehe sie völlig ausgeredet hat. Sudelbuch B 206
Sprich nicht immer: Weil nun das ist, so muss dieses so sein, lass deine Empfindung auch einmal zum Wort kommen. Bisher konnte die Vernunft nicht zum Wort kommen, jetzo da sie merkte, dass es etwas stiller ward, so fing sie wie gewöhnlich an, wenn sie lange nicht gesprochen hat. Sudelbuch B 207
Es war eine Übereilung, ich tat es mit der nämlichen Wärme, ohne welche mein Leben weit weniger wert sein würde, als es jetzo ist, und ich legte mich endlich unter bitteren Vorwürfen, die ich mir machte, zu Bette, meiner Empfindung nach um einen ziemlichen Ausschlag moralischen Gewichts leichter. Sudelbuch B 208
Ihr Unterrock war rot und blau sehr breit gestreift und sah aus, als wenn er aus einem Theater-Vorhang gemacht wäre. Ich hätte für den ersten Platz viel gegeben, aber es wurde nicht gespielt. Sudelbuch B 212
Weil er seinem Vater nun einmal bei der Zeugung misslungen war, so getraute sich kein Kupferstecher nachher, noch einmal sein Heil mit ihm in Kupfer zu versuchen. Sudelbuch B 213
Die meisten Hofmeister applizieren nur Palliativ-Kuren gegen die Laster ihrer jungen Herrn, ihr Geld oder sie selbst gar einzuschließen, was ist dieses anders? Principiis obsta, dieses versteht der meiste Teil nicht. Sudelbuch B 215
Taten, die zum Schaden der Täter, allein zum Vorteil anderer eben deswegen gereichten, hat man, weil sie ihrer Natur nach keine bare Bezahlung zuließen, mit Lob zu bezahlen gesucht, und Ehrengedächtnisse sind Wechsel, die man auf die Nachwelt stellen muss, weil sie oft die lebende Welt mit Protest würde zurückgehen lassen. Sudelbuch B 216
Leute werden oft Gelehrte, so wie manche Soldaten werden, bloß weil sie zu keinem andern Stand taugen, ihre rechte Hand muss ihnen Brot schaffen, sie legen sich, kann man sagen, wie die Bären im Winter hin und saugen aus der Tatze. Sudelbuch B 219
Die Barbarei ist eine Sintflut über die Wissenschaften gewesen, welche der witzelnde Frevel einiger römischen beaux esprits über dieselben gebracht hat, sie ist in beinah 2000 Jahren noch nicht ganz vertrocknet, selbst in Deutschland stehen hier und da noch starke Pfützen, wie Seen, wo gewiss keine Taube ein Ölblatt finden würde. Sudelbuch B 220
Beleidigungen des Verstandes und Witzes. Sudelbuch B 222
Zwei Aktricen, die sich sehr stark beneideten, kamen in London einmal zu gleicher Zeit heraus und fingen zugleich an zu sprechen. Sudelbuch B 226
Witz und Laune müssen, wie alle korrosive Sachen, mit Sorgfalt gebraucht werden. Sudelbuch B 228
Jedermann kennt das Vergnügen und die angenehme Sicherheit, mit welcher man in neuen Strümpfen ausgeht, wenn die vorhergehenden schon öfters geflickt worden und dennoch zuweilen die Aufmerksamkeit der Leute durch ein Loch auf sich gezogen haben. Sudelbuch B 229
Eine Auktion, wo man statt Geld mit andern Sachen böte als z. E. mit Büchern. Sudelbuch B 231
Das Trinken hat wie die Malerei seinen mechanischen und dichterischen Teil, so wie auch die Liebe. Dieses gehört mit zur Pinik. Sudelbuch B 232
Wer ist da? Nur ich. O das ist überflüssig genug. Sudelbuch B 236
Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube, es müssten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13. Sudelbuch B 238
Er konnte nicht begreifen, warum zuweilen unwiderstehliche Neigungen in ihm entstunden, wozu ihm doch alle Befriedigung abgeschnitten war. Er richtete diese Zweifel oft als eine Preisfrage an den Himmel, und eine befriedigende Beantwortung versprach er mit einer völligen Verleugnung seiner selbst und einer gelassenen Unterwerfung zu erwidern. Sudelbuch B 239
