Sudelbücher Die Sudelbücher des Georg C. Lichtenberg
Grade das Gegenteil tun ist auch eine Nachahmung, und die Definitionen der Nachahmung müssten von Rechts wegen beides unter sich begreifen. Dieses sollten unsere großen nachahmenden Original-Köpfe in Deutschland beherzigen. Sudelbuch F 4
Es ist eine Schande, sagte neulich einmal ein Mann zu mir, dass sich Deutschland so sehr durch gelehrte Zeitungen und Journale lenken lässt. Ich hätte wenigstens von dem Manne eine solche Bemerkung nicht erwartet. Besteht denn Deutschland aus gelehrten Zeitungsschreibern? Ich glaube nicht, dass ein vernünftiger Mann in Deutschland ist, der sich um das Urteil einer Zeitung bekümmert, ich meine, der ein Buch verdammt, weil es die Zeitung verdammt, oder schätzt, weil es die Zeitung anpreist, denn es streitet schlechterdings mit dem Begriff eines vernünftigen Mannes. Sudelbuch F 5
Assoziation: Ein langes Glück verliert schon bloß durch seine Dauer. Sudelbuch F 6
Lesen heißt borgen, daraus erfinden, abtragen. Sudelbuch F 7
11. Wenn man gerne wissen will, was andere Leute über eine gewisse Sache denken, die einen selbst angeht, so denke man nur, was wir unter gleichen Umständen von ihnen denken würden. Man halte niemanden für moralisch besser in diesem Stück, als man selbst ist, und niemand für einfältiger. Die Leute merken öfter, als man glaubt, solche Dinge, die wir vor ihnen mit Kunst versteckt zu haben denken. Von dieser Bemerkung ist mehr als die Hälfte wahr, und das ist allemal viel für eine Maxime, die jemand in seinem 30. Jahr festsetzt, so wie ich diese. Sudelbuch F 13
Ich werde das in Ewigkeit nicht vergessen ist ein falscher Ausdruck. Sudelbuch F 14
Das Doktor-Werden ist eine Konfirmation des Geistes. Sudelbuch F 18
Die Äußerungen der Großmut sind heutzutage mehr ein Werk der Lektüre oder vielmehr so: man ist mehr großmütig, um Lektüre zu zeigen als Güte des Herzens. Leute, die es von Natur sind, merken selten, dass es etwas ist, großmütig zu sein. Sudelbuch F 19
Unsere Prose ginge so stolz und unsere Poesie so demütig einher. Ist denn das etwas so gar Abscheuliches? Die Prose ist lange genug zu Fuß gegangen (pedestris oratio:) und mich dünkt, es wäre nun einmal Zeit für die Poësie abzusteigen, um die Prose reiten zu lassen. Sudelbuch F 21
Das Zukünftige sehen ist ebenfalls Physiognomik. Sudelbuch F 22
27. Niederdeutsch, Hochdeutsch und seraphisch Deutsch. Sudelbuch F 23
2. Gehen keine Kometen um unsere Erde oder andere Planeten? Hat man noch keine Trabanten um Kometen gesehen? Sudelbuch F 28
Mit elektrischen Ketten ließen sich Signale geben, Längen nicht weit entlegner Orter bestimmen u. s. w. Es ließen sich vielleicht Ströme dazu gebrauchen, wenigstens auf eine gewisse Strecke. Sudelbuch F 39
Wie eine Eule hatte er bei jeder Leiche etwas zu schreien, Leichhuhn heißt die Eule an manchen Orten. Sudelbuch F 42
Sobald man anfängt, alles in allem zu sehen, so wird man gemeiniglich dunkel im Ausdruck. Man fängt an, mit Engelszungen zu reden. Büttner, Fulda, Hartley gehört nicht darunter. Sudelbuch F 47
Jede Stange Siegellack erinnerte ihn an die Treulosigkeit des Menschen und Adams Fall. Sudelbuch F 48
