Sudelbücher Die Sudelbücher des Georg C. Lichtenberg
In der Bibliothek zu Mafra in Portugal sind 100 Bände, die die Taten des heiligen Antonius beschreiben. Brief 29. Sudelbuch C 6
Empfindungen, die zwar sehr fein und platonisch sind, jedoch schon außerhalb der Grenzen der Kastraten-Empfindungen fallen. Sudelbuch C 14
Ein Rausch, ehe ein andrer vorbei ist, [ist] eine superfoetation. Sudelbuch C 18
Bei mir liegt das Herz dem Kopf wenigstens um einen ganzen Schuh näher als bei den übrigen Menschen, daher meine große Billigkeit. Die Entschlüsse können noch ganz warm ratifiziert werden. Sudelbuch C 19
Mit größerer Majestät hat noch nie ein Verstand still gestanden. Sudelbuch C 24
Die Sand-Uhren erinnern nicht bloß an die schnelle Flucht der Zeit, sondern auch zugleich an den Staub, in welchen wir einst verfallen werden. Sudelbuch C 26
Dieser Satz gehört mit unter die offizinellen. Sudelbuch C 27
Zu Dorlar, einem Dorf an der Lahn, haben fast alle Leute rote Haare. Sudelbuch C 29
Vergangener Schmerz ist in der Erinnerung angenehm, vergangenes Vergnügen auch, künftiges Vergnügen wieder, auch gegenwärtiges, also ist nur der zukünftige und gegenwärtige Schmerz, was uns quälet; ein merkliches Übergewicht von Seiten des Vergnügens in der Welt, das noch dadurch vermehrt wird, dass wir uns beständig Vergnügen zu verschaffen suchen, dessen Erhaltung wir in vielen Fällen mit ziemlicher Gewissheit voraussehen können; hingegen der noch künftige Schmerz weit seltner vorausgesagt werden kann. Sudelbuch C 30
Etwas, das sich mit der Schnelligkeit des Blitzes oder des Lichts von dem einen Ende eines Sandkörnchens bis zum andern bewegt, wird uns zu ruhen scheinen. Sudelbuch C 31
Er kann sich einen ganzen Tag in einer warmen Vorstellung sonnen. Sudelbuch C 36
Sie sind so sehr unterschieden als schwarz von weiß; also so sehr als ein Perückenmacher von einem Schornsteinfeger. Sudelbuch C 39
Die Osnabrücker sind ganz gute Leute, aber sie brauchen doch auch 3 Tage Zeit, um einen Windofen zu setzen. Sudelbuch C 42
Wir glauben öfters, dass wir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Hände schrieben, während als sie einem Dritten immer einerlei scheinen. Sudelbuch C 46
Wenn man einen genealogischen Kalender vor sich nehmen will, so wird man finden, dass fast die meisten Erbprinzen ein Jahr nach der Hochzeit geboren sind. Warum nicht eben 9 Monat? Ich weiß es wohl. Aber nie müsse … wenn ich es sage. Sudelbuch C 48
Die Mädchen hören euch vielleicht gerne zu, wenn ihr auf euren Lauten eure Fantasien vorklimpert, wenn es ihnen aber zu tun ist, zwischen Geist und Fleisch Friede zu stiften, so werdet ihr nie zum Kongress gelassen. Sudelbuch C 49
Die englischen Genies gehen vor der Mode her und die deutschen hintendrein. Sudelbuch C 51
Wie schön ist nicht das Gleichnis des Yorick von den abgeschliffenen Kronen in einem Beutel, die sich alle einander ähnlich werden (den Franzosen), und von den Schaustücken, wo jedes sein eignes Gepräge zeigt (den Engländern). Sudelbuch C 54
Ich will dir keinen Schatten machen kleines Tierchen (es war eine Spinne), die Sonne gehört dir so gut als mir. Sudelbuch C 55