Und mit dem Wein, der nun nicht mehr in den Bouteillen, sondern im Kopf war, gingen sie auf die Straße. Sudelbuch B 241
Wenn ich einen Großen, der ein Bösewicht ist, in Gedanken gehn sehe, so denke ich immer, nun ist er sein eigener Henker vielleicht und vollzieht eine Strafe an sich selbst, welches jener nicht tun darf und kann. Sudelbuch B 242
Das älteste Sprichwort ist wohl: Allzu viel ist ungesund. Sudelbuch B 244
Nimm dich in acht, dass meine Geduld nicht über deiner Langsamkeit abläuft. Auf meine Ehre, ich ziehe sie deinetwegen nicht noch einmal auf. Sudelbuch B 245
Es ist zum Erstaunen, wie sehr unsere Eitelkeit mit jedem Bettel schachert, was der Arme nicht mehr nützen kann, wirft er auf den ersten den besten Weg hin umsonst. Wir, die wir uns mehr dünken als Bettel-Leute, geben unsere abgenutzte Kleider zuweilen dem ersten dem besten Armen gegen Erlegung [von] etwas weit Wichtigerm, als es uns zu stehen kam, gegen Dank und Verbindlichkeit. Sudelbuch B 248
Wenn ich einmal sein Leben herausgebe, so suchen Sie gleich im Index die Wörter Bouteille und Selbst-Genuss auf, sie enthalten das Wichtigste von ihm. Sudelbuch B 251
Ich fürchte immer, unter den hundert Händen, wodurch mein Brief gelaufen ist, sind ein paar neugierige gewesen, und das schlimmste Maul kann gewiss nicht soviel Unheil anfangen als ein paar neugieriger Hände, entweder für andere Leute oder auch für den, von dessen Schultern sie herabhängen. Sudelbuch B 252
Er bewegte sich so langsam als wie ein Stunden-Zeiger unter einem Haufen von Sekunden-Zeigern. Sudelbuch B 254
Ich weiß in der Tat nicht, warum dieser Mensch noch fortlebt in der Welt, keine von den Eigenschaften, die er jetzo besitzt, darf [er] auf einen höheren Grad der Vollkommenheit bringen, eine jede würde sich im Galgen endigen. Sudelbuch B 256
Bei unsrem frühzeitigen und oft gar zu häufigen Lesen, wodurch wir so viele Materialien erhalten, ohne sie zu verbauen, wodurch unser Gedächtnis gewöhnt wird, die Haushaltung für Empfindung und Geschmack zu führen, da bedarf es oft einer tiefen Philosophie, unserm Gefühl den ersten Stand der Unschuld wiederzugeben, Sich aus dem Schutt fremder Dinge herauszufinden, selbst anfangen zu fühlen und selbst zu sprechen und, ich möchte fast sagen, auch einmal selbst zu existieren. Sudelbuch B 260
Wie hat es Ihnen in dieser Gesellschaft gefallen? Antwort: Sehr wohl, beinah so sehr als auf meiner Kammer. Sudelbuch B 262
Ich weiß nicht, der Mensch hatte wirklich die Miene, die man ein In-sich-Kehren der Augen des Geistes nennen könnte und allezeit ein Zeichen des Genies ist. Sudelbuch B 263
Was mich allein angeht, denke ich nur, was meine guten Freunde angeht, sage ich ihnen, was nur ein kleines Publikum bekümmern kann, schreibe ich, und was die Welt wissen soll, wird gedruckt. Von einem Gedanken, der mich angeht, brauche [ich] nur ein Exemplar, ebenso für den Freund und das kleine Publikum ebenso viel, jedes auf eine Art gedruckt, wie es sich für sie am besten schickt und am bequemsten ist, die Welt muss mehrere Exemplare haben, und so lassen wir drucken. Wäre es möglich, auf irgendeine andere Art mit ihr zu sprechen, dass das Zurücknehmen noch mehr stattfände, so wäre es gewiss dem Druck vorzuziehen. Sudelbuch B 268
Ich habe mit ihm 2 Jahre in einerlei Nachtgeschirr gepisset und kann also schon wissen, was an ihm ist. Sudelbuch B 269
Er hat bisher nur ein kleines Leben von 26 Jahren zu kommandieren gehabt, und doch konnte er nicht damit fertig werden, es hat ihm eine Menge Schande gemacht. Ich weiß nicht, was er endlich noch mit sich selbst anfangen wird. Sudelbuch B 270
