Sudelbücher Die Sudelbücher des Georg C. Lichtenberg
Gedanken über Tun und Schwätzen. Sudelbuch E 2
Er teilte des Sonntags Segen und oft schon des Montags Prügel aus. Sudelbuch E 3
Es hätte etwas aus seinen Ideen gemacht werden können, wenn sie ihm ein Engel zusammengesucht hätte. Sudelbuch E 9
Weil es sehr schwer hält, unsre großen Schriftsteller alle im Kopf zu behalten, so habe ich versus memoriales verfertigt, der Ausländer wegen. Dem Namen folgt allemal das Hauptwerk, das sie berühmt gemacht hat. Sudelbuch E 13
Ich danke meinem dick- und dünnschädelichten Landsleuten für die gute Aufnahme des Buchs. Sudelbuch E 14
Aristoteles hat angemerkt, dass unter allen Arten von Autoren die Dichter ihre Werke am liebsten haben. Sudelbuch E 15
Der poetische Szepter ist von ihm genommen. Sudelbuch E 25
Es ist ein großer Unterschied, welchen Weg man nimmt, um zur Erkenntnis gewisser Dinge zu gelangen. Wenn man mit Metaphysik und Religion in der Jugend anfängt, so geht man leicht in Vernunftschlüssen bis zur Unsterblichkeit der Seele fort. Nicht jeder andere Weg wird dazu führen, wenigstens nicht ebenso leicht. Wenn sich auch schon von jedem Wort einzeln ein deutlicher Begriff geben lässt, so ist es doch unmöglich, in einem sehr zusammengesetzten Schluss alle diese Begriffe gleich deutlich vor sich zu haben, in der Anwendung werden sie oft nach der Art verbunden, die uns von Jugend auf die gewöhnlichste und leichteste war. Sudelbuch E 30
Nichts ist schwerer in der Philosophie, als eine Sache ganz von Anfang zu nehmen und doch bei Betrachtung derselben von erworbenen Kenntnissen Gebrauch zu machen. Z. E. Über die Unsterblichkeit der Seele denken zu wollen, ohne vorher schon ein gewisses Ende zu sehen, ein gewisses Ziel; nicht beim 6ten Schluss schon eine Meinung zu ergreifen und den 8ten 9ten 10ten pp nur anzuhängen. Kann uns nicht das Denken in unserer materiellen Substanz ebenso außerordentlich vorkommen, weil wir dieses selbst sind? Je näher wir einem Gegenstand in der Natur kommen, desto unbegreiflich[er] wird er, das Sandkorn ist gewiss das nicht, wofür ich es ansehe. Ich begreife ebenso wenig, wie ein zusammengesetztes Wesen denken könne, als wie ein einfaches mit einem zusammengesetzten in Verbindung gebracht werden können … Sudelbuch E 31
In allen Sprachen sagt man: Ich denke, ich fühle, ich atme, ich habe Schläge bekommen und ich vergleiche, ich erinnere mich der Farbe, und ich erinnere mich des Satzes. Das, was sich in uns der Farbe, und das, was sich des Satzes erinnert, sind vielleicht ebenso wenig einerlei, als das, was die Schläge bekommt, und das, was vergleicht. Alles tut etwas bei allem, der Mensch fühlt sich in allem ganz, und wenn ich behalte, dass (a + x) × (a – x) gleich a2 – x2 ist, so hat vielleicht mein Daumen einen Teil davon zu behalten, wiewohl einen unbeträchtlichen, aber in manchen Menschen lebhaft genug, dass er ihnen bei Berührung einer Sache einfällt oder [sie] im Traum oder einem Fieber glauben, der Satz sei weiter nichts als ein Stückchen Leinwand. Es ist nicht so verdrießlich, ein Phänomenon mit etwas Mechanik und einer starken Dose von Unbegreiflichem zu erklären, als ganz durch Mechanik, das heißt die docta ignorantia macht weniger Schande als die indocta. Alle Bewegung in der Welt hat ihren Grund in etwas, was keine Bewegung ist, warum soll die allgemeine Kraft nicht auch die Ursache meiner Gedanken sein, so gut als sie die Ursache von Gärung ist? Sudelbuch E 32
Der Mann hat recht, sollte man sagen, aber nicht nach den Gesetzen, die man sich in der Welt einstimmig auferlegt hat. Sudelbuch E 33
Man [kann] die Gespenster in antique und moderne abteilen, die letzteren sind meistens nachgemachtes Zeug. Überhaupt in den alten Zeiten geschah, und [die] neuere erdichtet, die Alten taten, und wir schwätzen. Sudelbuch E 34
Dass die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die Zeugungslieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr, ja was ist der Mensch anders als ein verworrenes Bündel Röhren? Sudelbuch E 35
Der obige Gedanke kann so ausgedruckt werden: In England findet man mehr Original-Charaktere in Gesellschaften und unter dem gemeinen Volk, als man aus ihren Schriften kennt. Wir hingegen haben eine Menge im Mess-Catalogo, wenig in Gesellschaft und dem gemeinen Leben, und unter dem Galgen gar keine. Sudelbuch E 37
Jede Verfassung der Seele hat ihre eigne Zeichen und Ausdruck, so gut als die Unschuld, welche die Schuld nie erreicht, da seht ihr, wie schwer es ist, Original zu scheinen, ohne es zu sein. Sudelbuch E 40
Wir kennen ihre Spitzbuben besser als sie unsere Gelehrten. Sudelbuch E 42
Der Mann hatte so eine gesetzte Umständlichkeit in allem, was er sagte, und eine solche frachtbriefmäßige Art, sich auszudrücken, dass es gar kein lebendiger Mensch bei ihm ausdauren konnte. Sudelbuch E 43
Es ist der Ordnung der Natur sehr gemäß, dass zahnlose Tiere Hörner haben, was Wunder, wenn es alten Männern und Weibern öfters so geht? Sudelbuch E 45
Die Kaufleute haben ihr Waste book (Sudelbuch, Klitterbuch, glaube ich im Deutschen), darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie verkaufen und kaufen, alles durcheinander ohne Ordnung, aus diesem wird es in das Journal getragen, wo alles mehr systematisch steht, und endlich kommt es in den Ledger at double entrance nach der italienischen Art Buch zu halten. In diesem wird mit jedem Mann besonders abgerechnet, und zwar erst als Debtor und dann als Creditor gegenüber. Dieses verdient, von den Gelehrten nachgeahmt zu werden. Erst ein Buch, worin ich alles einschreibe, so wie ich es sehe oder wie es mir meine Gedanken eingeben, alsdann kann dieses wieder in ein anderes getragen werden, wo die Materien mehr abgesondert und geordnet sind, und der Ledger könnte dann die Verbindung und die daraus fließende Erläuterung der Sache in einem ordentlichen Ausdruck enthalten. Sudelbuch E 46
