Sudelbücher Die Sudelbücher des Georg C. Lichtenberg
Warum gefällt eigentlich Witz so sehr? Sudelbuch D 12
Die Kunst, seinen Entschlüssen Kraft zu geben, allen Lieblingsleidenschaften entgegen etwas Nützliches zu unternehmen, abzuhandeln oder doch Erfahrungen dazu zu sammeln. Sudelbuch D 13
Es ist nicht Laster-Hass, sondern Halseisen-Furcht. oder so Wer kann in jedem Fall Tugend von Halseisen-Furcht unterscheiden? Sudelbuch D 14
Wenn die Geschichte recht nützlich sein sollte, so müssten große Männer ihr eignes Leben recht unparteiisch beschreiben, dazu gehört freilich viel Entschließung. Lief doch Bolingbroke am hellen Tage nackend durch den mit Menschen angefüllten Park in London. Man würde in einzelnen Fällen weiser werden und im Ganzen von seiner Hochachtung gegen das menschliche Geschlecht nichts verlieren, wie viel angebetete Bösewichter aber auch wieder unter den öffentlich verworfenen Rechtschaffene entdecken. Oft würde Müßiggang zu Kaltblütigkeit, Freundschaft zu Interesse, Wohltätigkeit zu Leichtsinn, Gütigkeit und Gesetzmäßigkeit zu weichlicher Freiheit und Strafenfurcht werden, hingegen auch wiederum Steifsinnigkeit zu Standhaftigkeit, Eigensinn zu Treue, Geiz zu Vorsichtigkeit, Strenge zu Gerechtigkeit. Was würden sich da die Menschen ihrer Meinungen schämen. So etwas sollte man immer fürchten, wenn man von Menschen urteilt. Man bleibe ja bei den Taten stehen und betrachte sie bei kaltem Blut, eher zum Besten als zum Übelsten geneigt, da noch kein Mensch erwiesen hat, dass die Menschen eher schlimm als gut seien. Sudelbuch D 22
Es gibt Leute, die bei allem, was sie zu sehen bekommen, gleich denken, wie man es besser nach ihrer eigenen Erfahrung machen könne. Herr Kriegssekretär Ramberg in Hannover gehört unter diese Art. Wenn dergleichen Personen viel Erfahrung und Verstand besitzen, wie dieser Mann wirklich besitzt, so sind es die brauchbarsten Leute. Der eigentliche Projektemacher sucht seinen Vorrat von Erfahrungen nicht zu bereichern, daher ihm auch jene andere Eigenschaft zu nichts hilft und ihn nur lächerlich macht. Wer deswegen merkt, dass ihn die Lüste der Projektmacherei quälen, der fange bei Zeiten an und sammle Erfahrungen, er lese die besten Bücher, die ihm jeder Gelehrte des Fachs gerne anzeigen wird. Sudelbuch D 23
Ich habe jemanden gekannt, der sich die Tage der Woche unter besondern Figuren dachte, worunter er sogar einmal den Mittwochen auf den Tisch zeichnete. Sudelbuch D 24
Er hat den Galgen nicht auf dem Buckel, aber in den Augen. Sudelbuch D 27
So unglücklich als Iwan der Dritte. Sudelbuch D 28
Schwachheiten schaden uns nicht mehr, sobald wir sie kennen. Sudelbuch D 29
In einer jeden Sache gibt es wieder vielerlei zu unterscheiden und zu merken, begnügte sich ein feuriges, aber flüchtiges Genie mit der Kenntnis dieser mannigfaltigen Teile, so würde er darin mehr leisten als der langsame Denker, weil er mehr Witz hat. Hätte man Kästner angehalten, von 1745 an sich allein mit der Mondstheorie zu beschäftigen, er würde mehr geleistet haben als alles, was man bisher darin geleistet hat. Wollte sich der langsame Denker mit vielerlei abgeben, so würde er weit weniger leisten als der flüchtige Kopf. Sudelbuch D 38
Ich sehe gar nicht ab, warum wir uns einer so gewissenhaften Gnauigkeit in unsern Werken befleißigen und uns so sehr um das Mehr oder Weniger in denselben bekümmern: Jeder, der es uns nachtut, wird immer um + x oder – x von dem eigentlichen Punkt abweichen. Zum Endzweck wird es immer gleichviel sein, ob sich der Zirkel quadrieren lässt oder nicht, was schwätzen wir also? Etwa dass uns die Engel nicht auslachen? Sudelbuch D 40
Manches an unserem Körper würde uns nicht so säuisch und unzüchtig vorkommen, wenn uns nicht der Adel im Kopf steckte. Sudelbuch D 44
Man liest auch, um andere Schriftsteller kennenzulernen. Jemand, der von Kindheit an nichts als die Meisterstücke des menschlichen Verstandes hätte kennenlernen, würde das Gesicht zum Erstaunen verziehen, wenn er einige unsrer neuen lesen sollte. Es würde [ihm] vorkommen als eine Musik auf einem verstimmten Klavier, oder eine von Pfannen und Mörsern und Tellern. Eine Situation, die zu gebrauchen wäre. Sudelbuch D 45
Man ist nur gar zu sehr geneigt zu glauben, wenn man etwas Talent besitzt, arbeiten müsste einem leicht werden. Greife dich immer an, Mensch, wenn du etwas Großes tun willst. Sudelbuch D 46
Allzeit: Wie kann dieses besser gemacht werden? Sudelbuch D 52
Lehre mich, wie ich meinen heilsamen Entschlüssen Kraft gebe, lehre mich mit Ernst wollen, was ich will, lehre Standhaftigkeit, wenn die Stürme des Schicksals oder ein aufgestreifter weißer Arm meinen Bau von 3 Jahren beben machen. Lehre mich, dem Menschen in das Herz zu reden, ohne dass mein Ausdruck in dem brechenden Mittel seines Gesinnungen-Systems eine andere Richtung nimmt, und dann gib mir noch Horazens Geist, und dein Ruhm soll durch Jahrtausende durch schallen. Sudelbuch D 53
Zuweilen kann man das, was man in einer Periode einleitungsweise gesagt hat, unvermerkt weiter ausführen, ohne dass man merkt, dass es eine Ausführung des ersten ist. Ein vortreffliches Mittel, sich im Zaum zu halten. Sudelbuch D 57
Eine Uhr, die ihrem Besitzer immer um Viertel zuruft Du … um halb Du bist – – um ¾ Du bist ein … und wenn es voll schlägt: Du bist ein Mensch. Sudelbuch D 58
Eine Fledermaus könnte als eine nach Ovids Art verwandelte Maus angesehen werden, die, von einer unzüchtigen Maus verfolgt, die Götter um Flügel bittet, die ihr auch gewährt werden. Sudelbuch D 64
Auf der Schule hatte er schon die üble Gewohnheit an sich, den Porträten der Gelehrten Bärte zu machen, und nun machte er recensiones famosas. (empfohlen) Sudelbuch D 66
Das ist wahr, meine Schuh kann ich mir nicht selbst machen, aber ihr Herren, meine Philosophie lass ich mir nicht zuschreiben. Meine Schuh will ich mir allenfalls selbst machen lassen, das kann ich selbst nicht. Sudelbuch D 67
Das Wort Laune wird fast heutzutage in einem so weitläufigen Verstand genommen als das Wort Butterbrot. Sudelbuch D 68
Es wird an einem gewissen Ort ein Satyrikus verlangt. Sudelbuch D 72
Wenn er eine Rezension verfertigt, habe ich mir sagen lassen, soll er allemal die heftigsten Erektionen haben. Sudelbuch D 74
Er pflegte das die Abweichung der Leidenschaften zu nennen, wenn er etwas mit Hitze wollte, was unter oder über das Maximum der bürgerlichen Glückseligkeit fiel. Sudelbuch D 76
Die Insel ist deswegen so lange unbeschrieben geblieben, weil wegen der närrischen Sitten der Einwohner die Verleger überall auf die Gedanken gerieten, es sei eine Satire auf die Länder, worin sie lebten. Dass es Teile des Leibes gibt, von denen man nicht gerne schreibt, lass ich gelten. Wer hätte aber glauben können, dass es solche Länder gäbe? Sudelbuch D 77
Was heißt schwätzen? Schwätzen heißt mit einer unbeschreiblichen Geschäftigkeit von den gemeinsten Dingen, die entweder schon jedermann weiß oder nicht wissen will, so weitläufig sprechen, dass darüber niemand zum Wort kommen kann und jedermann Zeit und Weile lang wird. Die deutsche Sprache ist sehr arm an Wörtern für Handlungen, die sich so zu andern Handlungen des vernünftigen Mannes verhalten wie Geschwätz zur zweckmäßigsten vernünftigen Unterredung. So fehlt es uns an einem Wort für rechnen. Sudelbuch D 79