Die hitzigsten Verteidiger einer Wissenschaft, die nicht [den] geringsten scheelen Seitenblick auf dieselbe vertragen können, sind gemeiniglich solche Personen, die es nicht sehr weit in derselben gebracht haben und sich dieses Mangels heimlich bewusst sind. Sudelbuch F 49
Kluge Leute glauben zu machen, man sei, was man nicht ist, ist in den meisten Fällen schwerer, als wirklich zu werden, was man scheinen will. Sudelbuch F 50
Wir, der Schwanz der Welt, wissen nicht, was der Kopf vorhat. Sudelbuch F 53
Sich von dieser Veränderlichkeit eine sinnliche Vorstellung zu machen, darf man sich nur einen Tropfen Wasser gedenken, auf dem sich etwas abspiegelt oder durch den sich ein Strahl bricht, die kleinste Veränderung in seiner Figur zieht eine gänzliche Zerstörung des Bildes nach sich. Sudelbuch F 54
Sie zeichnen uns die Welt in einer Art von Kavalier-Perspektiv. Sudelbuch F 57
Zu einem jeden Handwerk wird eine gute Zeit Lehrjahre erfordert. Ich zweifle aber gar nicht daran, dass unsere Genies ebenso schnell sich ins Schuhmacherhandwerk werfen könnten, als sie sich in das Fach der Kritik werfen, sie bedenken aber nicht, dass sie für Leute von Geschmack weit schlechtere Kritiken machen, als sie für ihre eignen Augen Schuhe machen. Sie sollten bedenken, dass es Leute gibt, die ebenso schnell und dabei richtig von einem Werk des Witzes urteilen als andere von einem Schuh. Ich habe eine Menge Leute gekannt, die Klopstockische Oden sangen, aber nur wenige, die mittelmäßig zeichneten. Sudelbuch F 63
In der ganzen Philosophie ist vielleicht nichts, das mehr Unterscheidung erfordert, als alle Schwierigkeiten bei den Parallelen deutlich einzusehen. Sudelbuch F 68
Kein Barometermacher kann in Göttingen gut bestehen, aber ich habe ein paar dumme Kerls gipserne Katzen und Papageien fast einen Sommer durch herumtragen sehen, die gewiss nicht geblieben wären, wenn ihnen nicht ihr Handel ihr reichliches Auskommen verschafft hätte. Sudelbuch F 74
29. Es mischen sich andere Assoziationen mit in unsere physiognomischen Urteile, eine lange Nase ist der Festigkeit z. E. im Charakter zuwider. Was hat aber Festigkeit des Fleisches mit Festigkeit des Charakters zu tun? med. Sudelbuch F 75
31. Das Zeichen, das mir der Physiognome angibt, bekommt nur in der Gesellschaft mit andern seine Bedeutung. Wenn ein physiognomischer Erfahrungssatz Wurzel in uns schlägt, so gründet er sich immer auf eine Summe von Bemerkungen, Lächeln, fehlende Zähne, Speichel in den Mundwinkeln pp. Das still stehende Gesicht desselben Mannes redet uns von jenem, und so die Nase vom ganzen Mann; sie ist aber deswegen nicht das Zeichen der Seelen-Eigenschaft. Eine Nase scheint uns nicht dieselbe, weil der Mund nicht derselbe ist, unsere Vorstellung von einem Gesicht verliert durch die Deutlichkeit. Sudelbuch F 79
Den Leuten, die ausgewachsene Schienbeine haben, kann man es gemeiniglich an dem Unterkinn ansehen. Sudelbuch F 80
2. Bei der Physiognomik sind wohl zu unterscheiden die veränderlichen Zeichen, solche als z. E. alle Arten von Affekt begleiten, und die unveränderlichen, solche als Habichtsnasen u. s. w. Herr Lavater ist gar nicht genau hierin. Die erstern werden zweideutig, je kleiner die Veränderung ist, die vorgeht. Daher denke ich von dem Kopf 7.8 auf der ersten Platte T. II. anders. Herr Lavater bemerkt, dass Leute, die nichts in einem Gesicht gefunden hätten, doch gleich es zugestanden und erkannt hätten, wenn man es ihnen gesagt hätte. Ich habe Ursache zu glauben, dass dieses bessere Denker waren. Sudelbuch F 83