Wir schrieben einander die verbindlichsten Briefe, er lobte meinen Fleiß, und ich nannte ihn den Stolz der Deutschen. So schwänzelten wir einen ganzen Sommer gegeneinander, bis in den September, da der Herr Hofrat auf einmal den Schwanz fallen ließ. Ich dachte gleich damals, er würde nun beißen, und habe gegen einige meiner Freunde diese Vermutung in klaren Worten geäußert. Er biss wirklich, es ging aber nicht durch. Sudelbuch C 57
Das Sprechen im Traum könnte gebraucht werden in einem Roman, etwas zur Entwickelung beizutragen. Sudelbuch C 58
Es ist ein Vorurteil unseres Jahrhunderts in Deutschland, dass das Schreiben so zum Maßstab des Verdienstes gediehen ist. Eine gesunde Philosophie wird vielleicht dieses Vorurteil nach und nach vertreiben. Sudelbuch C 59
Er ist schon in den Vierzigen und trägt noch immer rotes Unterfutter und helle Farbe. Also ins historische Lexikon wird er nie kommen, weder als Genie noch als Spitzbube. Sudelbuch C 64
Unsere Gelehrten verfallen in den Fehler der Krämer in den kleinen Städten, sie kaufen nicht an der Stelle, wo es wächst, sondern lassen sich es lieber erst von einem Engländer oder Franzosen vorsagen. Das ewige unsern Lands-Leuten bekannt machen, warum suchen wir unsern Landsleuten nicht den Geist einzuprägen, selbst zu versuchen und immer auf das Bessermachen zu denken? Sudelbuch C 65
Was einem das Liegen auf dem rechten Ellenbogen ist, nachdem man eine Stunde auf dem linken gelegen. Sudelbuch C 79
In Osnabrück heißt ein Barometer ein Wetter-Wicker, die gemeinen Leute sprechen es aus: ein Weërwicker (ein Wetterweiser oder Wahrsager). Sudelbuch C 80
Seitdem jedermann kritische Scharteken liest, so sind die Produkte des Witzes der Leute gewissermaßen der Maßstab geworden, nach welchem man ihren Wert als Mensch überhaupt bestimmt. Sudelbuch C 85
Im Osnabrückschen Land Recht steht: Wenn fremde Hühner Schaden tun und mein Korn abfressen, bin ich befugt, ihnen die Kröpfe auszuschneiden und das Korn daraus zu nehmen. Sudelbuch C 92
Es gibt 100 Witzige gegen einen, der Verstand hat, ist ein wahrer Satz, womit sich mancher witzlose Dummkopf beruhigt, der bedenken sollte, wenn das nicht zu viel von einem Dummkopf gefordert heißt, dass es wieder 100 Leute, die weder Witz noch Verstand haben, gegen einen gebe, der Witz hat. Sudelbuch C 98
Gib meinen guten Entschlüssen Kraft, ist eine Bitte, die im Vaterunser stehen könnte. Sudelbuch C 99
Aus der Weisheit Gottes manche Sachen schließen zu wollen ist nicht viel besser, als es aus seinem eignen Verstand zu tun. Sudelbuch C 101
Er führte erst den Degen fürs Vaterland mit nicht sonderlichem Glück, und nun fing er an, die Messkette für dasselbe zu führen. Sudelbuch C 103
Anstatt der gestochenen Vignetten könnte man auch geschriebene anbringen, erbaulicher würden sie zuweilen sein, als die Argumente über den Capituln oder die in Kupfer gestochene Vignetten. Ebenso könnte man Noten in Kupfer stechen. Sudelbuch C 112
Er speit Geheimnisse und Wein. Sudelbuch C 118
Die Mutter sagt’s, der Vater glaubt’s und ein Narr leugnet’s. Sudelbuch C 121
Tue nicht allzu fein, damit nicht ein natürlich Feinerer zuweilen merkt, dass du wirklich so bist, wie du ihn gerne finden wolltest. pm Sudelbuch C 122