Die Komödie bessert nicht unmittelbar, vielleicht auch die Satire nicht, ich meine, man legt die Laster nicht ab, die sie lächerlich macht. Aber das können sie tun, sie vergrößern unsern Gesichtskreis, vermehren die Anzahl der festen Punkte, aus denen wir uns in allen Vorfällen des Lebens geschwinder orientieren können. Sudelbuch D 80
Auch ich bin erwacht, Freund, und zu dem Grad der philosophischen Besonnenheit gekommen, wo Liebe zur Wahrheit die einzige Führerin ist, wo ich allem, was ich für Irrtum halte, mit dem mir verliehenen Licht entgegengehe, ohne grade laut zu sagen, das halte ich für Irrtum, und noch weniger, das ist Irrtum. Sudelbuch D 83
Das Erheben in den Bürgerstand. Sudelbuch D 87
Eine Vergleichung zwischen dem, was man denkt, und dem, was man sagt, anzustellen. Man kann es sagen, ohne deswegen den Staupbesen zu fürchten, dass die Hälfte der Einwohner den Staupbesen bekommen würden, wenn sie öffentlich sagten, was sie denken, und doch ist der Mensch das, was denkt, und nicht das, was sagt. Zwo Personen, die sich einander komplimentieren, würden einander an den Köpfen kriegen, wenn sie wüssten, was sie voneinander denken. Sudelbuch D 88
Ein Mensch wählet sich ein Thema, beleuchtet es mit seinem Lichtchen, so gut er’s hat, und schreibt alsdann in einem gewissen erträglichen Modestil seine Alltags-Bemerkungen, was jeder Sekundaner auch sehen, aber nicht so festlich hätte sagen können. Für diese Art zu schreiben, welches die Lieblingsart der mittelmäßigen und untermittelmäßigen Köpfe ist, wovon es in allen Ländern wimmelt, in welchen die Magazin-Satiren gemeiniglich geschrieben sind, habe ich kein besseres Wort als Kandidaten-Prose finden können. Er führt höchstens das aus, was die Vernünftigen schon bei dem bloßen Wort gedacht haben. Sudelbuch D 89
Das, was man tun muss, um wie Shakespeare schreiben zu lernen, liegt viel weiter ab als die Lesung desselben. Sudelbuch D 91
Ich muss ihn irgendwo einmal ans Kümmel-Eckchen gestoßen haben. Sudelbuch D 92
Der Gedanke hat in dem Ausdruck noch zu viel Spielraum, ich habe mit dem Stockknopf hingewiesen, wo ich mit der Nadelspitze hätte hinweisen sollen. Sudelbuch D 94
Wie und unter welcher Gestalt zeiget sich diese Eigenschaft bei andern ähnlichen und verwandten Dingen? Sudelbuch D 95
Er hielt sich ein Zettelchen, auf welches er gewöhnlich schrieb, was er für eine besondere ihm von Gott erwiesene Gnade ansah und was sich gar nicht anders erklären ließ. Bei seinem inbrünstigsten Gebet sagte er zuweilen, o lieber Gott etwas aufs Zettelchen. Solche Ausdrücke, Ausbrüche der empfindlichsten Seelen, sind gleichsam Vertrauens-Geheimnisse zwischen Gott und der Seele. Sudelbuch D 99
Immer eine Spanne weiter. Gut, noch besser. Neu, noch neuer. Immer etwas dazu?? Sudelbuch D 100
Eine Vorrede könnte Fliegenwedel betitelt werden und eine Dedikation Klingelbeutel. Sudelbuch D 103
Die Zeitungsschreiber haben sich ein hölzernes Kapellchen erbaut, das sie auch den Tempel des Ruhms nennen, worin sie den ganzen Tag Porträte anschlagen und abnehmen und ein Gehämmer machen, dass man sein eignes Wort nicht hört. Sudelbuch D 106
Wenn du in einer gewissen Art von Schriften groß werden willst, so lese mehr als die Schriften dieser Art. Wenn du auch schon nicht deine Äste über ein großes Stück Feld ausbreiten willst, so ist es deiner Fruchtbarkeit immer zuträglich, deine Wurzeln weit ausgebreitet zu haben. Ein bloßer Leser des Wieland wird nie ein Wieland werden. Ich glaube Wieland nähme es wohl selbst über sich, für die Wahrheit dieses Satzes Bürge zu werden. Sudelbuch D 108
Armer Teufel, wo du jetzt bist, da bin ich längst gewesen. Sudelbuch D 109
Was werden die künftigen Zeiten nicht noch entdecken? O hätten doch die unsrigen über manche Dinge so klug räsoniert, als Seneca über die Kometen! Sudelbuch D 111
Man darf nur bedenken, oder wenn dieses zu weitläufig sein sollte, nur als schon von andern bedacht annehmen, dass pp. Sudelbuch D 115
Bilder wie: Die Offenherzigkeit schlägt der Dankbarkeit ins Gesicht. Sudelbuch D 117
Er kann, ehe man ein Vaterunser, betet 10 Umstände aufzählen, seine Gedanken kommen ihm, als wenn sie ihm der Kobold brächte. Sudelbuch D 118
Lass dich nicht anstecken, gib keines andern Meinung, ehe du sie dir anpassend gefunden, für deine aus; meine lieber selbst. Sudelbuch D 119
Man kann sicher bei verschlossenen Augen in das erste beste Buch den Finger auf eine Zeile legen und sagen, hierüber ließe sich ein Buch schreiben. Wenn man die Augen auftut, so wird man sich selten betrogen finden. Sudelbuch D 121
Man kann den Anschein, als wisse man was, bei etwas Weltkenntnis so fein auskünsteln, dass der pfiffigste physiognomische Hexenmeister mit allen seinen Contrakünsten durchfallen müsste. Auch schriftlich kann man es, nicht sowohl in Büchern als in Kritiken über Bücher, wo zum Glück nicht Platz genug ist, dasjenige hinzustellen, was öfters der Rezensent selbst noch nicht hat und also nirgends hinstellen könnte. Daher haben wir in Deutschland kaum n gute Schriftsteller da gewiss 1–n der Nation das Feld der Kritik bei Ehre und Brot baut. Sudelbuch D 122
So närrisch, als es dem Krebse vorkommen muss, wenn er den Menschen vorwärts gehen sieht. Sudelbuch D 123
Die Einwohner von Otaheite essen jeder allein, und können nicht begreifen, wie es möglich sei, in Gesellschaft zu essen, zumal mit den Weibern. Banks wunderte sich und fragte, warum sie allein äßen, sie sagten, sie täten es, weil es recht wäre, warum es aber recht wäre, wollten und konnten sie nicht sagen. Sudelbuch D 128
Einen Gedanken zu finden, wobei sich allemal jeder Mensch, der ihn hört, totlacht. Sudelbuch D 135
Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller. Sudelbuch D 137
Die erste Satire wurde gewiss aus Rache gemacht. Sie zu Besserung seines Nebenmenschen gegen die Laster und nicht gegen den Lasterhaften zu gebrauchen ist schon ein geleckter abgekühlter zahm gemachter Gedanke. Sudelbuch D 138
Die Einwohner von Ulietta sandten dem Herrn Cook ein Mädchen und ein Schwein zum Zeichen der Freundschaft. Mittel gegen beide Arten von Hunger. Sudelbuch D 139
Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals. Sudelbuch D 141
Er hat eine Seite herunter geLavatert. Sudelbuch D 143
Dummköpfe in Genies zu verwandeln, oder Büchen Holz in Eichen, ist wohl so schwer als Blei in Gold. Sudelbuch D 144
Er kennt diesen Satz nur par renommée. Sudelbuch D 148
Zezu. Durch das Los wird ein Mann, der gar keine Verse machen kann, Hofpoet. Er wird geprügelt, das allergnädigste Patent wird ihm mit Gewalt in die Taschen praktiziert. Sudelbuch D 150
Wenn eine gewisse Mode Schreib Art aufkommt, so muss man nicht so verächtlich von denen sprechen, die dieselbe mitmachen, Gegenteils verdienen sie Lob, es ist das beste Mittel, dem Publiko eine Wahrheit beizubringen. Meint ihr denn, sie würde leichter hinuntergehen, wenn auch das Vehiculum nicht nach der Mode ist? Nur nützliche Dinge gesagt. Wenn die gewöhnlichen Geldpressungen kein Geld mehr geben, so muss man Lottos errichten. Sudelbuch D 154