Vernunft und Einbildungskraft haben bei ihm in einer sehr unglücklichen Ehe gelebt. Sudelbuch B 271
Man hört es seinen Bemerkungen an, wie sehr ihn sein Klima drückt. Sudelbuch B 272
Er hatte als eine Grund-Regel seines Tun und Lassens den Anti-Shaftesburyschen-Satz angenommen, sich nie mit sich selbst zu gemein zu machen, weil er wohl voraussah, dass die Folge eine Verachtung seiner selbst sein müsse. Sudelbuch B 273
Lernen, sich selbst zu prüfen und zu belehren, hat so viele Bequemlichkeit und ist nicht so gefährlich, als sich selbst zu rasieren, jedermann sollte es in einem gewissen Alter lernen, aus Furcht irgendeinmal der Raub eines übelgeführten Schermessers zu werden. Sudelbuch B 275
Man kann sich wirklich moralisch schwer machen, so wie Kinder von ihren Körpern glauben: Das ist vorsätzlich einer Lieblings-Neigung trotzen, und recht tun. Sudelbuch B 277
Etwas in Prose oder in Versen arbeiten zu können, ist zu gewissen Zeiten ebenso bequem, als sich selbst rasieren und frisieren zu können. Sudelbuch B 283
Sie ging mit Schritten, wovon jeder die Absicht zu haben schien zu besiegen, und doch, wer konnte einen zwingen hinzusehen, wenn man nicht wollte, man konnte es der kleinen Hexe unmöglich verbieten. Sudelbuch B 286
Er verstand alle die Ausdrücke der Deklination und Inklination des Hutes. Sudelbuch B 289
Ich habe eine Menge kleiner Gedanken und Entwürfe zusammengeschrieben, sie erwarten aber nicht sowohl noch die letzte Hand als vielmehr noch einige Sonnenblicke, die sie zum Aufgehen bringen. Sudelbuch B 290
In allen Wissenschaften gibt es durchgängig brauchbare und recht roulierende Wahrheiten, die die Presse noch nicht gesehen haben. Sudelbuch B 291
Es waren ihrer zwo Schwestern, die ältere majestätisch, still, und alles verkündigte ohne Zwang den Verstand, den sie besaß, die jüngere einnehmend, flatterhaft, aber dennoch vortrefflich, kurz, wenn man sie beisammen sah, so glaubte man Freundschaft und Liebe zu sehen. Sudelbuch B 293
Es ist noch gar nicht ausgemacht, was einige gelehrte Zeitungsschreiber, Journalisten oder sonst Spottvögel behauptet haben, dass man über gewisse Materien, ohne allen Verstand zu besitzen, viel schreiben könnte, gesetzt aber auch, man gäbe es zu, so sind es doch gewiss wenige Materien pp. Sudelbuch B 296
Dass das Barometer öfters fällt, wenn es trüb wird, daran sind die Wolken ebenso wenig Ursache als an manchen Orten die Jahrmärkte, dass es regnet. Sudelbuch B 297
So vortrefflich die gesunde Vernunft sich überall anlässt, so abscheulich links stellt sich die ungesunde bei jeder Gelegenheit. Sudelbuch B 298
Wenn die wilden Schweine dem armen Manne seine Felder verderben, so rechnet man es ihm unter dem Namen Wildschaden für göttliche Schickung an. Sudelbuch B 299
Man könnte also Deutsche Gesellschaften als ein Kabinett ansehen, worin oft ein philosophischer Ältester junge Affen in ihrer Überzeugung, große Geister zu sein, wie in einem leichten Spiritus aufbewahrt, um daraus Glieder zu der Kette zu finden, mit welcher der Gelehrte an dem Kopisten anhängt. Sudelbuch B 301
Es ist eine Frage, welches schwerer ist, zu denken oder nicht zu denken. Der Mensch denkt aus Trieb, und wer weiß nicht, wie schwer es ist, einen Trieb zu unterdrücken. Die kleinen Geister verdienen also wirklich die Verachtung nicht, mit der man [ihnen] nun in allen Landen zu begegnen anfängt. Sudelbuch B 303