Man nennt Tiere Tausendfüße, die kaum die Hälfte (oder wie viel?) der Zahl haben. Sudelbuch E 47
Es muss ein Spiritus rector in einem Buch sein, oder es ist keinen Heller wert. Sudelbuch E 50
Es ist ein großer Unterschied zwischen etwas noch glauben und es wieder glauben. Noch glauben, dass der Mond auf die Pflanzen wirke, verrät Dummheit und Aberglaube, aber es wieder glauben zeigt von Philosophie und Nachdenken. Sudelbuch E 52
Um witzig zu schreiben, muss man sich mit den eigentlichen Kunstausdrücken aller Stände gut bekannt machen, ein Hauptwerk in jedem nur flüchtig gelesen ist hinlänglich. Denn was ernsthaft seicht ist, kann witzig tief sein. Sudelbuch E 54
Wenn ein toller Kopf des Teufels Zeug anfängt, ist es deswegen eine Folge, dass ein Kollegium von zwölfen ebensolches Zeug anfangen würde? Keineswegs, ich bin vielmehr überzeugt, dass zwölf Tollköpfe etwas beschließen könnten, das aussehen müsste, als käme es von 12 Klugen. Und sagt: Was ist der Mensch anders als ein kleiner Staat, der von Tollköpfen beherrscht wird pp? Sudelbuch E 59
Ich bin überzeugt, dass alles gut sein wird an dem Tage, wenn die Geschichte ihre Bücher schließt, aber wer kann mir verdenken, wenn ich auch zuweilen meinen Bass in diesem Concert brumme? Sudelbuch E 61
Nichts kann mehr zu einer Seelenruhe beitragen, als wenn man gar keine Meinung hat. Sudelbuch E 62
In den glückseligen Zeiten der Barbarei, da hatte man doch noch Hoffnung, einmal mit der Zeit ein guter Christ zu werden. Man durfte nur regelmäßig in die Kirche gehen und dem lieben Gott von allem, was er einem gab, wieder etwas zurückgeben, dessen Besorgung noch dazu die Geistlichkeit übernahm. Aber heutzutag ist es kaum mehr möglich, diesen Titel zu erlangen. Sudelbuch E 64
Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an. Sudelbuch E 78
Niemand besitzt die Gabe, bemäntelte Beiwörter anzuhängen, in einem höheren Grad als er. Sudelbuch E 81
Ich weiß gar nicht, was der Mann will. Er hat sich in den Kopf gesetzt, dass gewisse Wörter eine gewisse Bedeutung hätten, die sie beständig behalten müssten. Ich frage, ist eine Königliche Verordnung dagegen oder nicht? Wer will mir wehren, hier ein Wort und dort eine Bedeutung zu nehmen und zu verbinden? Es ist alles offenbar Mangel an großer Welt, und die allein ist Welt. Sudelbuch E 84
Seine eigene Figur lacht ihn aus. Sudelbuch E 92
Seine Uhr lag schon einige Stunden in einer Ohnmacht. Sudelbuch E 96
Oden, wenn man sie liest, so gehen einem, mit Respekt zu sagen, Nasenlöcher und Zehen auseinander. Sudelbuch E 97
Wir ziehen unsere Köpfe in Treibhäusern. Sudelbuch E 99
Die geheimen und ungeheimen Tiefen der Philosophie. Er kannte die Tiefen dieser Wissenschaft mit allen ihren Untiefen. Sudelbuch E 101
Dem Dr. Faust unter andern haben wir ein ganz herrliches Denkmal gestiftet, dass ihn der Teufel noch auf die Stunde in jedem Marionettenstall auf jeder Frankfurter Messe die Woche 6-mal holt. Sudelbuch E 106
Witzige Schriften wollten sie. Da regnete, blitzte und hagelte es Epigramme. Wisst ihr, was die Antwort war? Die alte ausgepeitschte Sentenz, es gäbe hundert Witzige gegen einen, der Verstand hätte. Wer konnte es alsdann den Spottvögeln verdenken, von denen es in Deutschland wimmelt, wenn sie die Welt mit verständigen Schriften anfüllten, ich meine mit solchen, in welchen kein Gran von Witz anzutreffen ist, daher nahm die verständige Komödie ihren Ursprung, die verständige Farce, unsre verständige Satire, ja man machte sogar verständige Wortspiele. Sudelbuch E 110
Über die Fortrückung der Nachtgleichen und der Essenszeit. Die letztere zu untersuchen ist so wichtig für den Moralisten als die erstere für den Astronomen. Sudelbuch E 116
Was man ernstlich sagen will in einer Ironie, kann entweder als Worte der Gegner beigebracht werden, oder mit einem zwar. Es ist zwar wahr, wir können nicht leugnen pp und dann eine Verteidigung. Sudelbuch E 121
Horaz hätte ganz andere Oden gesungen. Hört Freunde, wenn ihr Ungerechtigkeiten sagen wollt, so sagt sie wenigstens schlechtweg und versündigt euch nicht mit solchen mutwilligen Kombinationen von Groß und Klein bei aller Gelegenheit, und wenn ihr den Unwillen und Kaltsinn der Welt auf uns zu bringen sucht, so verschont uns wenigstens mit ihrem Spott. Was hat Horaz hier zu tun? Meint ihr, ich merke eure Streiche nicht? Aber wahrlich, reizt mich nicht zu ähnlichen Sarkasmen, ich wette, ich feure euch fünfmal gegen euer Einmal. Sudelbuch E 125
Und gesetzt, ein junger Mensch, der einen Trieb in sich verspürt, ein Original-Kopf zu werden, schreibt uns eine Romanze oder eine Ballade oder so etwas, wobei jedem vernünftigen Mann die Augen aus Mitleiden über das unglückliche junge Genie übergehen, hat man deswegen gleich Ursache, ein langes und breites davon zu machen und sich anzustoßen, zuzuwispern und zuzugicklen und laut heimlichzutun, als wenn der Papst mit Zwillingen niedergekommen wäre? Wenn jemand schlecht schreibt, gut, so lasst ihn schreiben. Sich in einen Ochsen verwandeln ist noch lange kein Selbstmord. Sudelbuch E 127
Es hatte die Wirkung, die gemeiniglich gute Bücher haben. Es machte die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger, und die übrigen Tausende blieben ungeändert. Sudelbuch E 128
Macht aus Materien, die eigentlich ein Stück in einem Wochenblatt füllen könnten, kein Buch, und aus zwei Worten keine Periode. Was der große Dummkopf in einem Buch sagt, würde erträglich sein, wenn er es in 3 Worte bringen könnte. Sudelbuch E 129