Die Eingießung des Lebens in den Menschen ist gleichsam der Stoß, der sie in Bewegung setzt, die immer wirkende Friktion reizt ihn zur Ruhe. Daher entsteht der Hang zum Läppischen. Obgleich dem Menschen das Denken so natürlich ist als dem Ochsen das Wiederkäuen, so hat er sich nunmehr ein Geschäfte daraus gemacht. Das Gute wird dem Menschen schwer. Sudelbuch D 158
Der Mensch ist vielleicht halb Geist und halb Materie, so wie der Polype halb Pflanze und halb Tier. Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe. Sudelbuch D 159
Er hat mich einiger Fäden des frömmsten Geifers gewürdigt und sein geweihtes Pfui über mein Werkchen ausgespuckt. Sudelbuch D 162
Die Vorrede könnte mit Brot und Unsterblichkeit, die beiden Punkte, wogegen [der] Geist mit dem Trabanten-Leib oder der Leib mit dem Trabanten-Geist gravitieren, anfangen. Sudelbuch D 164
Es kann Gegenstände in der Natur geben, die allgemein als nützlich und angenehm erkannt werden und deren Genuss uns endlich zerstöret, von einigen nicht allgemein begehrten ist dieses klar. Im Alter verhärten sich durch den beständigen Zufluss eines minder gut gekochten Nahrungssaftes die Gefäße und Fibern, liegt es nicht innerhalb unserer Fähigkeiten, dieses zu verhindern? Hierin sind wir mit dem der Vernunft beraubten Tier einerlei. Die Vernunft hat uns schon oft gelehrt, uns über sie zu erheben, worin wir ihnen anfänglich gleich waren, wir holen Perlen aus der Tiefe des Meeres, lenken den Blitz. Sudelbuch D 166
Ich bin nun nicht mehr Geselle, als Mensch betrachtet, ich verarbeite selbst Meinungen, so gut ich kann, wenn sie nicht abgehen, so ist es mein Schaden. Aber meine Schuld? das ist eine andere Frage. Sudelbuch D 169
Die geheimen Wirkungen der Natur beurteilt man aus solchen ähnlichen, wo man sie auf der Tat ertappt hat. Sudelbuch D 172
Acht Bände hat er geschrieben. Er hätte gewiss besser getan, er hätte 8 Bäume gepflanzt oder 8 Kinder gezeugt. Sudelbuch D 173
Bei Ausarbeitungen habe vor Augen Zutrauen auf dich selbst, edlen Stolz und den Gedanken, dass andere nicht besser sind als du, die deine Fehler vermeiden und dafür andere begehn, die du vermieden hast. Sudelbuch D 174
Ein rechtes Sonntagskind in Einfällen. Sudelbuch D 175
Die Attraktion scheint bei der leblosen Materie das zu sein, was die Selbstliebe bei der lebendigen ist. Sudelbuch D 176
Zur Verteidigung des Witzes. In bequemeren Zeitaltern, als unser gegenwärtiges ließ man den Himmel durch die Philosophie befragen, warum er das Böse geschaffen hätte, da es etwas höchst Unangenehmes wäre. Unser gegenwärtiges ernsthaftes Dezennium wird ihn hoffentlich bald befragen, warum er die bunten Schmetterlinge und den Regenbogen hat werden lassen, der offenbar zu weiter nichts da ist, als dass sich die Gassenjungen und Mädchen darüber freuen, oder [ein] physikalischer Müßiggänger in Betrachtungen darüber gerät. Sudelbuch D 180
Gesetzbuch. Es muss vor allen Dingen jede Sache aus dem besten Gesichtspunkt betrachtet werden. Wahrer Zweck erst bestimmt (allgemeine Beste) dann die Mittel. Mehrere Gesichtspunkte. Sudelbuch D 181
Unsere Vorfahren, die bei breiter Stirn und Schultern männlich dachten und männlich dreinschlugen. Sudelbuch D 185
Wie weit erstreckt sich die Wirkung hiervon? Sudelbuch D 186
Eine in einem Tollhaus befindliche Bibliothek kann beschrieben werden, nebst Anmerkungen des Bibliothekars über die Bücher, er muss abgebrochen sprechen, hier und da gute Anmerkungen mit Nonsense vermischt. Sudelbuch D 187
Eine vornehme Schnupftabaks-Sprache. Sudelbuch D 196
Dass die Seele nach dem Tode übrig bleibt, ist gewiss erst geglaubt und hernach bewiesen worden. Dieses zu glauben ist nicht seltsamer, als Häuser für einen einzigen Mann bauen, darin ihrer hundert Platz haben, ein Mädchen, eine Göttin und einen gekrönten Wackermaul unsterblich zu nennen. Der Mensch ist kein künstlicheres Geschöpf als die andern, er weiß es nur, dass er ist, und daraus lässt sich alles erklären, und wir tun wohl, diese Eigenschaft unseres Geistes allen übrigen Eigenschaften eines Geistes vorzuziehen, da wir in der Welt die einzigen sind, die uns dieses streitig machen könnten. Sudelbuch D 197
Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt, vermutlich der Mensch schuf Gott nach dem seinigen. Sudelbuch D 198
Heutzutage haben wir schon Bücher von Büchern und Beschreibungen von Beschreibungen. Sudelbuch D 201
Herkules malt man mit einer Löwenhaut, seine Taten anzudeuten; unsere Jäger müsste man mit einem Hasenfell über dem Kopf malen, unsere kritischen Herkulesse mit dem Felle eines armen Dichters, um ihn kenntlich zu machen, könnte man dem Fell noch einige Lorbeer Blätter um den Kopf und eine Feder hinter dem Ohre lassen. Sudelbuch D 205
Eine affektierte Ernsthaftigkeit, die sich endlich in einer moralischen Lähmung der Gesichtsmuskeln endigt Sudelbuch D 207
Ob es wohl möglich ist, sich deutlichere Erkenntnis von einer gewissen Substanz zu erwerben, als man dadurch bekommt, dass man die Substanz, von der die Rede ist, selbst ausmacht? Wir wissen von unsrer Seele wenig und sind sie selbst. Für wen gehört es denn, sie zu kennen, mehr als uns selbst, oder warum ist noch etwas in ihr da, das wir selbst nicht wissen? Dieser letztere Umstand ist, dünkt mich, ein sichrer Beweis, dass wir noch zu andern uns unbekannten Absichten dienen. Wäre es die einzige Bestimmung unseren Daseins, uns von unsern Nebensubstanzen kitzeln oder quälen zu lassen, so sehe ich nicht ab, warum wir uns unbekannt bleiben mussten. Sudelbuch D 208
Dann gnade Gott denen von Gottes Gnaden (von Dahlberg). Sudelbuch D 213
Was die Spannung der Triebfedern in uns am meisten hemmt, ist, andere Leute im Besitz des Ruhms zu sehen, von deren Unwürdigkeit man überzeugt ist. Sudelbuch D 215
Der gute Schriftsteller ist der, der viel und lange gelesen und nach 100 Jahren noch in allerlei Format aufgelegt und eben dadurch das Vergnügen des Menschen im allgemeinen wird. Das ganze menschliche Geschlecht lobt nur das Gute, das Individuum oft das Schlechte. Sudelbuch D 216
Die Genies brechen die Bahnen, und die schönen Geister ebnen und verschönern sie. Eine Wegverbesserung in den Wissenschaften wäre anzuraten, um desto besser von einer zu den andern kommen zu können. Sudelbuch D 218
Es ist mit dem Witz wie mit der Musik, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man. Sudelbuch D 220
Die Sachen so anzusehen, als wie Gatterer sagte. Harz, Eichsfeld, dort sind Tannen, hier Eichen. Die Materie der ganzen Welt ließe sich in einen Kubikzoll zusammenbringen. Die Bibliotheken werden Städte werden. Dieses ist das Schauen ins Große, dessen kein klarer Geist fähig ist. Sudelbuch D 221
Jedermann wird sich wundern, dass ich in den letzten Tagen der alt gewordenen Welt noch so was schreiben mag. Sudelbuch D 223
Es ist eine Bemerkung, die ich durch vielfältige Erfahrung bestätigt gefunden habe, dass unter Gelehrten diejenigen fast allezeit die verständigsten sind, die nebenher sich mit einer Kunst beschäftigen, oder, wie man im Plattdeutschen sagt, klütern. Sudelbuch D 226
Was rührt hierbei aus Ursachen und was von Zufall her? Sudelbuch D 229
Erstlich glaube ich nicht, dass ich auf die Nachwelt komme, und dann sind wir ja die Väter der Nachwelt, und die wird uns gewiss ihren kindlichen Respekt nicht versagen. Ich kann nicht begreifen, warum man sich mehr vor ihr als vor dieser Welt schämen soll. Sudelbuch D 230