4. Sie haben genieset, gezischt, gehustet und noch 2 Arten von Lärm gemacht, wozu wir im Deutschen keine Wörter haben. Sudelbuch F 86
21. Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht. Sudelbuch F 87
Ich frage alle Physiognomen, ob sie nicht einmal aus den Gesichtern auf Vornamen geschlossen, Kaspar ist in manchen Gegenden ein Schimpfwort. Zickwolf erriet einmal, dass ein Mensch Kaspar hieß. Sudelbuch F 88
28. Wer hat nicht jemals einen schlecht aufgeschlagenen Hut, den er aufsetzen musste, durch sein ganzes Wesen durch gefühlt oder einen schlechten Stockknopf im Arm gefühlt. Sudelbuch F 89
4. Ein Buch 9 Jahre liegen lassen? Einfältig, ist denn ein Buch ein Prozess? oder werden die Gedanken besser, wenn sie lange liegen? Sudelbuch F 91
Jeder arme Teufel sollte wenigstens zwei ehrliche Namen haben, damit er den einen dranwagen könnte, um den andern ins Brot zu bringen, so haben Schriftsteller anonymisch geschrieben, wenn man zwei ehrliche Namen hätte, so könnte man sich mit dem einen noch wehren, [wenn] einem der andere abgeschnitten wäre. Sudelbuch F 93
6. Ich habe Leute gekannt, die haben heimlich getrunken und sind öffentlich besoffen gewesen. Sudelbuch F 94
Er sah in jeden drei Worten einen Einfall und in jeden drei Punkten ein Gesicht. Sudelbuch F 97
23. Es regnete so stark, dass alle Schweine rein und alle Menschen dreckig wurden. Sudelbuch F 99
27. In den höflichen Städtchen ist es unmöglich, etwas in der Weltkenntnis zu tun, alles ist so höflich ehrlich, so höflich grob und so höflich betrügerisch, dass man selten bös genug werden kann, um eine Satire zu schreiben. Die Leute verdienen immer Mitleiden. Kurz, es fehlt allem die Stärke. Sudelbuch F 102
Wenn sich unsere jungen Leute gewöhnten, gegen 3 Gedichtchen für das Herz nur eins für den Kopf zu machen, so hätten wir Hoffnung, einmal im Alter einen Mann zu sehen, der Herz und Kopf hätte, die seltenste Erscheinung. Die meisten haben selten mehr Licht im Kopf, als grade nötig ist zu sehen, dass sie nichts darin haben. Sudelbuch F 103
5. Man muss zuweilen trinken, um den Ideen, die in eines Gehirn liegen, und den Falten mehr Geschmeidigkeit zu geben und die alten Falten wieder hervorzurufen. Sudelbuch F 104
Solche Leute sollten in wohl eingerichteten Staaten eine Nulle auf den Knöpfen tragen. Sudelbuch F 106
Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken. Sudelbuch F 111
Wo man bloß den Buchmenschen kennt, und in jeder Sache nur sieht, was man schon weiß. Sudelbuch F 112
Lessings Geständnis, welches er Herrn Klotz tut Tom: II. Antiquarische Briefe, dass er fast für seinen gesunden Verstand zu viel gelesen habe, beweist, wie gesund sein Verstand ist. Sudelbuch F 113
Wenn man ein altes Wort gebraucht, so geht es oft in dem Kanal nach dem Verstand, den das ABC-Buch gegraben hat, eine Metapher macht sich einen neuen und schlägt oft grad durch. Nutzen der Metaphern. Sudelbuch F 115
Kein Charakter ist gemeiner als der von Philipp dem IIten von Spanien: Langsam ohne Klugheit, falsch, ohne jemanden zu hintergehen, und fein ohne die geringste wahre Beurteilung. So schildert ihn Hume. Sudelbuch F 117