Sachte, sachte, damit euch die Engel nicht auslachen. Der Gegenstand ist schlecht, aber ihr kennt ihn noch nicht ganz, und deswegen verfahrt behutsam. Wisst ihr wohl, dass der Magnet von Anfang bloß den Taschenspielern diente? Sudelbuch E 132
Überhaupt, wenn sich Leute einmal solche Ideen in den Kopf gesetzt haben, so kriegt man sie so leicht nicht wieder heraus. Das Beste, was sie tun können, ist, dass sie eine gesunde Logik vor sich nehmen und einmal ihr ganzes Meinungen-System von Stück zu Stück durchputzen, zumal die alten von der deutschen Schule her, die gebrechlichen ausmerzen, oder wenn dieses nicht helfen will, dass sie sich regelmäßig Bewegung machen und dabei Dr. Hill’s Cyrenaean Juice, womit jetzt die Buchhändler in London handeln (Truemann near Exeter Exchange Strand), gebrauchen. Sudelbuch E 136
Schwätzt doch nicht. Was wollt ihr denn? Wenn die Fixsterne nicht einmal fix sind, wie könnt ihr denn sagen, dass alles Wahre wahr ist? Sudelbuch E 138
Sie schreiben aus Vaterlands-Liebe Zeug, worüber man unser liebes Vaterland auslacht. Sudelbuch E 139
Die Ausbrüche eines sehr schmierigen Pinsels. Sudelbuch E 142
Ich bin eigentlich nach England gegangen, um deutsch schreiben zu lernen. Sudelbuch E 143
Wenn man der Sache nachdenkt, oder das nicht einmal, wenn man bloß davon spricht, so muss man es merken. Sudelbuch E 144
Mut, Geschwätzigkeit und Menge ist auf unserer Seite. Was wollen wir weiter? Sudelbuch E 147
Was man nicht gleich sieht, ist keine drei Groschen wert, artifizielles Gewäsch. Sudelbuch E 148
In dem Sudelbuch können die Einfälle, die man hat, mit aller der Umständlichkeit ausgeführt werden, in die man gewöhnlich verfällt, solang einem die Sache noch neu ist. Nachdem man bekannter mit der Sache wird, so sieht man das Unnötige ein und fasst es kürzer. Es ist mir so gegangen, als ich meinen Timorus schrieb. Ich [habe] oft mit dem, was ein Aufsatz im Sudelbuch war, einen Ausdruck schattiert. Sudelbuch E 149
Die Briefe über die neuste Literatur, die ich im Namen einer Aufwärterin geschrieben habe, können in dem Buch so angebracht werden: Wenige Länder in der Welt, ich darf es kühn behaupten, kommen Deutschland in diesem Stücke gleich, ich habe auf meinen Reisen eine merkwürdige Probe davon gehabt. Ich hielt mich einmal in einem Städtchen auf, wo die Dienstmädchen und Bedienten eine Lese-Gesellschaft errichtet hatten und, statt ihren kleinen Überfluss in Strümpfen und Schuhen, Halstüchern und sonst Dingen auszulegen, die zur Üppigkeit gehören, Bücher dafür anschafften. Die Aufwärterin in meinem Haus war nicht lange vor meiner Ankunft in die Gesellschaft getreten, wie die Briefe zeigen, die ich fand, nachdem sie das Haus verlassen. Denn der Wirt, ein Idiot, wollte kein Mädchen haben, die die gelehrte Zeitung läse. Sudelbuch E 150
Frei? Wie? Vogelfrei vielleicht? Sudelbuch E 152
Deutsche Charaktere. Das ist die schon hundertmal hergeleierte Klage der Allgemeinen Bibliothek, über der einem fast alle Geduld ausgehen möchte. Ich frage gleich: Was ist ein deutscher Charakter? Was? Nicht wahr, Tabakrauchen und Ehrlichkeit? O ihr einfältigen Tröpfe. Hört, seid so gut und sagt mir, was ist es für Wetter in Amerika? Soll ich’s statt eurer sagen? Gut. Es blitzt, es hagelt, es ist dreckig, es ist schwül, es ist nicht auszustehn, es schneit, friert, wehet, und die Sonne scheint. Sudelbuch E 153
Ferner müsst ihr mit dem kleinstädtischen, kaffeeschwesterlichen Deuten der Charaktere wegbleiben, das in Deutschland bis zur Schande eingerissen ist, wenn ich sage, der Mann mit der weingrünen Nase, so kann ich sicher rechnen, dass ich nicht bloß die Weingrünen alle gegen mich habe, sondern auch alle die Blauen und die Roten, endlich schlagen sich wohl gar die Finnigten noch dazu, und so bin ich ein in die Acht erklärtes Geschöpf, das seinen Wein künftig zwischen seinen vier Wänden trinken muss. Sudelbuch E 155
Man könne, sagen sie, nichts aus unsern Original-Schriften lernen, wenn ich wieder sticheln wollte, so könnte ich sagen, vermutlich weil ihr schon alles wisst. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass es das eigentliche Criterion eines großen Schriftstellers ist, dass selbst aus seinem weggeworfenen Scherz denkende Köpfe ernsthaften Nutzen ziehen können und dass sie über einen Kirschenstiel Betrachtungen anstellen können, die anderer Leute ihren über die Seele nichts nachgeben. Sudelbuch E 157
Der Engländer tut für den Schall: Liberty soviel als mancher ehrliche Mann in Deutschland für das Ding: Freiheit. Sudelbuch E 162
Die Katholiken und die andern Menschen. Sudelbuch E 165
Es gibt Leute, die so fette Gesichter haben, dass sie unter dem Speck lachen können, dass der größte physiognomische Zauberer nichts davon gewahr wird, da wir arme winddürre Geschöpfe, denen die Seele unmittelbar unter der Epidermis sitzt, immer die Sprache sprechen, worin man nicht lügen kann. Sudelbuch E 171
Um eine fremde Sprache recht gut sprechen zu lernen und wirklich in Gesellschaft zu sprechen mit dem eigentlichen Akzent des Volks, muss man nicht allein Gedächtnis und Ohr haben, sondern auch in gewissem Grad ein kleiner Geck sein. Sudelbuch E 173
Hüte dich, dass du nicht durch Zufälle in eine Stelle kommst, der du nicht gewachsen bist, damit du nicht scheinen musst, was du nicht bist, nichts ist gefährlicher und stört alle innere Ruhe mehr, ja ist aller Rechtschaffenheit mehr nachteilig als dieses, und endigt gemeiniglich mit einem gänzlichen Verlust des Kredits. Sudelbuch E 174