Eine halb neue Erfindung mit einem ganz neuen Namen. Sudelbuch D 232
Laune, Geschmack, Witz als Gemälde vorgestellt. Sudelbuch D 234
Der gesunde Gelehrte, der Mann, bei dem Nachdenken keine Krankheit ist. Sudelbuch D 237
So gehe dann hin und bildere, so lange du willst, in deinen eignen Vorstellungen. Sudelbuch D 238
Von der Verwandlung des Wassers in Wein vermittelst Zirkel und Lineal. Sudelbuch D 239
Was auf Shakespearisch in der Welt zu tun war, hat Shakespeare größtenteils getan. Sudelbuch D 240
Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen. Sudelbuch D 241
Das ist eine Arbeit, wobei ich glaube sich die Geduld selbst die Haare ausrisse. Sudelbuch D 242
Mit etwas Fähigkeit, biegsamen Fibern und einem steifen Vorsatz sonderbar zu scheinen, kann man sehr viel närrisches Zeug in der Welt anfangen, wenn man schwach genug ist, es zu wollen, und müßig genug, es auszuführen. (steif und schwach muss gebessert [werden]) Sudelbuch D 243
Weil doch nun einmal Geld in der Welt dasjenige ist, was macht, dass ich das Kinn höher trage, freier aufsehe, sicherer auftrete, härter an andere anlaufe. Sudelbuch D 244
Man könnte eine Diätetik schreiben für die Gesundheit des Verstandes. Sudelbuch D 248
Es wäre kein Wunder fürwahr, wenn die Zeit einem solchen Schurken das Stundenglas ins Gesicht schmisse. Sudelbuch D 250
Es ist allemal ein gutes Zeichen, wenn Künstler oft von Kleinigkeiten gehindert werden können, ihre Kunst gehörig auszuüben. Forkel steckte seine Finger in Hexenmehl, wenn er auf dem Klavier spielen wollte, und ein anderer großer Klavierspieler […], von welchem mir Herr Professor Meister erzählte, konnte nie zum Spielen gebracht werden, wenn er sich die Nägel nicht lange vorher abgeschnitten hatte. Den mittelmäßigen Kopf hindern solche Sachen nicht, weil ihre Unterscheidungskraft überhaupt nicht so weit geht und [sie] ein sehr grobes Sieb führen. Sudelbuch D 254
Wenn ich sage, halte deine Zähne rein und spüle den Mund alle Morgen aus, das wird nicht so leicht gehalten, als wenn ich sage, nehme die beiden Mittelfinger dazu, und zwar über das Kreuz. Des Menschen Hang zum Mystischen. Man nütze ihn. Sudelbuch D 255
Ein Mann, der sehr viel schreibt und wenig Neues sagt, schreibt sich täglich wieder herunter. Als er noch wenig geschrieben hatte, obgleich auch nichts darinnen war, stund er doch in der Meinung der Menschen höher. Die Ursache ist, weil sie damals künftig noch bessere Sachen erwarteten; im andern Fall können sie die ganze Progression übersehen. Sudelbuch D 256
Der richtige Begriff von der Vollkommenheit einer Sache festgesetzt, so kann man hernach sicher sein, dass man der Absicht der Natur gemäß handelt, wenn man nach dem großen Endzweck, wachse und mache wachsen, in der Natur handelt. Ich bin sicher von der Allgemeinheit dieses Gesetzes überzeugt. Sudelbuch D 257
Sie sehen die Menschen ganzer Weltteile als Feuerung für den Teufel an und glauben ewige Strafen so wie viertelstündige Zahnschmerzen. Sudelbuch D 264
Man schimpft auf die armen Rezensenten, ich denke nicht so: Die Männer unter ihnen verdienen Dank, dass sie statt unserer Nebels Märtzens und Besserers Predigten lesen, hingegen die jungen Knaben, die ein Vergnügen darinnen finden, über andere zu urteilen, ehe sie urteilen können, werden mehr gestraft, als sie verdienen, es wird nie etwas aus ihnen, wenn sie zu männlichen Jahren kommen und wollen nun als Männer urteilen, so können sie nicht. Für ihre Leckerhaftigkeit ohne Jugend erwartet sie nun im Alter der Lohn der Impotenz. Sudelbuch D 266
Ich habe bemerkt, dass zwar jetzt eine gewisse Freigeisterei unter jungen Leuten einreißt, die mit der Zeit üble Folgen haben [kann], aber soviel ist gewiss, es hat sich doch ein gewisses Wohlwollen unter ebendiesen Leuten ausgebreitet. Man findet viel Mitleiden, Bescheidenheit pp unter ihnen. Sudelbuch D 268
Wenn man über dieses anfängt zu sprechen, so wird es plausibel, denkt man aber daran, so findet man, dass es falsch ist. Der erste Blick, den ich im Geist auf eine Sache tue, ist sehr wichtig. Unser Geist übersieht die Sache dunkel von allen Seiten, welches oft mehr wert ist, als eine deutliche Vorstellung von einer einzigen. Sudelbuch D 271
Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, sagt die Bibel, die Philosophen machen es grade umgekehrt, sie schaffen Gott nach dem ihrigen. Sudelbuch D 272
Ich glaube, der schlechteste Gedanke kann so gesagt werden, dass er die Wirkung des besten tut, sollte auch das letzte Mittel dieses sein, ihn einem schlechten Kerl in einem Roman oder Komödie in den Mund zu legen. Sudelbuch D 273
Nous devons comme l’ont observés quelques philosophes bien des Erreurs à l’abus des mots; c’est peut-être à ce même abus, que nous devons les axiomes. Sudelbuch D 281
Ob ein Mann, der schreibt, gut oder schlecht schreibt, ist gleich ausgemacht, ob aber einer, der nichts schreibt und stille sitzt, aus Vernunft oder aus Unwissenheit stille sitzt, kann kein Sterblicher ausmachen. Sudelbuch D 283
So wie die unerfahrnen Frankfurter eine gewisse Hitze affektieren, wobei sie prophetisch und Shakespearisch tun und sich so seltsam gebärden, dass ein Fremder glauben sollte, sie hätten stimulantia genommen. Sudelbuch D 285
Einen Globus könnte man eine astronomische Rechenmaschine nennen. Sudelbuch D 286
Ein Impromptu, an dem er schon ein paar Tage zuvor in müßigen Stunden gearbeitet hatte. Sudelbuch D 287
Während als die übrigen von der Fakultät sehr einträchtig miteinander lebten, einander invitierten, Gevattern stunden, Wurstsuppe schickten, wenn sie geschlachtet hatten, hatten diese beiden immer etwas miteinander zu kramen, rezensierten einander und suchten sich Fehler in ihren Büchern auf. Sudelbuch D 288
Wegen Gespenster wird dir dein Haus nicht ledig stehen bleiben, ziehen ein paar Hasen vor Furcht aus, so ziehen andere noch größere aus Heldenmut wieder hinein. Sudelbuch D 290
Sobald ich einen Satz behauptet habe: Wo findet man noch mehr Exempel? Sudelbuch D 293
Die Verrichtungen der Blindgebornen sind ein sicherer Beweis, wie weit es der Geist bringen könne, wenn ihm Schwierigkeiten entgegengesetzt werden. Das Einschmieren schläfert ein. Modelle von allem pp. Sudelbuch D 294
Antonin führte den Dienst der Isis wieder ein, deren Verehrung August verboten und deren Priester Tiberius ermorden ließ. Sudelbuch D 300
Die Bauernmädchen gehen barfuß, und die Vornehmen barbrust. Sudelbuch D 301
Wenn die Menschen nicht in Etagen wohnten, so wäre die halbe Erde schon mit Häusern angefüllt, so bauen wir schon in die Luft, wo wir nicht hingehören. Sudelbuch D 302
Das bisschen Kopf, das sie noch haben, zerbrechen sie sich mit solchem Zeuge. Sudelbuch D 307
Ein Egoist könnte in allerlei lächerliche Situationen gebracht werden. Sudelbuch D 309
Ich stelle mir vor, wo wir an die uns gesetzten Grenzen der Dinge kommen oder noch ehe wir daran kommen, so können wir ins Unendliche sehen, so wie wir auf der Oberfläche der Erde in den unermesslichen Raum hinaussehen. Sudelbuch D 310
Man muss keinem Werk, hauptsächlich keiner Schrift die Mühe ansehen, die sie gekostet hat. Ein Schriftsteller, der noch von der Nachwelt gelesen sein will, muss es sich nicht verdrießen lassen, Winke zu ganzen Büchern, Gedanken zu Disputationen in irgendeinen Winkel eines Kapitels hinzuwerfen, dass man glauben muss, er habe sie zu Tausenden wegzuschmeißen. Sudelbuch D 311