Als sich der Dichter Rousseau seines Vaters schämte und sich Verniettes nannte, so brachte ein verschmitzter Kopf die Worte Tu de renies heraus. Pitaval T. VI. In dem Processe zwischen dem Mathematiker Saurin und Rousseau. Sudelbuch C 128
Es gibt eine Art Vögelchen, die in die dicksten hohlen Bäume Löcher hacken, sie trauen ihren Schnäbeln so viel Kraft zu, dass sie allemal nach jedem Hieb auf die entgegengesetzte Seite des Baumes gehen sollen, um zu sehen, ob der Streich nicht durch und durch gegangen sei. Sudelbuch C 132
Wer hört Entschuldigungen, wenn er Handlungen hören kann? Sudelbuch C 137
Wir Protestanten glauben nunmehr in sehr aufgeklärten Zeiten, in Absicht auf unsere Religion zu leben. Wie wenn nun ein neuer Luther aufstünde? Vielleicht heißen unsre Zeiten noch einmal die finstern. Man wird eher den Wind drehen oder aufhalten können, als die Gesinnungen des Menschen heften. Sudelbuch C 146
Die Regeln der Grammatik sind bloße Menschen-Satzungen, daher auch der Teufel selbst, wenn er aus besessenen Leuten geredet, schlecht Latein geredet. Wie man dieses in der Geschichte des Urban Grandier im Pitaval Tome II. mit mehrerm nachlesen kann. Sudelbuch C 149
Dieses ist dem Menschen so natürlich als das Denken, oder das Werfen mit Schneebällen. Sudelbuch C 155
Es war ihm unmöglich, die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören. Sudelbuch C 156
(Das Mädchen hatte ein Paar sündlich schöne Hände. pm) Sudelbuch C 160
Der bekannte Barlette gedenket eines Bischofs, der dem Fluchen sehr ergeben gewesen. Barlette nahm sich einstmals die Freiheit, es ihm vorzuhalten, worauf der Bischof antwortete, wer ins Teufels Namen hat euch gesagt, dass ich fluche? Sudelbuch C 169
Ein Vater schloss einen Brief an seinen Sohn: Wenn du nicht gleich nach Hause kommst, so soll dich der Donner erschlagen: Gott befohlen. Sudelbuch C 170
Die Astronomie ist vielleicht diejenige Wissenschaft, worin das wenigste durch Zufall entdeckt worden ist, wo der menschliche Verstand in seiner ganzen Größe erscheint, und wo der Mensch am besten kennenlernen kann, wie klein er ist. Vaezupahe. Sudelbuch C 181
Die kleinsten Unteroffiziere sind die stolzesten. Sudelbuch C 184
Die Banianen in Arabien tragen Rosenkränze nicht, um darnach zu beten, sondern sich die Zeit zu vertreiben. Sudelbuch C 189
Bei einem Brief an einen guten Freund, der gut geschrieben sein soll, muss immer hauptsächlich der eine Gedanke durch das ganze hervorsehen: Sie hatten nicht nötig gehabt, sich zu bedanken. Im Jetzigen muss das Künftige schon verborgen liegen. Das heißt Plan. Ohne dieses ist nichts in der Welt gut. Sudelbuch C 193
Er speiste so herrlich, dass 100 Menschen ihr: Tägliches Brot gib uns heut davon hätte erfüllt werden können. Sudelbuch C 203
Vorher war er sehr unordentlich. Es kostete ihn viele Mühe, und er tat sich etwas Rechts zugute darauf, dass er drei Wochen hintereinander seine Schere, ein altes Messer, das er oft brauchte, und ein Federmesser an einem gewissen bestimmten Ort beisammenbehalten konnte. Sudelbuch C 206
Die Bibliotheken werden endlich Städte werden, sagt Leibnitz. Sudelbuch C 210
Eine Strafe im Traum ist allemal eine Strafe. Vom Nutzen der Träume. Sudelbuch C 214