Ein Mittel, sich Ruhm zu erwerben, ist, wenn man [mit] einer gewissen Zuversicht in eine dunkle unbekannte Materie hineingeht, wohin es niemand der Mühe wert achtet, einem zu folgen, und darüber mit scheinbarem Zusammenhang räsoniert. Sudelbuch F 119
Was ist eigentlich Deklamation über eine Sache? Steht sie dem Gründlichen entgegen? Oder ist sie nur das längst Bekannte und hundertmal Gesagte aufgeputzt und mit einem Anstand von Wichtigkeit vorgetragen? oder eine mit Lärm gemachte Erzählung von dem, was in mir bei Betrachtung einer Sache vorgeht, ohne den Gegenstand selbst zu erläutern? Oder ein Gemisch von allen dreien? Sudelbuch F 120
10. Welches Vergnügen es ist, in einer Coquette zu sehen, wie sie sich sträubt und bäumt und wendet und nicht über die Linie hinüberwill, die die alte Frau von der jungen scheidet. Ich habe es an der Frau Baumin (Baumwoll-Marie) bemerkt. Sie arbeiten mit Reiben und Waschen, Schönpflästerchen und Reinlichkeit, mit der letztern am wirksamsten, immer dem Alter entgegen, das sie hinüberziehen will, bis sie endlich, wenn sie sehen, dass man zu glauben anfängt, sie seien schon hinüber, wirklich nachgeben und wirklich hinübergehn. Sudelbuch F 125
Die Spitzbuben würden allerdings gefährlicher sein, oder es würde eine neue Art von gefährlichen Spitzbuben geben, wenn man einmal anfangen wollte, die Rechte zu studieren, um zu stehlen, als man sie studiert, um ehrliche Leute zu schützen; es muss unstreitig zur Vollkommenheit der Gesetze beitragen, wenn es Spitzbuben gibt, die sie studieren, um ihnen mit heiler Haut auszuweichen. Sudelbuch F 126
Wenn ich ein deutsches Buch mit lateinischen Buchstaben gedruckt lese, so kommt es mir immer vor, als müsste ich es mir erst übersetzen, ebenso wenn ich das Buch verkehrt in die Hand nehme und lese, ein Beweis, wie sehr unsere Begriffe selbst von diesen Zeichen abhängen. Sudelbuch F 129
Wenn einer ein albernes Liedchen macht, so kann ich [ihn] deswegen noch nicht beim Prorektor verklagen. Sudelbuch F 130
Er las so sehr gerne, wie er sagte, Abhandlungen vom Genie, weil er sich immer stark darnach fühlte. Sudelbuch F 131
Es ist die Frage, ob man nicht, Denker zu ziehen, die Kinder alles auf das Letzte hinaus untersuchen lassen muss, selbst bis auf Eigenschaften, die nicht mehr in die Sinne fallen, als sie mit vielerlei bekannt machen. Sudelbuch F 133
12. Wenige Bücher kosten soviel Zeit zu schreiben, als zu binden, und alles daran erfordert Fleiß und Sorgfalt, das Papier, das Setzen und Drucken, das Binden, nur das Verfertigen nicht. Sudelbuch F 134
Vor einigen Wochen meldete sich bei mir ein Mann in Göttingen, der aus zwei Paar alten seidenen Strümpfen ein Paar neue machen konnte und seine Dienste offerierte. Wir verstehen die Kunst, aus ein paar alten Büchern ein neues zu machen. Sudelbuch F 135
Es ist die Pflicht jedes Weltweisen, den König in einem Schuhflicker zu erkennen um dem Verdienst zu bezahlen, was des Verdienstes ist, und nicht Größe der Seele, Talent und Fähigkeit nach dem Lärm machenden Effekt zu schätzen. Wenn die Physiognomik etwas dazu beitragen kann, so ist sie allerdings eine verehrungswürdige Wissenschaft und Schuldigkeit, sie zu studieren. Sudelbuch F 138