Wo sich ein Körper bewegt, da ist Raum und Zeit, das simpelste empfindende Geschöpf in dieser Welt wäre also das Winkel und Zeiten messende. Unser Hören und vielleicht auch unser Sehen besteht schon in einem Zählen von Schwingungen. Sudelbuch D 312
Nächst dem Fall, dass man etwas Neues zu sagen hat, ist wohl der Bewegungsgrund der wichtigste, wenn man glaubt, andern das Schreiben erschweren zu können oder abzuschrecken. In dem Fall tadle ich die Rezensionen nicht. Sudelbuch D 314
Klein und nett, kurz recht zaunköniglich. Sudelbuch D 315
In der Schrift müssen hauptsächlich diejenigen angegriffen werden, die so sehr gegen alle Witze schimpfen und alles verachten, was nicht Geschichtsklaubereien sind. Sudelbuch D 316
Dass die Menschen alles aus Interesse tun, ist dem Philosophen nützlich zu wissen, er muss nur nicht darnach handeln, sondern seine Handlungen nach dem Weltgebrauch einrichten. So wie ein guter Schriftsteller nicht von dem gewöhnlichen Gebrauch der Wörter abgeht, so muss auch ein guter Bürger nicht gleich [von] dem Handlungsgebrauch abgehen, ob er gleich vieles gegen beides einzuwenden hat. Ich bin so sicher überzeugt, dass der Mensch alles seines Vorteils wegen (dieses Wort gehörig verstanden) tut, dass ich glaube, es ist zu Erhaltung der Welt so nötig als die Empfindlichkeit zu Erhaltung des Körpers. Genug dass unser Vorteil so sehr oft nicht erhalten werden kann, ohne 1000 glücklich zu machen, und unsere erste Ursache das Interesse eines Teils so weislich mit dem Interesse vieler andern zu verbinden gewusst hat. Sudelbuch D 318
Bei wachender Gelehrsamkeit und schlafendem Menschenverstand ausgeheckt. Sudelbuch D 322
Unsere Welt wird noch so fein werden, dass es so lächerlich sein wird, einen Gott zu glauben als heutzutage Gespenster. Sudelbuch D 326
Dass der Mensch das edelste Geschöpf sei, lässt sich auch schon daraus abnehmen, dass es ihm noch kein anderes Geschöpf widersprochen hat. Sudelbuch D 328
Es lässt sich ohne sonderlich viel Witz so schreiben, dass ein anderer sehr vielen haben muss, es zu verstehen. Sudelbuch D 329
Die Blätter des Unheils. Sudelbuch D 333
Einer unsrer Voreltern muss in einem verbotenen Buch gelesen haben. Sudelbuch D 336
Aus den vielen gelehrten Zeitungen ließen sich die Stimmen sammeln, und eine neue schreiben. Sudelbuch D 342
Hier fehlt eine Offenbarung. Sudelbuch D 345
Der Witz [wird] mit den Jahren stumpf, andere Kenntnisse bleiben. Sudelbuch D 346
Es muss untersucht werden, ob es überhaupt möglich, etwas zu tun, ohne sein eignes Bestes immer dabei vor Augen zu haben. Sudelbuch D 347
Der Mangel an Ideen macht unsere Poesie jetzt so verächtlich. Erfindet, wenn ihr wollt gelesen sein. Wer, Henker, wird nicht gern etwas Neues lesen? Sudelbuch D 360
Man kann eine Sache wieder so sagen, wie sie schon ist gesagt worden, sie vom Menschenverstand weiter abbringen, oder sie ihm nähern, das erste tut der seichte Kopf, das zweite der Enthusiast, das dritte der eigentliche Weltweise. Sudelbuch D 361
Der Deutsche ist nie mehr Nachahmer, als wenn er absolut Original sein will, weil es andere Nationen auch sind, den Original Schriftstellern andrer Nationen fällt es nie ein, Original sein zu wollen. Der Esprit du Corps zeugt Gedanken, in einer Rezensenten Innung hat mancher Kopf einen Einfall gehabt, den er insuliert nicht gehabt haben würde. Sudelbuch D 364
Wenn du auch schon einmal in dem Zustand gewesen bist, so wirst du mich beneiden, lieber Leser, wo nicht, für einen Narren halten. Sudelbuch D 365
Der oft unüberlegten Hochachtung gegen alte Gesetze, alte Gebräuche und alte Religion hat man alles Übel in der Welt zu danken. Sudelbuch D 366
Er erschrak, als wenn er ein licet mit dem indicativo gesehen hätte. Sudelbuch D 371
Ehmals, wenn man ein schlechtes Buch schrieb, so hatte man es auf seinem Gewissen, wenn jemand verführt oder angeführt wurde. Jetzt bei den vielen gelehrten Zeitungen darf man sich nicht mehr so sehr scheuen. Sudelbuch D 373
Es macht den Deutschen nicht viel Ehre, dass einen anführen (leiten) soviel heißt als einen betrügen. Sollte das nicht ein Hebraismus sein? Sudelbuch D 374
In diesem Jahrhundert haben wir zuerst künstliche Magnete gemacht, zu Erfindung der Meereslänge große Schritte getan und den deutschen Hexameter zur Vollkommenheit gebracht. Sudelbuch D 375
Musik war in der ersten Zeit Lärm, Satire war Pasquille. Alles verfeinert sich. Hier und da sieht man nur noch die Geister der abgeschiedenen Wissenschaft. Sudelbuch D 377
Seht wahrlich, Freunde, zwei Jahre von meinem Leben wollte ich darum geben, wenn ich damit machen könnte, dass ihr einmal einen Augenblick sehen könntet, was Menschen Verstand und was Witz ist. Aber damit ich es euch doch einigermaßen verständlich mache. Was man in der höheren Welt Witz nennt, ist gegen den eurigen, den ihr bei euren 6 Batzen Wein Gelagen so schön findet, grade was Rabeners Satiren gegen Bruder Naumburgers Stichelreden sind. Sudelbuch D 379
Ich wünschte, dass sich die ungenannten Freunde etwas deutlicher erklärt hätten, denn bekanntlich gibt es eine langsam schmerzhafte Widerlegung von unten herauf und dann eine andere, wo der erste Stoß gleich der Gnadenstoß ist. Sudelbuch D 380
Es muss jemand sein, dem die Zeit beim Umlauf der Kometen nicht so lange wird als uns. Sudelbuch D 382
Er wurde toll, eine ewige Warnung für die Klugen. Sudelbuch D 389
Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch? Sudelbuch D 396
Wenn der Deutsche eine Maschine erfindet, wer gibt ihm was dafür? Es ist schon sehr viel, wenn ein gnädiger Kammerdiener das Model untertänigst vorzuzeigen verspricht, von dessen Kindern es hernach mit der heiligen Christ Ware ein Schicksal hat. Bücher werden noch so ziemlich abgesetzt, aber unsere Produkte können wir doch noch nicht mit Vorteil außer Land führen. Sudelbuch D 399
Die Hottentotten nennen das Denken die Geißel des Lebens. Que des Hottentots parmi nous! ruft Helvetius! Ein schönes Motto. Sudelbuch D 400
In den vorigen Zeiten achtete man auf Kometen und Nordscheine, um andere Bedürfnisse zu befriedigen. Aberglauben trieb damals den Beobachter, jetzt tut es Ehrgeiz und Wissbegierde. Sudelbuch D 401
Der Philosoph setzt sich oft über die Großen der Erde weg mit einem Gedanken, der Große setzt sich über sie weg und fühlt es. Sudelbuch D 403
Die Welt muss noch nicht sehr alt sein, weil die Menschen noch nicht fliegen können. Sudelbuch D 404
Dieses ist eine Theorie, die meines Erachtens in der Psychologie eben das vorstellt, was eine sehr bekannte in der Physik ist, die das Nordlicht durch den Glanz der Heringe erklärt. Sudelbuch D 408
Ich glaube kaum, dass es möglich sein wird zu erweisen, dass wir das Werk eines höchsten Wesens und nicht vielmehr zum Zeitvertreib von einem sehr unvollkommenen sind zusammengesetzt worden. Sudelbuch D 409
Je mehr man in einer Sprache durch Vernunft unterscheiden lernt, desto schwerer wird einem das Sprechen derselben. Im fertig Sprechen ist viel Instinktmäßiges, durch Vernunft lässt es sich nicht erreichen. Gewisse Dinge müssen in der Jugend erlernt werden, sagt man, dieses ist von Menschen wahr, die ihre Vernunft zum Nachteil aller übrigen Kräfte kultivieren. Sudelbuch D 410