O ihr Tröpfe: Ich weiß wohl, wo ihr hinauswollt, da wo ihr hinwollt, bin ich lang gewesen, das sind die aufgewärmten Gordonischen Principia, dass man, um den Tacitus zu verstehn, mehr als Latein wissen müsse. Sudelbuch E 177
Wisst ihr wohl, dass weitläufig zu sein erlaubt ist, wenn man nach den Bogen bezahlt wird, und ich hasse die Beschreibungen von einer Schlacht, die zu lesen weniger Zeit wegnehmen, als die Schlacht selbst. Nichts muss man behutsamer aussprechen als das Urteil: Dunkel. Etwas dunkel zu finden ist keine Kunst: Die Elefanten und die Pudelhunde könnten dann wer weiß was dunkel finden. Sudelbuch E 178
Wise ist ein Schimpfwort im englischen, he is a wise one heißt so viel als: Er ist ein einfältiger Pinsel. Sudelbuch E 182
Keine Leute sind eingebildeter als die Beschreiber ihrer Empfindungen, zumal wenn sie dabei etwas Prose zu kommandieren haben. Sudelbuch E 189
Für alle die Bemerkungen eines Mannes, der z. E. barfuß nach Rom laufen könnte, um sich dem Vatikanischen Apoll zu Füßen zu werfen, gebe ich keinen Pfennig. Diese Leute sprechen nur von sich, wenn sie von andern Dingen zu reden glauben, und die Wahrheit kann nicht leicht in üblere Hände geraten. Sudelbuch E 190
Auch ich habe meine Empfindung beschreibende Prose oft mit einem Entzücken gelesen, das meine sterbliche Hülle mit einer wollüstigen Gänsehaut überzog: Ich habe bei protestantischem Kopf und Herzen in den Hallen eines katholischen Tempels bei heiliger Musik und unter dem Donner der Pauken die Tritte des Allmächtigen zu hören geglaubt und Tränen der Andacht geweint. Mit unaussprechlicher Wollust denke ich noch an den Tag zurück, da ich in Westminster Abtei, über den Staub der Könige wandelnd, bei mir selbst die Worte betete, Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Die Beschreibung von den Bemerkungen bei dem Banquetting-Haus p. 1.) Sudelbuch E 191
Die Leute können nicht begreifen, wie es Menschen geben könne, die das sogenannte Weben des Genies in den Wolken, wo ein glühender Kopf halb gare Ideen auswirft, für Possen halten können, ja wie man so grausam sein könne [und] ganze Kapitel voll schöner Ausdrücke nicht so hoch achtet als ein Senfkorn von Sache. Sudelbuch E 193
Die Beweiser, da nichts zu beweisen ist. Es gibt eine Art von leerem Geschwätz, dem man durch Neuigkeit des Ausdrucks, unerwartete Metaphern das Ansehen von Fülle gibt. Klopstock und Lavater sind Meister darin. Im Scherz geht es an. Im Ernst ist es unverzeihlich. Sudelbuch E 194
Die Wahrheit hat tausend Hindernisse zu überwinden, um unbeschädigt zu Papier zu kommen, und von Papier wieder zu Kopf. Die Lügner sind ihre schwächsten Feinde. Der enthusiastische Schriftsteller, der von allen Dingen spricht und alle Dinge ansieht, wie andere ehrliche Leute, wenn sie einen Hieb haben, ferner der superfeine erkünstelte Menschenkenner, der in jeder Handlung eines Mannes, wie Engel in einer Monade, sein ganzes Leben sich abspiegeln sieht und sehen will, der gute fromme Mann, der überall aus Respekt glaubt, nichts untersucht, was er vor dem 15. Jahr gelernt hat, und sein bisschen Untersuchtes auf [un]untersuchten Grund baut, dieses sind Feinde der Wahrheit. Sudelbuch E 195
Es sind ganz brave Leute, aber die Hälfte des Guten und Bösen, das man von ihnen sagt, ist nicht wahr. Sudelbuch E 198
Margate. Es geht da so wie an allen Orten, wo Bäder sind, man holt ein bisschen verlorne Gesundheit und verliert sein Herz. Sudelbuch E 199
Sie verkaufen alles bis aufs Hemd und noch weiter. Sudelbuch E 200
Ein Schluck von Vernunft. Sudelbuch E 201
Sie lesen nur und sehen nicht, und trinken Hühnerbrühe. Sudelbuch E 202
Alsdann verfiel er in ein albernes Kleinkünstlen, das Kriterium der Stümper, und bekümmerte sich wie ein Dorffriseur um Härchen und ließ die ganze Perücke in Verwirrung. Sudelbuch E 205
Auf den Dörfern in Deutschland ist die Gespenster Stunde zwischen 11 und 12 des Nachts, da kämen die Gespenster in den großen Städten recht, da ist sie zwischen 8 und 9 des Morgens. Das könnte in der Gespenster-Idylle angebracht werden. Sudelbuch E 209
Unser Leben kann man mit einem Wintertag vergleichen, wir werden zwischen 12 und 1 des Nachts geboren, es wird 8 Uhr, ehe es Tag wird, und vor 4 des Nachmittages wird es wieder dunkel, und um 12 sterben [wir]. Sudelbuch E 210
Wenn die Menschen plötzlich tugendhaft würden, so müssten viele Tausende verhungern. Sudelbuch E 211
Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraussehen. Wir haben keine Worte, mit dem Dummen von Weisheit zu sprechen. Der ist schon weise, der den Weisen versteht. Sudelbuch E 213
Nichts als Knochen und Überrock. Sudelbuch E 215
Wenn [er] etwas fliegen sieht, so meint er gleich, es wäre der Vogel Rock. Sudelbuch E 218
Es ist keine Kunst, etwas kurz sagen, wenn man etwas zu sagen hat, wie Tacitus, allein wenn man nichts zu sagen hat und schreibt dennoch ein Buch und macht die Wahrheit mit ihrem ex nihilo nihil fit zur Lügnerin, das heiß ich Verdienst. Sudelbuch E 220
Indem ich jetzt die Feder ansetze, fühle ich mich so voll, meinem Gegenstand so gewachsen, sehe mein Buch in dem Keim so deutlich vor mir, dass ich es fast versuchen möchte, mit einem einzigen Wort auszusprechen. Sudelbuch E 222
Eine Germania, der eine Lotto Fortuna mit ihrer Kugel die Rippen zermangelt, während als ihr ein galanter Minister ein Riechfläschgen vorhält oder [ein] Kollekteur mit einem Heft fächelt? Sudelbuch E 227
Einen Primaner, der den Goethe anbetet und den Wieland anspeit. Sudelbuch E 229
Er urteilt davon, wie ein Professor Juris von einer Satire. Sudelbuch E 231
Die Natur hat die Menschen durch die Brust verbunden, und die Professores hätten sie gerne mit dem Kopf zusammen. Sudelbuch E 236