Kein Wunder, dass sich Stutzer so gerne im Spiegel sehen, sie sehen sich ganz; wenn der Philosoph einen Spiegel hätte, in welchem er sich, so wie jener, ganz sehen könnte, er würde nie davon wegkommen. Sudelbuch B 304
Es ist ein Fehler, den der bloß witzige Schriftsteller mit dem ganz schlechten gemein hat, dass er gemeiniglich seinen Gegenstand eigentlich nicht erleuchtet, sondern ihn nur dazu braucht, sich selbst zu zeigen. Man lernt den Schriftsteller kennen und sonst nichts. So hart es auch zuweilen widergehen sollte, eine witzige Periode wegzulassen, so muss es doch geschehen, wenn sie nicht notwendig aus der Sache fließt. Diese Kreuzigung gewöhnt allmählich den Witz an die Zügel, die ihm die Vernunft anlegen muss, wenn sie beide zusammen mit Ehren auskommen sollen. Sudelbuch B 305
Es war ein Mädchen frisch und schön, und, wenn es nicht mehr anders sein konnte, nicht bloß erwartend, kurz so wie sie alle würden geworden sein, wenn die bekannte Geschichte, die uns Moses erzählt, nicht dazwischengekommen wäre. Sudelbuch B 308
Er hatte etwas an sich, was die Herrnhuter gemeiniglich gesalbtes Wesen, der stubensitzende Lehrer der Theologie Frömmigkeit, der vernünftige Mann, der die Welt kennt, Einfalt und Unverstand nennt. Sudelbuch B 309
Cicero de natura deorum. Opera 1166. I. sagt von sich cum minime videbamur tum maxime philosophabamur. Sudelbuch B 310
Damit [man] der verfluchten Ketzerei endlich den lang verschobenen Gnadenstoß geben könne. Sudelbuch B 312
Eine Gedanken fliehende Kraft. Sudelbuch B 313
An einem warmen Abend hatte Seng, so hieß der Mensch, von dessen Geistes-Umständen ich das Merkwürdigste erzählen will, das Mädchen gesehen, das er seit einem Jahr für das schönste in der Welt hielt. Schon lange vorher, als sie ihn kannte, hatte er sie sich zum Muster gewählt, wenn er sich eine Psyche oder eine Helena, eine Hebe oder sonst ein berühmtes Mädchen sinnlich machen wollte, dadurch gab er ihr endlich in seinem Geist denjenigen Reiz, den unter allen Menschen nur die Liebhaber und unter diesen nur die wenigen sehen, die die Gabe einer glücklichen Schwärmerei besitzen. Sudelbuch B 315
Hätte die Natur nicht gewollt, dass der Kopf den Forderungen des Unterleibes Gehör geben sollte, was hätte sie nötig gehabt, den Kopf an einen Unterleib anzuschließen. Dieser hätte sich, ohne eigentlich dasjenige zu tun, was man Sünde nennt, satt essen und sich satt paaren und jener ohne diesen Systeme schmieden, abstrahieren und ohne Wein und Liebe von platonischen Räuschen und platonischen Entzückungen reden und singen und schwatzen können. Küsse vergiften ist noch weit ärger von der Natur gehandelt, als das Vergiften der Pfeile der Feinde im Krieg. Sudelbuch B 318
Venus anadyomene. Die Venus, wie sie aus dem Wasser, oder J… wenn sie des Abends aus dem letzten Röckchen heraussteigt, welche ist schöner? Sudelbuch B 319
Ich wünschte mir bloß, ein König zu sein, um mit meinen geringen Talenten L der Große [zu] heißen. Sudelbuch B 321
Was die Männer in Lacedämon bei schwerer Strafe verbunden waren wenigstens 5 mal des Monats zu tun, das tat er freilich wenigstens dreimal so oft. Sudelbuch B 322
Zwischen Wachen und Traum, auch bei der herannahenden Gottheit des Bacchus, nimmt oft die Erinnerung längst vergangener Wollust einen ganz himmlischen Schwung in unsern Seelen. Sudelbuch B 324
Ihr Gesicht ist so schön und so andächtig, dass sie Lamettries bekehren und Apostel verführen könnte. Sudelbuch B 325