Es ist dem Menschen sehr natürlich, wenn er verliebt ist, Ähnlichkeiten zwischen seinem Namen und seiner Geliebten Namen, ja sogar zwischen den Geburtsorten und den Geburtstagen zu finden. Dr. Tolle, der sich in Mamsell D. verliebt hatte, und zwar äußerst, fand es sonderbar, dass er auf den 4ten November und sie den 4ten Dezember geboren war. Ein anderer, dass er den ersten Juli und sein Mädchen den ersten Jänner, grade das halbe Jahr voraus geboren war. Sudelbuch D 411
Glaubst du etwa, armer Tropf, weil du hier und da einen Fehler in des Mannes Werken gefunden hast, du seist mehr als er? Du bist es alsdann nicht allein nicht, sondern, 100 gegen 1, du kannst es bei so vielem Knabenstolz nicht einmal werden. O wenn du wüsstest, wie tief der Mann, der die Welt kennt, bei solchen Äußerungen in deine arme Seele sehen kann. Aber Welt und Menschenkenntnis sind dort in Böotien noch sehr selten, und die wenigen Weisen, die sie besitzen, sind gewöhnlich der Spott und das Gelächter mutwilliger Bücher-Rezensenten. Sudelbuch D 413
Der Menschenkenner, der, wenn er wollte, jedermanns Heimlichkeiten sagen könnte. Sudelbuch D 416
Ich halte Schlözern für einen Mann, dem ich meinen Beifall nicht geben kann, aber dessen Beifall mir lieber wäre als vieler andern. Sudelbuch D 418
Es gibt Leute, die nicht sowohl Genie als ein gewisses Talent besitzen, dem Jahrhundert oder wohl gar dem Dezennium seine Wünsche abzumerken, noch ehe es sie tut. Sudelbuch D 419
Die Engländer werden es durch Übersetzung unsrer Schriften dahin bringen, dass wir sie gar nicht mehr übersetzen. Sudelbuch D 421
Wenn wir mehr selbst dächten, so würden wir sehr viel mehr schlechte und sehr viel mehr gute Bücher haben. Sudelbuch D 422
Ich wünschte sehr, ein wohlgetroffenes Porträt von Christo zu haben. Hätte man doch Münzen von ihm. Sudelbuch D 423
Wenn heutzutage jemand einen beißenden Gedanken anbringen will, so macht er seinen Versuch an einem armen Schriftsteller, so wie die Physiologen an Hunden. Sudelbuch D 426
Man muss nie denken, dieser Satz ist mir zu schwer, der gehört für die großen Gelehrten, ich will mich mit den andern hier beschäftigen, dieses ist eine Schwachheit die leicht in eine völlige Untätigkeit ausarten kann. Man muss sich für nichts zu gering halten. Sudelbuch D 430
So wird uns der Vetter Engel und der Vetter Affe auslachen. Sudelbuch D 432
Wenn ich hier in der Stille meinen Betel für mich kaue, was geht es dich an? Sudelbuch D 439
Es gibt heuer eine gewisse Art Leute, meistens junge Dichter, die das Wort Deutsch fast immer mit offnen Naslöchern aussprechen. Ein sicheres Zeichen, dass der Patriotismus bei diesen Leuten sogar auch Nachahmung ist. Wer wird immer mit dem Deutschen so dicke tun? Ich bin ein deutsches Mädchen, ist das etwa mehr als ein englisches, russisches oder otaheitisches? Wollt ihr damit sagen, dass die Deutschen auch Geist und Talent besitzen? O das leugnet nur ein Unwissender oder ein Tor. Ich stelle mich zum Beweis, wenn er sich zur Behauptung stellt. Er sei Prinz, Duc, Bischof, Lord, Alderman, Don oder was er will. Gut, das ist ein Narre oder Unwissender, wer das leugnet, das nehme ich schlechtweg an. Ich bitte euch Landesleute, lasst diese gänzlich unnütze Prahlerei, die Nation, die uns verlacht, und die, die uns beneidet, müssen sich darüber kitzeln, zumal wenn sie innewerden, dass es ihnen gesagt sein soll. Sudelbuch D 440
Einige Leute wollen das Studieren der Künste lächerlich machen, indem sie sagen, man schriebe Bücher über Bildchen. Was sind aber unsre Gespräche und unsre Schriften anders als Beschreibungen von Bildchen auf unserer Retina oder falschen Bildchen in unserem Kopf? Sudelbuch D 444
Wenn man die meisten Gelehrten ansieht, nichts verrichten sie an sich, als dass sie sich die Nägel und Federn schneiden. Ihre Haare lassen sie sich durch andere in Ordnung legen, ihre Kleidung durch andere machen, ihre Speise durch andre bereiten, dafür dass sie das Wetter in ihrem Kopfe beobachten. Sudelbuch D 446
Der Mann hatte so viel Verstand, dass er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war. Sudelbuch D 447
Das System des Helvetius, dass die Menschen alle einander gleich an Anlage wären, stößt alle Physiognomik über den Haufen. Woher kommt es doch, dass man bei ähnlichen Gesichtern so oft ähnliche Gesinnungen findet? Sudelbuch D 450
Daher kommt’s, dass in allen ihren Rezensionen etwas Wahres ist und [sie] doch immer gegeneinander laufen wie ein paar Sprichwörter. Sudelbuch D 452
So zu lesen und zu studieren, dass es sich immer ansetzt, kann ich raten, obgleich die Welt nicht an mir den Nutzen dieses Rates sieht, ich gebe ihn nicht, weil ich ihn durch häufige Erfahrung nützlich befunden habe, sondern weil ich jetzt sehe und deutlich, dass ich ihn hätte befolgen sollen. Aus diesem Gesichtspunkt sollte man überhaupt Vorschriften betrachten. Sudelbuch D 455
Rom, London, Karthago sind nur dauerhaftere Wolken, sie verändern sich und vergehen endlich alle. Wie oft hält der Mensch Dinge für wesentlich unterschieden, die es nur durch plus und minus sind. Sudelbuch D 457
Die beiden Frauenzimmer umarmten sich aus Grimasse und hingen zusammen wie 2 Vipern in coitu. Sudelbuch D 458
Wenn ihn die Welt ganz kennte, so wie ich ihn kenne, meine Herrn, sie würde den Fuchs und [das] Chamäleon in ihren Gleichnissen gegen ihn vertauschen. Sudelbuch D 459
Außer den Eigenschaften, die er mit allerlei Tieren gemein hatte, hatte er auch noch einige mit Thermometern, Hygrometern und Barometern gemein. Sudelbuch D 461
Der Satz muss noch mit einem Bruch multipliziert werden. Sudelbuch D 462
Man wird in manchen Fällen bloß aus dem Grunde nicht gestraft, oder es sieht vielmehr so aus, als wenn man nicht gestraft würde, weil man die Strafe an sich selbst bezahlt. Das, was ausgezahlt wird, wird oft einem Teil genommen und an den andern erlegt. Einer kann an dem Ruhm, ein witziger Schriftsteller zu sein, zunehmen, während als der Kredit, den er als ehrlicher Mann hatte, abnimmt. Sudelbuch D 463
Die metaphorische Sprache ist eine Art einer natürlichen Sprache, die man sich aus den willkürlichen, aber bestimmten Wörtern baut. Deswegen gefällt sie so sehr. Sudelbuch D 464
Wenn Scharfsinn ein Vergrößerungsglas ist, so ist der Witz ein Verkleinerungsglas. Glaubt ihr denn, dass sich bloß Entdeckungen mit Vergrößerungsgläsern machen ließen? Ich glaube mit Verkleinerungsgläsern, oder wenigstens durch ähnliche Instrumente in der Intellektual Welt, sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden. Der Mond sieht durch einen verkehrten Tubum aus wie die Venus und mit bloßen Augen wie die Venus durch einen guten Tubum in seiner rechten Lage. Durch ein gemeines Opernglas würden die Plejaden wie ein Nebelstern erscheinen. Die Welt, die so schön mit Bäumen und Kraut bewachsen ist, hält ein höheres Wesen als wir vielleicht eben deswegen für verschimmelt. Der schönste gestirnte Himmel sieht uns durch ein umgekehrtes Fernrohr leer aus. Sudelbuch D 465
Es wäre ein Tier möglich, das seinen Körper nicht übersehen könnte, so wie unsere Seele sich nicht deutlich begreifen kann, ob sie gleich weiß, dass sie da ist. Der Materialist findet die Gründe zu schwach, womit man die Existenz der Seele beweisen will, der Idealist findet die andern wieder schwach. Sudelbuch D 466