Die große Regel: Wenn dein bisschen an sich nichts Sonderbares ist, so sage es wenigstens ein bisschen sonderbar. Sudelbuch E 240
Nicht gegen Sprechen aus Empfindung, sondern gegen das Schwatzen von Empfindung, das ist wieder eine von [den] Sentenzen für die Ohren, nichts weiter als aus und von … Sudelbuch E 243
Dass es wahr ist, das hätte nichts zu bedeuten, allein die Leute glauben’s, das ist den Teufel. Sudelbuch E 245
Ordnung müsst ihr im Büchelchen nicht suchen. Ordnung ist eine Tochter der Überlegung, und meine Feinde haben so wenig Überlegung gegen mich gebraucht, dass ich gar nicht absehe, warum ich welche gegen sie gebrauchen sollte. Sudelbuch E 246
Wir schreiben ein- und sechszöllig. Er las es, und wisst ihr, was die Antwort war? Fidibus. Das verstand ein schlauer Kopf und schrieb Fidibus aus Spott. Was meint ihr, was das Publikum [tat], immer Fuchs und Chamäleon zugleich? es ließ sie einbinden. Halt, dachte ein dritter, nun will ich dich kriegen, und sagte, hier ist Makulatur, und das Publikum echote im gewöhnlichen Ton sein Urteil: Makulatur. Nun, aus solchem Geschwätz finde sich einmal ein ehrlicher Mann, wenn er kann. Sudelbuch E 247
Briefe über die neuste Literatur: Und ich dank es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen. Sudelbuch E 249
Wir sollten deutsche Charaktere auf die Bühne bringen, vortrefflich, und die deutschen Charaktere uns dafür ans Halseisen. Nicht wahr? Sudelbuch E 251
Die Mädgen, anstatt sich für ihren Überfluss Schuh, Strümpfe, undurchsichtige Halstücher und solchen üppigen Plunder anzuschaffen, lasen die gelehrte Zeitung und errichteten eine Lese-Gesellschaft, bliesen Oden und lauschten auf das Brausen des Genies in den Wolken. Sudelbuch E 255
Ich glaube, dass sich Leberreime schreiben lassen, die, ohne den Regeln dieser erhabenen Dichtungsart im geringsten zu nahezutreten, den Weisen selbst so viel Vergnügen machen könnten, als eine Stelle aus dem Homer. Das Prädikat: Possen kommt keinem Werk des menschlichen Witzes vorzüglich vor andern zu, allein ein armer Tropf schreibt Possen in allen Klassen der Wissenschaft. Sudelbuch E 257
Solche Leute sollte man Knöpfe mit dem Buchstaben Null tragen lassen, damit man sie kennte. Sudelbuch E 260
Wir ahmten alle nach, und wir könnten nicht einmal recht nachahmen, unsere Nachahmer haschten gemeiniglich nur die Formen der Orignale, den Glanz ohne das Gewicht, und was sie noch außerdem für Zeug vorbringen. Um ja ihr Tränkchen so bitter zu machen als möglich, so tadeln sie uns erst, und dann sprechen sie uns das Beste aus dem, was sie uns vorwerfen, auch wieder ab. So sagen sie, ihr ahmt nach und das nicht mal recht. Der Deutsche taugt nur, wo Bewunderung mit Schweiß oder Blut erweckt werden muss, und dazu nicht einmal recht. Das ist gelogen, damit ihrs wisst, und das nicht einmal recht. Sudelbuch E 261
Der noch nicht einmal passives und aktives Lesen unterscheiden kann. Sudelbuch E 263
Ihre schlappen Nerven sind keiner Empfindung und proportionierten Wirkung mehr fähig, und das bisschen, dessen sie noch fähig sind, bedecken sie mit Speck, dass kein Teufel durchsehen kann. Sudelbuch E 265
Wenn ihr ein Wörtchen heimsagen könnt, so müsst ihr euch nicht gleich für Auserwählte halten. Sudelbuch E 269
Schimpft nicht auf unsere Metaphern, es ist der einzige Weg, wenn starke Züge in einer Sprache zu verbleichen anfangen, sie wieder aufzufrischen und dem Ganzen Leben und Wärme zu geben. Es ist unglaublich, wie viel unsere besten Wörter verloren haben, das Wort vernünftig hat fast sein ganzes Gepräge verloren, man weiß die Bedeutung, aber man fühlt sie nicht mehr, wegen der Menge von vernünftigen Männern, die den Titel geführt haben, unvernünftig ist in seiner Art stärker. Ein vernünftiges Kind ist ein schlaffer frommer Taugenichts von einem Anbringer, ein unvernünftiger Junge ist viel besser. Der Schall Liberty. Sudelbuch E 271
Eine schädliche Folge des allzu vielen Lesens ist, dass sich die Bedeutung der Wörter abnutzt, die Gedanken werden nur so ohngefähr ausgedrückt. Der Ausdruck sitzt dem Gedanken nur los an. Ist das wahr? Sudelbuch E 273
Da laufen sie wie Wood und Aeschines nach Troja und lesen den Homer auf der Stelle, kommt einmal auf unsere Dachstube und lest unsere Werke, wo sie geschrieben sind, und ihr werdet ganz anders urteilen. Eine Kammer, worin nie etwas dampft als zuweilen böser Stein-Tabak, und im Winter unser eigner Odem. Sudelbuch E 278
Die Narren wären viel besser als unsere feinsten Philosophen, denn sie glaubten doch noch, was sie sähen und empfänden, da hingegen einige englische Philosophen der Natur den Rücken kehrten, glaubten, was sie nicht empfänden. Ich bin so weit davon entfernt, darüber zu spotten, dass ich viel mehr seine Empfindung verleugnen für einen Adler-Flug von Vernunft halte, wogegen Sprache, Selbstmord und Wahnsinn bloße Flohsprünge sind. Das heiß ich Freiheit, ja müssten solche unternehmende Seelen des Essen und Trinkens wegen nicht wieder nach ihren Baracken der Erde zurückkehren, sie desertierten dem lieben Gott ganz und lebten wie der Teufel aparte. Sudelbuch E 279
Ich erinnere mich deutlich, dass ich in meiner ersten Jugend einmal ein Kalb wollte apportieren lernen, allein ob ich gleich merkte, dass ich merklich in den nötigen Fertigkeiten zunahm, so verstunden wir uns einander alle Tage weniger, und ich ließ es endlich ganz und habe es nachher nie wieder versucht. Sudelbuch E 281
Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut. Sudelbuch E 283
Adieu. Sudelbuch E 285
In einem Städtchen, wo sich immer ein Gesicht aufs andere reimt. Sudelbuch E 286