Man kann sicher glauben dass man in einer Sache eine gute Strecke [weit] gekommen ist, wenn man Kunstwörter bei einer Sache braucht. Die offensive Kritik hat wirklich im Deutschen ihre Wörter. Einen herumnehmen, einem den Bart waschen, versohlen, bürsten, kämmen, striegeln, eine unangenehme Stunde machen, hecheln u. s. w. Sudelbuch F 140
Der Umgang mit vernünftigen Leuten ist deswegen jedermann so sehr anzuraten, weil ein Dummkopf auf diese Art durch Nachahmen klug handeln lernen kann, denn die größten Dummköpfe können nachahmen, selbst die Affen, Pudelhunde und Elefanten können es. Sudelbuch F 149
Von der leichten Ordnung der Natur bis zur erzwungenen Regelmäßigkeit eines aufgeputzten Dummkopfs. Sudelbuch F 150
21. Was mag wohl die Ursache sein, dass einen unangenehme Gedanken viel lebhafter schmerzen, des Morgens, wenn man erwacht, als einige Zeit nachher, wenn man weiß, dass alles wacht, oder auch wenn man aufgestanden ist, oder mitten am Tage, oder auch des Abends, wenn man zu Bette liegt? Ich habe davon vielfältige Erfahrung gehabt, ich bin des Abends ganz beruhigt über gewisse Dinge zu Bette gegangen, über die ich gegen 4 Uhr des Morgens wieder sehr bekümmert gewesen bin, so dass ich oft einige Stunden wachte und mich herumwarf, um 9 Uhr oder auch noch vorher war schon Gleichgültigkeit oder Hoffnung wieder da. Sudelbuch F 151
Was sind unsere gelehrten Zeitungen und unsere meisten Journale? Sie sind allerdings vom bloßen Mess-Catalogus unterschieden, aber was sie vom Mess-Catalogus unterscheidet, ist grade das, was macht, dass sie fast niemand mehr liest. Sudelbuch F 154
In unsern Zeiten, wo Insekten Insekten sammeln und Schmetterlinge von Schmetterlingen schwatzen. Sudelbuch F 155
Empfindsam zu schreiben, dazu ist mehr nötig als Tränen und Mondschein. Sudelbuch F 156
24. Mit Phlegma schreibt sichs keine Satiren gegen Phlegma, darin besteht eben seine Natur, dass es sich nicht selbst stört. Wir ahmen immer die Satire der Engländer und Franzosen nach und bedenken nicht, dass wir mit ganz andern Fellen zu tun haben. Sudelbuch F 158
Beim Gehirn kommt es nicht allein auf die Größe, sondern auch auf die Feinheit und spezifische Schwere an. Sudelbuch F 159
Die lebendigen Sprachen sind größtenteils für die Ausländer tot, wenn sie nicht unter dem Volk gelebt haben. Wie schwer ist es, alle die kleinen Beziehungen zu erlernen, fast unmöglich, wenn man einmal bei Jahren ist. Sudelbuch F 160
29. So wie man den Heiligen eine Nulle über den Kopf malt. Sudelbuch F 166
30. Warum die Menschen so wenig behalten können, was sie lesen, ist, dass sie so wenig selbst denken, wo ein Mensch, was andre gesagt haben, gut zu wiederholen weiß, hat er gewöhnlich selbst viel nachgedacht, wenn sein Kopf anders nicht ein bloßer Schrittzähler ist, und dergleichen sind manche Köpfe, die des Gedächtnisses wegen Aufsehen machen. Sudelbuch F 169
Die Silhouetten sind Abstrakta. Seine Beschreibung ist eine bloße Silhouette. Sudelbuch F 171
Die letzte Hand an sein Werk legen, das heißt [es] verbrennen. Sudelbuch F 172
5 . Kaufleute, die täglich oft ganz entgegengesetzte Moden rühmen hören, und das von Leuten, die sie übrigens hochachten, bekommen einen so gemischten Geschmack, dass ihnen endlich alles gefällt. Sie sagen also mit Recht, dieses hat dieser und jener Mann gewählt, anstatt zu sagen, das ist schön und das nicht. Sudelbuch F 176