Es ist ein eminent grobes Verfahren. Wisst ihr, dass dieses eminent grob ist? Sudelbuch D 467
Bemühe dich, nicht unter deiner Zeit zu sein. Sudelbuch D 470
Er war ein solcher aufmerksamer Grübler, ein Sandkorn sah er immer eher als ein Haus. Sudelbuch D 471
Zum Superklugen: Durch das häufige Beobachten nach Regeln, in der Absicht, etwas erfinden zu wollen, bekommt die Seele endlich unvermerkt eine verwünschte (Fertigkeit) Leichtigkeit das Natürliche zu übersehen. Sudelbuch D 473
Wir haben nun heutzutage schon so viele Observationen vom Menschen aus Reisebeschreibern, dass wir jetzt durch eine Art von Synthese allerlei daraus herleiten können, was uns jene noch ferner entdecken werden. Sudelbuch D 475
In der Republik der Gelehrten will jeder herrschen, es gibt da keine Aldermänner, das ist übel, jeder General muss so zu reden den Plan entwerfen, Schildwache stehen und die Wachstube fegen, und Wasser holen, es will keiner dem andern in die Hände arbeiten. Sudelbuch D 479
Neue Mutmaßungen über Dinge sollten die Gelehrten immer mit Dank annehmen, wenn sie nur einige Vernunft bei sich haben, ein anderer Kopf hat zuweilen nichts nötig, um eine wichtige Entdeckung zu machen, als eines solchen Reizes. Die allgemein angenommene Art, ein Ding zu erklären, hat keine Wirkung mehr auf sein Gehirn und kann ihm keine neue Bewegung mehr mitteilen. Sudelbuch D 480
Er hatte sich ein gewisses System gemacht, das nunmehr einen solchen Einfluss auf seine Denkungsform hatte, dass die Zuschauer sein Urteil immer ein paar Schritte vor der Empfindung vorangehen sahen, ob er selbst gleich glaubte, es hielte sich hinten. Sudelbuch D 481
Der Oberrock war in ganz gutem Stand, allein in den Unterrock hatte sie sich ein solches Loch gerissen, dass sie zuweilen übertrat. Sudelbuch D 482
Nonsense ist in der Tat etwas sehr Betrübtes, und ein Professor, der welchen schreibt, sollte freundlich auf Pension gesetzt werden. Sudelbuch D 484
Die Gabe, den Menschen ihre Heimlichkeiten sagen zu können, ist es, was man bei einem Schriftsteller oft Menschenkenntnis nennt. Ein Bursch dünkt sich gleich mehr, wenn er den Hut heruntergeschlagen usw. Jedermann hat seinen guten Grad von Menschenkenntnis, die Leute wissen nur nicht, dass man eben das sagen muss, um für einen Menschenkenner gehalten zu werden. Sudelbuch D 486
Jeder Mensch hat etwas Eignes, die Feigen und Biegsamen wissen es nur nach andern zu modeln. Der Wagenmeister geht, denkt und spricht, wie es sein Knochen- und Gedanken-System mit sich bringt, wer ihn auslacht, den lacht er im Fall der Not wieder einmal aus oder, wenn er an der Gelegenheit dazu verzweifelt, schlägt ihm hinter die Ohren. Sudelbuch D 487
Der Mensch hat auch einen Trieb zum Wohl von andern unabhängig von dem perfice te, klingt just, als wenn ein Professor Philosophiae den Menschen gemacht hätte, mehr charmant als wahr. Sudelbuch D 489
Wenn sich einmal ein Maul einfallen lassen wollte, mehr zu essen, als der Kopf und die Hände verdienen können, so wollte ich es und auf ewig zustopfen. Sudelbuch D 490
Ich hoffe, die meisten meiner Leser männlichen Geschlechts werden ehmals Primaner gewesen sein und aus der Erfahrung wissen, wie heftig um jene Zeit der Trieb ist, Bücher zu rezensieren, und wie schmeichelhaft, der sündigen Seele Entrée-Billetts zum Tempel des Nachruhms für Leute zu stempeln, die älter sind als wir. Sudelbuch D 494
Sie haben das Habeas Corpus angestimmt. Sudelbuch D 495
Es gibt Leute, die zuweilen ihre Offenherzigkeit rühmen, sie sollten aber bedenken, dass die Offenherzigkeit aus dem Charakter fließen muss, sonst muss sie selbst der als eine Grobheit ansehen, der sie sonst, wenn sie echt ist, hochschätzt. Sudelbuch D 497
Was die Franzosen den Verstand in einer Binde tragen nennen. Sudelbuch D 498
Wenn jemand etwas mit Emsigkeit tut, so ist die Idea rectrix zuweilen ganz etwas anders als die Sache, z. E. sich schön gedruckt zu sehen, ein noch nicht volles Hundert oder Tausend voll zu sparen pp. Hängt mit einem schon einmal gehabten Gedanken zusammen. Sudelbuch D 500
Ich kann nicht leugnen, dass mir, als ich zum ersten Mal sah, dass man nun in meinem Vaterland anfange zu wissen, was Wurzelzeichen sind, die klaren Freuden Tränen in die Augen gedrungen sind. Sudelbuch D 510
Wäre damals ein Zoll auf die Gedanken gelegt worden, sie wäre gewiss insolvent geworden. Sudelbuch D 512
Der roten Religion zugetan. Sudelbuch D 518
Herr, mein Gewissen ist so geldfest, dass meine Taschen in einem halben Jahre keines zu sehen bekommen. Sudelbuch D 519
Wie werden einmal unsere Namen hinter den Erfindern des Fliegens und dergleichen vergessen werden. Sudelbuch D 521
Da saß nun der große Mann und sah seinen jungen Katzen zu. Sudelbuch D 523
Shakespeare hat eine besondere Gabe, das Närrische auszudrücken, Empfindungen und Gedanken zu malen und auszudrücken, die man kurz vor dem Einschlafen oder in leichtem Fieber hat. Mir ist alsdann schon oft ein Mann wie eine Einmaleins-Tafel vorgekommen, und die Ewigkeit wie ein Bücherschrank. Er müsste vortrefflich kühlen, sagte ich, und meinte den Satz des Widerspruchs, ich hatte ihn ganz essbar vor mir gesehen. Sudelbuch D 524
Es gibt eine gewisse Art von gekünsteltem Unsinn, den der Halbköpfige leicht für tiefe Weisheit, ja wohl gar für ein Weben des Genies hält, erstimulierte Ausbrüche eines fundamentlosen Enthusiasmus, ein fieberhaftes Haschen nach Originalismus ohne Richtigkeit der Empfindung, in welchem der Frankfurter Rezensent oder der Primaner aller Orten Shakespearische Inspiration zu wittern glaubt, das Rauschen von Libanons ewiger Zeder, die donnernden Tritte des Würg-Engels und den Klang der Posaune des letzten Tages hört. Es ist nichts. Fünf gegen eins, der Mann, der es geschrieben hat, ist ein Tropf, der mehr scheinen will, als er ist, und damit ist seine arme Seele für den Ruhm der Nachwelt hin, als hätte sie das Licht nie gesehen oder den Satz des Widerspruchs nie gedacht. Sudelbuch D 526
Es ist kein einziger unter ihnen, der nicht ein Original Werk schon geschrieben hätte oder zu schreiben gedächte, oder doch, wenn er stimulantia nimmt, seinen Zeitungs-Artikel so anfangen kann, dass die Primaner von Gießen bis Darmstadt bekennen müssen: Das hat Shakespeare oder der Teufel getan. Sudelbuch D 527
Parakletor oder Beweis, dass man zugleich ein Originalkopf und ein ehrlicher Mann sein könne. Sudelbuch D 528
Selbst ihre Prunk-Artikel enthalten albernes Zeug. Sie heißen solche Prunk-Schnitzer kräftiges Deutsch oder gewisse Prunkschnitzer gegen gesunde Vernunft und Sprache. Sudelbuch D 531
Manche Leute wissen alles so, wie man ein Rätsel weiß, dessen Auflösung man gelesen hat oder einem gesagt worden ist, und das ist die schlechteste Art von Wissenschaft, die der Mensch sich am wenigsten erwerben sollte: Er sollte vielmehr darauf bedacht sein, sich diejenigen Kenntnisse zu erwerben, die ihn in den Stand setzen, vieles selbst im Fall der Not zu entdecken, was andere lesen oder hören müssen, um es zu wissen. Viele Simplicia. Also sind wir hier wieder auf einem schon einmal gehabten Gedanken. Sudelbuch D 532
Indem man durch die Gewalt des Nachdenkens so wenig und [durch] Genie alles herausbringt, so scheint es, der Himmel habe sich die große Erfindung unmittelbar vorbehalten. Sudelbuch D 536