Die rechten Narren, die der Himmel geschaffen hat, unsern Witz daran zu schleifen, die Narren für die Ewigkeit, die haben wir ja nicht einmal. Sollen wir uns etwa an unsere Sonnenkälbgen machen, die Email Böckgen, die mit einem R-scheuen Züngelgen alles wie Brei und L aussprechen? Pfui Teufel! Man muss sich schämen und weiß kaum, welches das Objekt und welches die Satire ist, und wer den Hieb gibt oder empfängt, das heißt Batterien aufwerfen, um Bachstelzen zu schießen. Sudelbuch E 289
Pfui, sich über solche Kleinigkeiten aufhalten, das heißt Batterien aufwerfen um Bachstelzen zu schießen, und vernünftige Leute wissen kaum, ob ihr den Hieb gegeben oder empfangen habt. Sudelbuch E 291
Der Mensch denkt Wunder, wer er wäre, wenn er die Milbe einen Elefanten und die Sonne einen Funken nennt. Sudelbuch E 293
Das wäre eine Sünde? Sowenig als Fenster einschmeißen und Äpfel stehlen. Sudelbuch E 294
Wenn ich Fenster einwerfe, so geschieht es immer mit Dreigroschenstücken. Sudelbuch E 295
Die Wege sind mit Nimmergrün besetzt. Sudelbuch E 296
Ich sage ausdrücklich: Die Schornsteine auf dem Dach, denn wenn man sagt, in Niedersachsen gehn die Leute auch durch die Schornsteine in die Häuser, so ist das eine dumme Lüge, die Leute steigen nicht zu den Schornsteinen hinein, sondern der Rauch geht zur Haustüre heraus. Sudelbuch E 302
Ich möchte nur einen einzigen Tag König von Preußen sein, ich wollte die Berliner zausen. Sudelbuch E 303
Wenn sie die Wahrheit in der Natur gefunden haben, so schmeißen sie sie wieder in ein Buch, wo sie noch schlechter aufgehoben ist. Formeln. Sudelbuch E 304
Er schreibt, dass selbst den Engeln der Verstand stille steht. Sudelbuch E 307
Schreibt man denn Bücher bloß zum Lesen? Oder nicht auch zum Unterlegen in die Haushaltung? Gegen eins, das durchgelesen wird, werden tausende durchgeblättert, andere tausend liegen stille, andere werden auf Mauslöcher gepresst, nach Ratzen geworfen, auf andern wird gestanden, gesessen, getrommelt, Pfefferkuchen gebacken, mit andern werden Pfeifen angesteckt, hinter dem Fenster damit gestanden. Sudelbuch E 308
Man macht nicht gerne aus einem weißen Bogen Pfefferdutten, sobald darauf gedruckt ist, greift man gerne zu. Sudelbuch E 309
Motto. Fliehe inaudite und insolente Wörter wie Skopeln. Sudelbuch E 312
Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen? Sudelbuch E 313
Ist denn Besinnen etwas anders als Nachschlagen und Erfinden mehr als Umformen? Sudelbuch E 314
Sowohl die Hungrigen als die Gelehrten haben darüber gearbeitet. Sudelbuch E 316
Ich meine den Vaterlands Schänder, der in der allgemeinen deutschen Bibliothek mit uns umgeht, als wenn wir Ausländer wären. Ja, ich kann mich nicht fassen, und, damit ihrs wisst, ich mag [mich] nicht fassen. Ich sage also zum ersten 2ten und dritten mal, Vaterlands-Schänder komme heraus. Sudelbuch E 318
Es geht ihnen durch die Köpfe, wie die magnetische Materie durch Gold, ohne ihm die geringste Richtung zu geben. Sudelbuch E 319
Ein guter Ausdruck ist so viel wert als ein guter Gedanke, weil es fast unmöglich ist, sich gut auszudrücken, ohne das Ausgedrückte von einer guten Seite zu zeigen. Sudelbuch E 321
In dem Tollhaus muss einer Shakespearisch sprechen. Sudelbuch E 322
Was! wollt ihr etwa auch wie Cervantes im Fliehen siegen? Sudelbuch E 324
Ehrlos ist etwas ganz anderes als: infame, infame ist gar nichts. Ich hab infame Leute in Gold und Silber einhergehen und -fahren sehen, o was sage ich Gold und Silber, selbst im schwarzen Kleide habe ich noch neuerlich einen gesehen, welches schwarz bekanntlich die Farbe der Unschuld ist, zwar nicht der poetischen, aber gewiss der praktischen. Sudelbuch E 334
Ich scherze fürwahr nicht, liebe Landesleute, wenn ich eingestehe, die Deutschen hätten keinen Esprit, denn das bisgen Atheisterei unter uns kann man noch nicht esprit nennen. Zu einem französischen Atheisten, der Esprit hat, wird [verlangt], dass er sich nur bloß bei schmerzlichen Krankheiten und auf dem Todbette bekehrt, unsere hingegen bekehren sich gemeiniglich bei jedem Donnerwetter. Ferner die Liedgen unserer Jugend sind ebenfalls noch kein Beweis, dass die Jugend Esprit hat. Es ist zwar wahr, Esprit ist Nonsense, aber nicht jeder Nonsense ist Esprit. Sudelbuch E 339
Dem Richter, dem man auf den Flügeln des Lichtes nicht entrinnen kann. Sudelbuch E 341
Vielleicht die Beschreibung des Tintenflecks. Sudelbuch E 343
Die Beschreibung der Belagerung von Bergen-op-Zoom in den historisch genealogischen Nachrichten gefällt mir immer besser als Homer. Sudelbuch E 344
Das Land, wo man den Shakespeare eher kennenlernt, als den Pontius Pilatus. Sudelbuch E 345
Die großen Herrn mit ihren langen Armen und ihre Kammerdiener mit ihren kurzen. Die großen Herrn mit ihren langen Armen haben ihm nicht so viel geschadet als die Kammerdiener mit ihren kleinen. Sudelbuch E 346
Eine Preisfrage an den Himmel. Sudelbuch E 347
Als er eine Mücke ins Licht fliegen sah und sie nun mit dem Tode rang, so sagte er: Hinunter mit dem bitteren Kelch, du armes Tier, ein Professor sieht es und bedauert dich. Sudelbuch E 348
Der Charakter der Deutschen in 2 Worten, patriam fugimus. Virgilius. Sudelbuch E 351
Glaubt mir nur sicherlich, wenn eine Vorschrift der Natur aus drei Worten besteht, so ist gewiss eins darunter ein Katheder-Echo. Sudelbuch E 355
Das dunkle Gefühl seiner Perfektibilität macht, dass der Mensch sich auch alsdann noch vom Ziel entfernt dünkt, wenn er es erreicht hat, und die Vernunft leuchtet ihm nicht genug. Was ihm leicht wird, dünkt ihn schlecht, und so spannt er sich vom Schlechten zum Guten und vom Guten zu einer Art von Schlechtem, das er für besser hält als gut. Ein guter Geschmack ist entweder der, der mit dem meinigen übereinkommt oder sich unter die Herrschaft der Vernunft wirft. Hieraus sieht man, wie nützlich es ist, Regeln durch die Vernunft für den Geschmack aufzusuchen. Sudelbuch E 356