Die Scheidewand zwischen Vergnügen und Sünde ist dünne, dass sie der Strom des langsamsten Blutes im Siebenzigsten in Stücken drückt. Was? Will denn die Natur, was sie nicht will? Oder denkt die Vernunft, was sie nicht denken kann? Du Narr! Weg mit dieser verfluchten Demokratie, wo alles das Wort führen will. Wenn ich will, soll eine uneinheimische, eingeführte nichtswürdige Sentenz aufsteigen und Fleisch und Blut Trotz bieten? Eine Sentenz Herr von diesem festen steten Hang eines ganzen Systems zur Wollust? Ja werfe einem hungrigen Volk einen Zwieback zu und befriedige es oder halte die Flut mit einem Fächer auf. Sünde, was Sünde – dreitausend Stimmen gegen eine, es ist nichts. Eine Schuldistinktion oder Priester-Betrug. So – hier steh ich fest, und dieses bin ich. Seid was ihr wollt, wohlan. Sudelbuch B 329
Ich kann die verdammten Buttervögel nicht leiden, die sich im Sommer so dünne tragen, dass ein unschuldiges Mädchen sich um den Himmel an ihnen gucken kann, und die doch im Winter so frosterich sind, dass sie bis auf die Degen-Scheiden alles mit Pelz füttern. Sudelbuch B 331
In der Tat war dieses sonderbar, aber mich dünkt, du handelst sonderbar, ohne sonderbar zu sein. Höre, lass dich in kein Spiel ein mit dir selbst, du gewinnst dir doch nichts ab. Ich mag gern sehen, wenn man immer ist, was man sein kann, was hilft es dich, wenn du auch den gegenwärtigen Augenblick etwas weismachst, worüber dich der nächste Lügen straft. Sudelbuch B 332
Ich fand ihn in seiner Stube, die Hose bis an die Knie herunterhängend und mit einem Messer in der Rechten, jedermann, der ihn so gefunden haben würde, würde geglaubt haben, er wolle sich kastrieren, er hatte eben die Hosen, die ihm geplatzt waren, mit einem langen Bindfaden zugebunden, den er beschäftigt war abzuschneiden. Sudelbuch B 335
Unter den heiligsten Zeilen des Shakespeare wünschte ich, dass diejenigen einmal mit Rot erscheinen mögten, die wir einem zur glücklichen Stunde getrunkenen Glas Wein zu danken haben. Sudelbuch B 337
Ein gewisser Freund, den ich kannte, pflegte seinen Leib in drei Etagen zu teilen, den Kopf, die Brust und den Unterleib, und er wünschte öfters, dass sich die Hausleute der obersten und der untersten Etage besser vertragen könnten. Sudelbuch B 339
Die gerade Linie wird eher in sich selbst wieder zurückkehren, als ich von meiner Richtung abweichen, sage mir einen Weg, der noch näher ist als der gradeste, und ich will den jetzigen fahren lassen und deiner Anweisung folgen. Sudelbuch B 340
Wie abgeschmackt ist alles ohne dich, die Welt sieht mir aus wie eine kalte leere Stube, und die neuesten Dinge, als wenn ich sie schon 3-mal gesehen hätte. Sudelbuch B 346
Selbst dadurch, dass wir uns vergnügen, auch noch einer geliebten Person außerdem ein großes Vergnügen machen, ist das reizendste, was sich der empfindliche Mensch denken kann, daher hat auch die gütige Natur dieses Prämium demjenigen versprochen, der sich die Mühe nehmen würde, andere seinesgleichen zu machen. Sudelbuch B 347
Unser fetter Bacchus, der seine dicken Schenkel über ein Fass geschlagen in der Rechten sein Bassglas hält, muss wieder zu jenem sanften Gott der Alten zurückgebracht werden. Sudelbuch B 348
Polizei, Polzei, Plotzei, Platzei, Platzerei, Plackei, Plackerei. Sudelbuch B 352
Apostel, Apostille, Postille. Sudelbuch B 353
Der liebe Gott muss uns doch recht lieb haben, dass er immer in so schlechtem Wetter zu uns kommt. Sudelbuch B 354
Bei einem kleinen Fieber glaubte ich einmal deutlich einzusehen, dass man eine Bouteille Wasser in eine Bouteille Wein verwandeln könne durch die nämliche Methode wie man eine Figur in einen Triangel verwandelt. Sudelbuch B 355