Der Unterleib hatte keine Portion zu dem Übrigen. Sudelbuch C 215
Die Katholiken bedenken nicht, dass der Glauben der Menschen sich auch ändert, wie überhaupt die Zeiten und Kenntnisse der Menschen. Hier zunehmen und dort stille stehn ist den Menschen unmöglich. Selbst die Wahrheit bedarf zu andern Zeiten wieder einer andern Einkleidung, um gefällig zu sein. Sudelbuch C 221
Ein närrischer Einfall ist im Deutschen so viel als ein guter Einfall, beziehen heißt im Deutschen so viel wie betrügen, dieses könnte daher kommen, dass beziehen plattdeutsch betrecken im praeterito betrocken hat, welches fast wie betrogen klingt. Sudelbuch C 223
Zwei auf einem Pferd bei einer Prügelei ein schönes Sinnbild für eine Staatsverfassung. Sudelbuch C 227
Leichen. Schuhputzen, ehe man sie wegwirft. Sudelbuch C 228
Dieses haben unsere Vorfahren aus gutem Grunde so geordnet, und wir stellen es aus gutem Grunde nun wieder ab. Sudelbuch C 232
Ob es nicht zuträglich wäre, zur Bequemlichkeit der Setzer gewisse Namen ganz gießen zu lassen. Ein Dutzend Respetino’s könnte bei der Druckerei, worin die Hannöverschen Intelligenzblätter gedruckt werden, nicht schaden. Sudelbuch C 235
Ich habe auch Federn auf dieser Leimrute sitzen lassen. Sudelbuch C 239
Zeit urbar machen. Sudelbuch C 243
Du fragst mich, Freund, welches besser ist, von einem bösen Gewissen genagt zu werden oder ganz ruhig am Galgen zu hängen? Sudelbuch C 245
Ist denn kein Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Schinderei? Sudelbuch C 247
Wir können beim Anblick einer Sache uns nicht enthalten, wenigstens etwas von der Sache zu urteilen, auch dieses tun wir bei Menschen, darauf hat einer eine Physiognomik gebaut. Sudelbuch C 249
Dass die wichtigsten Dinge durch Röhren in der Welt ausgerichtet werden. Sudelbuch C 250
Vorbericht für den Leser; Vorrede für den Durchblätterer. Sudelbuch C 253
Der Kerl wollte, ehe er gehenkt wurde, noch seine Frau sprechen, die eine halbe Meile von ihm wohnte, er bat, man sollte ihn hingehen lassen, dieses mit einer so treuherzigen Miene, dass viel vernünftige Leute sagten, sie glaubten, er wäre wiedergekommen, wenn man ihn hätte gehen lassen, denn, sagten sie, das ganze Verlangen war viel zu dumm für eine List. Allein mit ihrer Erlaubnis, meine Herren, wenn Sie mir nur einen Augenblick Platz machen wollen, so will ich Ihnen darauf helfen. Dergleichen Entschlüsse und Unternehmungen lassen, wenn man sie als Regel ausgedrückt sieht, sehr fein, wenn aber die Anlage da ist, so sind [sie] geschwinder erfunden, als sie ein anderer in seine Hefte trägt. Sudelbuch C 257
Alsdann geriet ich in die systematischen Klauen des Herrn N. Sudelbuch C 259
Die Vergnügen der Einbildung sind gleichsam nur Zeichen und Modelle, womit die armen Leute spielen, die sich die andern nicht anschaffen können. Sudelbuch C 262
Er redete oft an Orten sehr frei, wo jedermann eine heilige Miene annahm, dafür predigte er aber die Tugend wiederum an Orten, wo sie sonst kein Mensch predigte. Sudelbuch C 264
Wie leicht Eigenliebe, ohne dass wir es merken, die Triebfeder mancher uns von derselben ganz independent scheinenden Handlung sei, können wir daraus sehen, dass Leute das Geld lieben können als Geld, ob sie gleich nie Gebrauch davon machen. Sudelbuch C 265