Bücher werden aus Büchern geschrieben, unsere Dichter werden meistenteils Dichter durch Dichter lesen. Gelehrte sollten sich mehr darauf legen, Empfindungen und Beobachtungen zu Buch zu bringen. Sudelbuch D 537
Auch ich habe seine Oden schnaubende Muse mit Unwillen gehört. Sudelbuch D 540
Stolz, mit hoher Brust und halb umgedrehtem Haupt, schritte sie daher, wie die Eitelkeit, wenn sie sieht, ob ihr die Schleppe nachkommt. Sudelbuch D 541
Ohne Bettelbrief (Dedication) und Vorrede beträgt das Werkchen 6 Bogen. Sudelbuch D 552
Der Herbst, der der Erde die Blätter wieder zuzählt, die sie dem Sommer geliehen hat. Sudelbuch D 553
Wenn man etwas ernstlich fürchtet, so bringen die entferntesten Dinge uns den Gegenstand in den Sinn. Für einen, der am Hofe lebt, kann die geringste Bewegung im Gesicht nicht des Prinzen selbst, sondern sogar seiner Diener einen glauben machen, man sei in Ungnade gefallen. Doch machen die Charaktere hierin einen großen Unterschied, und wer eine Zeichnung machen will, hat sehr darauf zu achten. Sudelbuch D 555
Das waren die Wachslichter Zeiten, aber jetzt brennen wir Talglichter. Sudelbuch D 561
Ich bin aus vielfältiger Erfahrung überzeugt, dass die wichtigsten und schwersten Geschäfte in der Welt, die der Gesellschaft den meisten Vorteil bringen, durch die sie lebt und sich erhält, von Leuten getan werden, die zwischen dreihundert und 800 oder 1000 Taler Besoldung genießen, zu den meisten Stellen, mit denen 20, 30, 50, 100 Taler oder 2000, 3000, 4000, 5000 Taler verbunden sind, könnte man nach einem halbjährigen Unterricht jeden Gassenjungen tüchtig machen, und sollte der Versuch nicht gelingen, so suche man die Schuld nicht im Mangel an Kenntnissen, sondern in der Ungeschicklichkeit, diesen Mangel mit dem gehörigen Gesicht zu verbergen. Sudelbuch D 567
Mit wollüstiger Bangigkeit. Sudelbuch D 571
Verzeichnis der Druckfehler in dem Druckfehler Verzeichnis. Sudelbuch D 574
Da sie sahen, dass sie ihm keinen katholischen Kopf aufsetzen konnten, so schlugen sie ihm wenigstens seinen protestantischen ab. Sudelbuch D 575
In Heinrich VIII. Zeiten in England wurden die Protestanten ihrer Religion wegen verbrannt und die Katholiken gehenkt. Sudelbuch D 576
Er war sonst ein Mensch wie wir, nur musste er stärker gedrückt werden, um zu schreien. Er musste zweimal sehen, was er bemerken, zweimal hören, was er behalten sollte, und was andere nach einer einzigen Ohrfeige unterlassen, unterließ er erst nach der zwoten. Sudelbuch D 578
Endlich kam er, gnau wie er versprochen hatte, nach einem Viertelstündchen, das aber fast so lang war als anderthalb der gewöhnlichen bürgerlichen Stunden. Sudelbuch D 585
Mit einer Hand von Menschenliebe geleitet und einer Feder in die sanfteste Milch der Züchtigung getaucht, ist nachstehendes Werkchen von Anfang zu Ende von mir geschrieben worden. Unschuld leiden zu sehen, ich meine nicht die dem Henker übergebene, wenn sie unter dem Galgen schmachtet oder in einer Marterkammer winselt, sondern schon die tückisch bewitzelte, die sogenannte aufgezogene Unschuld ist für mich seit jeher eine Art von Schmerz gewesen, gegen den ich keine Mittel kenne als ein laut ausgesprochenes unerschrocknes: Erst mich, dann sie. Sudelbuch D 594
Grade das Gegenteil tun heißt auch nachahmen, es heißt nämlich das Gegenteil nachahmen. Sudelbuch D 598
Manche unserer Originalköpfe müssen wir wenigstens so lange für wahnwitzig halten, bis wir so klug werden wie sie. Sudelbuch D 599
Das ist bloß Phraseologie, nichts weiter. Sudelbuch D 609
Ich kann in der Welt nicht begreifen, was wir davon haben, den Alten so bei jeder Gelegenheit gleich den Bart zu streicheln, danken können sie es uns nicht, und aus den breiten und niedrigen Stirnen und den trotzigen Gesichtern zu schließen, worüber sich jeder deutsche Petschierstecher aufhält, würden sie nicht einmal, wenn sie könnten. Es ist fürwahr eine mächtige Ehre für uns alte Studenten, dass es vor zweitausend Jahren Leute gegeben hat, die gescheiter waren als wir. Meint ihr vielleicht, wir lebten noch in den Zeiten, wo die größte Weisheit in dem Bewusstsein bestund, dass man nichts weiß? Auf das Kapital borgt man euch keinen Magistertitel, so wenig als auf den Reichtum, der in der Armut besteht, einen Groschen. Nein Freunde, die Zeiten haben wir verschlafen. Diese Sätze sind heutzutage nichts weiter als schöne Nester von ausgeflogenen Wahrheiten. In den philosophischen Kunstkammern gehen sie mit, in die Haushaltung taugen sie nicht einen Schuss Pulver. Eine herrliche Ehre, heutzutage überzeugt zu sein, dass man nichts weiß. Ihr könnt schon daraus sehen, dass der Satz unmöglich mehr gelten kann, oder eure Klagen über die gegenwärtigen Zeiten sind noch in einem andern Betracht widersinnig. Das könnt ihr nicht leugnen, dass wir heutzutage mehr Leute haben, die nichts wissen, und die einfältige Überzeugung davon ließe sich ihnen bald beibringen. Sudelbuch D 610
Ich übergebe euch dieses Büchelchen als einen Spiegel, um hinein nach euch und nicht als eine Lorgnette um dadurch und nach andern zu sehen. Sudelbuch D 611
Ich habe mit meinen Augen in einer englischen Schrift gelesen, dass die Rede eines gewissen Mitgliedes im Parlament zwar ausgearbeitet, aber sehr vernünftig gewesen sei. Sudelbuch D 614
Wenn man es durch das menschliche Elend erklären will, so reicht man nicht mit aus. Sudelbuch D 618
Das Land, in welchem ehrliche Haut und unschuldiger Tropf Schimpfwörter sind und anführen soviel als betrügen. Sudelbuch D 622
Wir sind so albern, dass wir immer auf das Natürliche drängen, andere Nationen sind klüger, in London heißt he is a natural nicht ein Haar weniger als: Er ist ein dummer Teufel, und wer weiß nicht, dass natürlicher Sohn soviel ist [als] ehrloser Bastard und dass sie in vielen Ländern von Deutschland von allen Ehrenämtern ausgeschlossen sind, wozu nur die Unnatürlichen gelangen können. Sudelbuch D 624
Sie stund neben ihm da wie ein etrurisches Tränenfläschchen, Meißensches Milchkännchen neben einem Lauensteiner Bierkrug. Sudelbuch D 628
Es ist nicht zu leugnen, dass das Wort Nonsense, wenn es mit gehöriger Nase und Stimme ausgesprochen wird, etwas hat, das selbst den Wörtern Chaos und Ewigkeit wenig oder nichts nachgibt. Man fühlt eine Erschütterung, die, wo mich meine Empfindung nicht betrügt, von einer fuga vacui des menschlichen Verstandes herrührt. Sudelbuch D 630
Man kann, was einer erfindet, immer ansehen, als hätte er es verloren, es ist nur so zu reden verlegt in seinem Kopf, wer nichts in seinem Kopf verloren hat, kann nichts finden. Sudelbuch D 634
Nun wüsste ich doch auch fürwahr außer dem Teufel niemanden, der etwas hiergegen aufbringen könnte. Sudelbuch D 638
Hiermit hätte man einen weit standhafteren Mann bewegen können, etwas weit Schlimmeres zu tun. Sudelbuch D 649
Leib und Seele ein Pferd neben einen Ochsen gespannt. Sudelbuch D 650
Die sogenannten gesitteten Menschen, die unter uns zu reden die allerungesittetsten sind. Sudelbuch D 653
Es gibt in Deutschland Länder, wo die christliche Religion noch nicht Wurzel gefasst oder wo sie wenigstens nicht die gehörige Wartung hat und aussieht, als wenn sie ausgehen wollte. Sudelbuch D 655