Die Physiognomen, ein Lustspiel. Sudelbuch E 357
Es wäre besser, solche Leute legten sich ins Bett, als dass sie solches Zeug schwätzen. Sudelbuch E 359
Eine Nase mit Flügeln. Sudelbuch E 361
Der Mensch ist oft eben ein so unparteiischer Richter, als er Thermometer ist. Er spricht von kalt und kälter und abscheulich kalt, wenn gar kein Wort davon wahr ist. Sudelbuch E 363
Alle wohlklingend und alles erlogen. Sudelbuch E 364
Nicht alle die Wohlgeboren sind wohlgestorben oder im Reich der Toten HochEdelgestorbene. Sudelbuch E 369
Als ich nun so studierte und schlief. Sudelbuch E 370
Geschwätz, das einen bloß konventionellen Wert hat. Es kann dem Berliner, dem Hamburger, dem Sachsenhäuser gefallen, dem Menschen gefällt es deswegen nicht. Sudelbuch E 373
Den Nachtwächter nach der Stimme zeichnen wollen. Man irrt sich oft, so dass man sich des Lachens nicht enthalten kann, wenn man seinen Irrtum sieht. Ist Physiognomik etwas anders? Die Leute, mit denen man des Nachts in einem Postwagen fährt. Sudelbuch E 374
Man suche keinen Enthusiasten Behutsamkeit lehren zu wollen. Solche Leute sagen, sie wollen behutsam sein, glauben auch, sie wären behutsam, und sind die unbehutsamsten Seelen auf der Welt. Sudelbuch E 376
Wenn man etwas sieht, so versuche man den Eindruck, den es auf einen macht, in Worte zu bringen, unverfälscht. Es ist kaum zu glauben, wie gelehrt der Mensch ist. Sudelbuch E 381
Wie geht’s, sagte ein Blinder zu einem Lahmen. Wie Sie sehen, antwortete der Lahme. Sudelbuch E 382
Nonsense und Verwirrung sollen den holen, der das sagt! Sudelbuch E 385
Wir ziehen auch beim Donner die Entfernung in Betracht und scheinen gleichsam ihn in der Entfernung zu multiplizieren. Sudelbuch E 388
Zum Anschwärzen seien die Schwarzen am besten. Sudelbuch E 392
Ich habe seit einiger Zeit mehr Wörter aufgenommen. Sudelbuch E 395
Im 85sten sagt Lessing bei Gelegenheit des Diderot: Ein kluger Mann sagt öfters erst mit Lachen, was er hernach im Ernste wiederholen will. Sudelbuch E 398
Unter meine Charaktere im Parakletor kann auch noch folgender aufgenommen werden: die Superfeinen, die ohne eigentliche Geistesstärke große Männer werden wollen und sich bei aller Gelegenheit selbst anstoßen und erinnern, eine feine Bemerkung zu machen, und eben wegen der beständigen höchst unnatürlichen Spannung immer das Falsche bemerken und auf künstliche Erklärungen verfallen. Sudelbuch E 399
Wenn man sich nur recht selbst beobachtet. Ein weißer Bogen Papier flößt mehr Respekt ein als der schönste Bogen Makulatur. Es füllt einen mit einer Begierde, ihn zu beseelen. Sudelbuch E 403
Man muss nicht zu viel trennen, nicht zu viel abstrahieren, die großen Raffineurs haben, glaube ich, die wenigsten Entdeckungen gemacht. Das ist eben der Nutzen der menschlichen Maschine, dass sie Summen angibt. Sudelbuch E 407
Wir wollen die metaphysischen Grübeleien denen überlassen, die nichts Bessers tun können. Man kann, ohne aus dem Sprengel der Beattischen Philosophie zu weichen, sehr viel Gutes und Nützliches tun und sagen, ja mehr als wenn man sich in feine Subtilitäten verirrt. Seine Philosophie ist für die Menschen, die andere für die Professoren. Analysis der Empfindung. Sudelbuch E 408
Habe keine zu künstliche Idee vom Menschen, sondern urteile natürlich von ihm, halte ihn weder für zu gut noch zu böse. Sudelbuch E 409
Die Kunst ein Werk zu rechter Zeit herauszugeben, ist hauptsächlich unserm Vaterland eigen, sie wissen es, so zwischen zu früh und zu spät hineinzukommen, dass kein Tag mehr dazwischen ginge. Denn früher können sie nicht kommen, weil sie, so wie [sie] sind, noch nicht fertig sind, und später nicht, weil man gemeiniglich, schon ehe sie kommen, weiß, was drinnen steht. Sudelbuch E 410
Nicht jeder Original-Kopf führt eine Original-Feder, und nicht jede Original-Feder wird von einem originellen Kopf regiert. Sudelbuch E 411
Nun sprechen wir von einer 5ten Fakultät, so wie sie von einem 5ten Weltteil sprechen, und die sollte den gemeinen Menschen Verstand lehren. Sudelbuch E 413
Erkünstelte und natürliche Laune. Sudelbuch E 414
Wenn ich die Genealogie der Dame Wissenschaft recht kenne, so ist die Unwissenheit ihre ältere Schwester, und [ist] denn das etwas so Himmelschreiendes, die ältere Schwester zu nehmen, wenn einem die jüngere auch zu Befehl steht? Von allen denen, die sie gekannt haben, habe ich gehört, dass die älteste ihre eigne Reize habe, dass sie ein fettes gutes Mädchen sei, die eben deswegen, weil sie mehr schläft als wacht, eine vortreffliche Gattin abgibt. Sudelbuch E 417
Als ich nicht bei ihm wohnte, sah er nicht, was er nunmehr übersah, kleine Vergehen brachten uns damals weder näher zusammen noch weiter von einander, jetzo aber wurde selbst seine scheinbare Nachsicht ein Mittel, mich durch Erkenntlichkeit einzuschränken. Sudelbuch E 418
Mit der Feder in der Hand habe ich, mit gutem Erfolg, Schanzen erstiegen, von denen andere mit Schwert und Bannstrahl bewaffnet zurückgeschlagen worden sind. Sudelbuch E 419
Unsere Philosophen hören zu wenig die Stimme der Empfindung oder vielmehr, sie haben so selten feines Gefühl genug, dass sie bei jedem Vorfall in der Welt immer mehr das angeben, was sie wissen, als wie, was sie dabei empfinden, und das ist nichts wert, dadurch kommen wir der eigentlichen Philosophie keinen Schritt näher. Das, was der Mensch wissen kann, ist das grade auch das, was er wissen soll? Sudelbuch E 420