Sie glauben oft, um ein schöner Geist zu sein, müsse man etwas liederlich leben, und gleichsam das Genie mit verdorbenen Sitten fett machen. Sudelbuch B 356
Apollo verlangte von den Einwohnern zu Delos die Auflösung eines Problems aus der Geometrie, um die Pest aufzuhalten. Die Aufgabe war: die Seite des doppelten Würfels aus der Seite des einfachen zu finden. Wenn heutzutag mancher Stadt in Deutschland eine solche Aufgabe vorgelegt würde, was würde alsdann ein Hochweiser Magistrat beschließen: vermutlich dem Himmel die Sache anheimzustellen und die Pest ausrasen zu lassen. Sudelbuch B 357
Wenn Apollo mancher Stadt nur die Aufgabe von der Bisektion des Winkels aufgäbe, sie müssten sich auf Diskretion ergeben. Sudelbuch B 358
Ist es denn so unrecht, dass der Mensch wieder durch die nämliche Pforte zur Welt hinausgeht, durch die er hineingekommen ist? Sudelbuch B 364
Alle Äpfel-Mädchen von der Eva bis auf sie. Sudelbuch B 367
2Es begegnete mir nichts als eine Kröte, und die habe ich totgeschlagen, einmal ruhte ich unter einem Baum einer Notdurft wegen aus, und ich dachte, wie ich so saß, ob es auf dem Thron von Frankreich so schön sein kann als auf meinem Nachtstuhl. Sudelbuch B 376
Neuer Vorschlag alle neu geborne Mädchen zu ersäufen. Sudelbuch B 377
Es kann nicht alles ganz richtig sein in der Welt, weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen. Sudelbuch B 381
Es tun mir viele Sachen weh, die andern nur leid tun. Sudelbuch B 383
Über die Frage, ob man auch Verstorbene zu Mitgliedern von Akademien machen könnte? Sudelbuch B 384
Dieser Mann teilte alles sehr gerne mit, was ihn nichts kostete, unter allen aber Komplimente, beleidigte niemanden, wenigstens wusste man es nicht, hatte allezeit eine liebreiche Miene, und seine Bescheidenheit war so groß, dass sie in der Stimme sogar an das Klägliche grenzte, er passierte bei vielen Leuten für tugendhaft und bei den meisten für demütig, kurz, er war von der Art Leute, die man so ziemlich häufig antrifft und die man in England mit dem Namen sneaking rascals zu beehren pflegt. Sudelbuch B 386
Ich warf allerlei Gedanken im Kopf herum, bis endlich folgender obenhin zu liegen kam. Sudelbuch B 388
Fein war er eigentlich nicht, allein er verstand doch die Kunst, wenn er es bedurfte, zuweilen auf seinen Nebenmenschen zu reiten. Sudelbuch B 390
Er hatte so wenig Macht über sich selbst, dass er es nicht einmal über sich bringen konnte, seinen Stock in eine gewisse Ecke seiner Stube zu stellen, wie er sich doch vorgenommen, sondern wenn er nach Hause kam, so ging er an der Ecke vorbei, und es war ihm gemeiniglich zu unbequem, ihn aus der Hand zu lassen, bis er an ein anderes Ende der Stube gekommen war. Sudelbuch B 391
Was für eine Entdeckung wäre es, wenn man Geistern Aktivität geben könnte, dass sie nur täten, was sie wirklich tun wollten und auch könnten, wenn sie weniger nachlässig wären, diese Nachlässigkeit stürzte die Regentin Anna in Russland und macht, dass mancher lieber bettelt als arbeitet, und ist der Anfang zu allem Nichtswürdigen. Sudelbuch B 392
Er hatte ein paar Stunden zugebracht, um einen guten Gedanken über die Chinesische Mauer zu haben, und war zu dem Ende die Sache physisch, moralisch und metaphysisch durchgegangen. Sudelbuch B 405
Von allen Mordtaten sind nur diejenigen angekommen, von denen man etwas weiß. Sudelbuch B 407
In saufbrüderlicher und kaffeeschwesterlicher Eintracht. Sudelbuch B 409
Ihr, die ihr dieses entweder als Päckchen oder als Packpapier von eurem Buchhändler erhalten werdet. Sudelbuch B 410