Zwei einfache Tiere können ein symmetrisches ausmachen. Sudelbuch C 268
Gäbe es nur lauter Rüben und Kartoffeln in der Welt, so würde einer vielleicht einmal sagen, es ist schade, dass die Pflanzen verkehrt stehen. Sudelbuch C 270
Ich kann es wohl begreifen, aber nicht anfassen und umgekehrt. Sudelbuch C 275
Wenn jemand auf die Ärzte, auf Advokaten oder die elenden Philosophen loszieht, so lachen die Vernünftigen unter denselben mit. Allein wenn man auf einen schlechten Geistlichen [loszieht], deren es doch gewiss mehrere gibt als schlechte Leute in irgendeiner Fakultät, deswegen weil es schwerer ist, ein guter zu sein, so werfen selbst gute Männer unter ihnen mit Eifer und Verfolgung um sich. Sudelbuch C 277
Pythagoras legte seinen Schülern Stillschweigen auf. So sind unsere Auditors bei den Gerichten. Sudelbuch C 280
Ein Streit unter einer Gesellschaft von Karrengefangenen über die Ehrlichkeit. Sudelbuch C 281
Jetzt ist er ganz stille, er hat sich sicherlich das letzte Mal einen Wolf geritten. Sudelbuch C 282
Als ich in meinem Schimpfwörter Buch nachsah, so fand ich kein passenderes als das arabische Dreck auf deinem Bart. Sudelbuch C 283
Ich lese den güldnen Esel noch immer lieber als den güldnen Spiegel. Sudelbuch C 293
Dass die großen Herrn sich den Regen noch nicht eigen gemacht haben, ist ein Glück, mit den Gewittern könnten sie es tun. Sudelbuch C 295
Man könnte ihn den Zaunkönig der Schriftsteller nennen. Sudelbuch C 297
Die oft schon gemachte Betrachtung, dass einem jeden das Seine am besten gefällt, ließe sich noch einmal recht lebhaft und mit vieler Philosophie behandeln. Sudelbuch C 299
Einen Brief durch die Ehrlichkeit der anderen Leute versiegelt glauben, wie ich einmal auf ein Couvert eines Briefes an Madame Dietrich geschrieben habe. Sudelbuch C 304
Der Magnet diente anfänglich nur den Taschenspielern. Sudelbuch C 310
Alkibiades hieb einmal seinem Hund den Schwanz ab. Als man ihn um die Ursache fragte, so sagte er, ich tue es bloß, um den Atheniensern etwas zu sprechen zu geben. Sudelbuch C 312
Die Deutungs-Kunst oder die Kunst, Stellen auf Personen zu deuten, an die der Schriftsteller in Ewigkeit nicht gedacht hat, ist ein Subjekt, das noch einer Behandlung wert wäre. Sudelbuch C 314
Ich kann es keinem Mädchen verdenken, wenn sie sich in ihrer Wahl eines Gemahls nicht nach dem Willen der Eltern richtet. Soll sie etwas, das sie so oft im Spiegel beschaut, woran sie so oft poliert und geputzt hat, dessen Auszierung, Pflegung und Erhaltung so lange ihre einzige Sorge gewesen ist, soll sie das jemanden hingeben, den sie nicht leiden kann? Sudelbuch C 316
Es kommt hierbei lediglich auf ein geschicktes Aus- und Einhändigen an. Sudelbuch C 317
Den Bärtigen kommt dieses freilich anders vor. Sudelbuch C 319
Eine Hauptregel für Schriftsteller, zumal solche, die ihre eigene Empfindungen beschreiben wollen, ist: Ja nicht zu glauben, dass, weil sie solches tun, dieses bei ihnen eine besondere Anlage der Natur dazu anzeige. Andere können dieses vielleicht ebenso gut als du. Sie machen nur kein Geschäfte daraus, weil es ihnen einfältig vorkommt, solche Dinge bekannt zu machen. Sudelbuch C 322