Die Enthusiasten, die ich gekannt habe, haben alle den entsetzlichen Fehler gehabt, dass sie bei dem geringsten Funken, der auf sie fällt, allemal wie ein lange vorbereitetes Feuerwerk abbrennen. Immer in derselben Form und immer mit demselben Getöse, da bei dem vernünftigen Mann die Empfindung immer dem Eindruck proportioniert ist. Der leichtsinnige räsoniert nach dem ersten Eindruck kaltsinnig fort, da der vernünftige Mann immer einmal umkehrt und sieht, was der Instinkt dazu sagt. Sudelbuch E 424
Die alten Dichter haben doch noch den Nutzen, wenn sie auch sonst keinen hätten, dass wir die Meinungen des gemeinen Volks hier und da kennenlernen, die sonst nicht aufgezeichnet sind, auch den haben unsere Genies nicht einmal. Denn unsere Volkslieder sind oft voll von einer Mythologie, die niemand im Städtchen kennt als der Narr, der das Volkslied gemacht hat. Sudelbuch E 433
Der Mann geht zu weit, aber tue ich das nicht auch? Er hört sich gern in seinem Enthusiasmus. Höre ich mich nicht gerne mit meinem Witz? oder in meiner kaltblütigen Verachtung alles dessen, was aus Empfindung getan wird? Sudelbuch E 438
Namentlich alle Buhl- und Betschwestern. Sudelbuch E 444
15. Man soll seinem Gefühl folgen und den ersten Eindruck, den eine Sache auf uns macht, zu Wort bringen. Nicht als wenn ich Wahrheit so zu suchen riete, sondern weil es die unverfälschte Stimme unserer Erfahrung ist, das Resultat unserer besten Bemerkungen, da wir leicht in pflichtmäßiges Gewäsch verfallen, wenn wir erst nachsinnen. Insoferne rate ich Beattische Philosophie an. Sudelbuch E 450
117. Eine Hauptregel in der Philosophie ist, keinen Deum ex machina zu machen, keine Sinnen, keinen Instinkt anzunehmen, wo man noch mit Assoziation und Mechanismus auskommen kann. Sudelbuch E 456
Leute, die sehr viel gelesen haben, machen selten große Entdeckungen. Ich sage dieses nicht zur Entschuldigung der Faulheit, denn Erfinden setzt eine weitläuftige Selbstbetrachtung der Dinge voraus, man muss mehr sehen, als sich sagen lassen. Assoziation. Sudelbuch E 463
So sagen die Menschen gemeiniglich: Da lach ich dazu, wenn sie dazu weinen oder dazu schäumen möchten. Sudelbuch E 467
Wir gebrauchen das Wort Seele wie die Algebraisten ihr x, y, z oder wie die Wörter Attraktion, es ist vielleicht nur ein bloßes Wort so wie Meinung, Zustand. Hätte Newton x oder * statt Attraktion gesagt. Sudelbuch E 468
So wie man Hitze und Kälte und Kräfte mit Linien ausdrückt, so kann man, so nennt man Taten glänzend, schwarz, es würde lächerlicher sein zu sagen eine graue Tat, oder eine himmelblaue. Indessen könnte man sehr vieles mit sichtbaren Ideen ausdrücken. Sudelbuch E 469
Die Handlungen eines Menschen, die Beschaffenheit seines Hauswesens sind gemeiniglich Fortsätze seiner innern Beschaffenheiten, seines Gehirns pp. So wie der Magnet dem Eisenstaub Form und Ordnung gibt. Sudelbuch E 472
Die Feuermaschine, so wie man sie schon zur Luftpumpe gebraucht hat, könnte gebraucht werden, mehrere andere Bewegungen hervorzubringen. Sudelbuch E 477
Das Wort Teufel, das in meinem Werkchen öfters vorkommt, brauche ich nicht in dem Verstand, in welchem es die gemeinen Leute nehmen, sondern wie die neuern Philosophen, um Friede mit allen Sekten zu halten, so ist es mehr mit x, y, z der Algebraisten zu vergleichen und eine unbekannte Größe. Sudelbuch E 481
Nichts gefällt dem Apoll besser, als [wenn] man ihm einen mutwilligen Rezensenten schlachtet. Sudelbuch E 488
Wenn Leute ihre Träume aufrichtig erzählen wollten, da ließe sich der Charakter eher daraus erraten als aus dem Gesicht. Sudelbuch E 490
Ich habe oft bemerkt, wenn Leute einen mathematischen Satz von einer andern Seite her verstehen, lernen, als durch die gewöhnliche Demonstration, so sagen sie gerne, o ich seh es, es muss so sein. Es ist dieses ein Zeichen, dass sie es sich aus ihrem System erklären. Sudelbuch E 492
24. Die Systeme haben nicht allein den Nutzen, dass man ordentlich über Sachen denkt, nach einem gewissen Plan, sondern dass man überhaupt über Sachen denkt, der letztere Nutzen ist unstreitig größer, als der erstere. Z. E. Assoziation. Sudelbuch E 493
Die Ingredienzien des Mitleids und der Mit-Freude. Sudelbuch E 494
Obgleich in Deutschland viele sehr vernünftige Leser sind, so ist doch der Teil, der seine Meinung öffentlich sagt, eben noch nicht der feinste. Man hat also wenig Gelegenheit, die Stimme des Menschen zu hören. Denn unsere Assembleen sind abscheulich. Sudelbuch E 496
Was mir an unsern Definitionen vom Genie nicht gefällt, ist, dass so gar nichts vom Jüngsten Tag darin vorkommt, nichts vom Hallen durch die Ewigkeit und nichts von den Fußtritten des Allmächtigen. Sudelbuch E 501
Was muss es auf ein Volk für einen Einfluss haben, wenn es keine fremde Sprachen lernt? Vermutlich etwas Ähnliches von dem, den eine gänzliche Entfernung von aller Gesellschaft auf einen einzelnen Menschen hat. Sudelbuch E 506
Wenn wir die Mütter bilden, das heißt die Kinder in Mutterleibe erziehen. Sudelbuch E 507
Es ist kein sicherer Weg, sich einen Namen zu machen, als wenn man über Dinge schreibt, die einen Anschein von Wichtigkeit haben, die sich aber nicht leicht ein vernünftiger Mann die Zeit nimmt zu untersuchen. Sudelbuch E 509
A im Mund und non-A im Herzen. Sudelbuch E 510
Wer dieses nicht einsieht, muss entweder eine schlechte Erziehung genossen oder irgendeinmal einen Schlag an den Kopf bekommen [haben], wodurch die Brücke zwischen diesem Satz und dem Beifall eingestürzt ist. Sudelbuch E 513
Es wäre vielleicht gut, bei den metaphysischen Beweisen von der Existenz Gottes die Wörter unendlich ganz zu vermeiden, oder sie wenigstens nicht eher zu gebrauchen, als bis man erst in der Sache klar ist. Sudelbuch E 514
Er fiel sich selbst ins Wort. Sudelbuch E 515