Beim Disputieren ist ein sehr feiner und bitterer Griff, erst die Gründe des Gegners noch viel stärker vorzustellen, als er sie selbst vorzustellen imstande war (hierbei ist allenfalls Sophisterei verzeihlich), und dann alles mit triftigen Gründen zusammen aus dem Wege zu räumen. Dieses lässt sich bei der Satire gebrauchen. Sudelbuch C 325
Was geht es dich an, was der Grund dieser guten Tat bei diesem Manne gewesen sein mag? Wenn auch nicht Neid die Quelle der Tat gewesen ist, so kann es doch das Vergnügen, beneidet zu werden, sein. Nicht der eigne Neid also, sondern der Neid andrer. Z. U. Sudelbuch C 326
Es ließen sich noch viel Versuche mit dem Sehen anstellen. Die Bilder, die man bei verschlossenen Augen sieht, zumal wenn man sie etwas drückt, die regelmäßigsten Formen. Fräncklins Erfahrungen zu erklären. Andere ähnliche Versuche zu machen. Als nämlich lange auf brennend Rot hingesehen und dann die Augen geschlossen, oder auf lebhaftes Grün pp. Mit dem einen Auge auf Rot und mit dem andern auf Grün. Sudelbuch C 329
Der kühnste Flug des faselnden Menschen. Sudelbuch C 332
Weil der Mann schon seit geraumer Zeit tot, so kann ich ihn wohl nennen, es ist Cicero. Sudelbuch C 334
Wie dieses der Zaunkönig der Dichter in seinem Abschied an den Amor sehr schön zwitschert. Sudelbuch C 335
Ich bemerkte wirklich auf seinem Gesicht den Nebel, der allezeit während des Wonnegefühls aufzusteigen pflegt, das man hat, wenn man sich über andere erhaben zu sein glaubt. Sudelbuch C 337
Sie tun die Taten, und wir übersetzen die Erzählungen davon ins Deutsche. Sudelbuch C 341
Wenn ich doch eine Verrichtung wählen soll, die tausend Menschen schon vor mir gewählt haben, so soll es gewiss das Compendienschreiben nicht sein. Sudelbuch C 344
Jemand wollte einmal seinen Fliegen in der Stube den Zucker abgewöhnen, und das hat ihn über ein halbes Pfund Zucker gekostet, und doch kamen noch immer welche, die ihn nicht verschmähten. Sudelbuch C 345
Um einzusehen, welches von beiden das leichteste ist, darf man überhaupt bloß die Bedeutungen der Wörter leicht und schwer verstehen. Sudelbuch C 346
Mit wollüstiger Bangigkeit. Sudelbuch C 349
Zwo Personen verabreden sich, was sie in Gesellschaft miteinander sprechen und wie sie sich einander aufziehn wollen. Sudelbuch C 352
Nicht Größe des Geistes, sondern des Windes hat ihn zu dem Manne gemacht. Sudelbuch C 356
Das müsste ein Tropf von einem Naturkündiger sein, der, wenn man ihn bei 5000 Taler Besoldung ein paar Jahre einsperrte, nicht wollte einen Folianten über einen Kirschenstiel schreiben. Jede Wissenschaft, jedes Kapitel einer Wissenschaft, jede Paragrafe hat ihre Kirschenstiele. Sudelbuch C 357
Berechnung, wie viel jünger man wird, wenn man des Morgens um 3 Uhr aufsteht. Sudelbuch C 361
Die Beiwörter sind es eigentlich, die den Chapelain unsterblich gemacht haben. In seinen Versen findet man oft Beiwörter, die nur dienen das Maß vollzumachen. Sudelbuch C 364
Wenn man nun einmal in der Welt anfangen wollte, das bloß Nötige zu tun, so müssten Millionen Hungers sterben. Sudelbuch C 368
Die Menschen können nicht sagen, wie sich eine Sache zugetragen, sondern nur wie sie meinen, dass sie sich zugetragen hätte. Sudelbuch C 373