9. Das Mittel, eine Rede sinnlich zu machen, sagt Mendelssohn, besteht in der Wahl solcher Ausdrücke, die eine Menge von Merkmalen auf einmal in das Gedächtnis zurückbringen, um uns das Bezeichnete lebhafter empfinden zu lassen als das Zeichen. Sudelbuch F 182
Es ist nicht zu leugnen, dass ein Quartant, der so dick als breit ist, die herrlichste und schönste Bücherform hat, erstlich erweckt die Gleichheit der Dimensionen die Idee von Fülle und stetem Bestreben, und dass er überhaupt einem Altar des Apoll ähnlich sieht, zeigt gleichsam das præsens numen. Sudelbuch F 183
Eine einzige Seele war für seinen Leib zu wenig, er hätte zwoen zu tun genug geben können. Sudelbuch F 188
14. Die eine Seite seines Gehirns war weit härter und älter als die linke, und das gab seinen Gedanken das Sonderbare, er hatte oft Gedanken, die gar nicht wie Gedanken aussahen. Sudelbuch F 189
Ich kann nicht begreifen, wie man sich so sehr herablassen kann, solchen Leuten Komplimente zu machen, es geschähe denn den Typhon oder den Teufel zum Freund zu behalten. Sudelbuch F 193
Wenn man sich an einem Tage nicht von seinem Zweck ableiten lässt, ist auch ein Mittel, die Zeit zu verlängern, und ein sehr sicheres, aber schwer zu gebrauchen. Sudelbuch F 199
23. Im gemeinen Leben gebrauchen wir meistens mittlere Urteile, mittlere im astronomischen Verstand genommen, durch Äquationen findet man den wahren Mann, man könnte Tabellen dazu verfertigen. Sudelbuch F 204
24. Die Wege werden immer breiter und schöner, je näher man dieser Hölle kommt (London). Sudelbuch F 205
25. Er hat so lange dran geboren und ist nichts daraus geworden, dass es auch nun vermutlich ohne Kaiserschnitt nicht gehen wird. Sudelbuch F 206
26. Die besten Schriftsteller unter uns behandeln einen gewissen mittleren Menschen, mich eines astronomischen Ausdrucks zu bedienen, allein die gehörigen Äquationen in jedem gegebenen Fall zuzusetzen, besitzen sie nicht Beobachtungsgeist genug, und ihre Epaktenberechnung betrügt sie oft. Sudelbuch F 207
30. Die Verse geraten nur wie die Krebse in den Monaten gut, in deren Namen kein r ist. Sudelbuch F 211
2. Er hatte die Eigenschaften der größten Männer in sich vereint. Er trug den Kopf immer schief wie Alexander und hatte immer etwas in den Haaren zu nisteln wie Cäsar. Er konnte Kaffee trinken wie Leibniz, und wenn er einmal recht in einem Lehnstuhl saß, so vergaß er Essen und Trinken drüber wie Newton, und man musste ihn wie jenen wecken. Seine Perücke trug er wie Dr. Johnson, und ein Hosenknopf stund ihm immer offen wie dem Cervantes (und nun auf einmal mit Magister Reinhold). Sudelbuch F 213
Die Physiognomik wird in ihrem eignen Fett ersticken. Die Regeln werden sich so häufen und die deutlichen so oft trügen, […]. Sudelbuch F 216
Die Torheit (die sich oft mit einem beständigen nicht wegzulöschenden Lächeln äußert, verbunden mit einem toten Starren in den Augen) hat stärkere Zeichen als die Tollheit. Colom ist von Voltaire fast nur allein durch jenes Torheits-Fältchen unterschieden. Sudelbuch F 219
Es ist lächerlich zu sagen, ein Mensch hab so und so viel getragen, ohne dabei zu sagen wie? Er kann kein Pfund tragen, wenn es ungeschickt angebracht wird. Es muss aus dem Moment geschätzt werden. Sudelbuch F 226
7. Bibelträger nennt man in Niedersachsen die Scheinheiligen. Sudelbuch F 228
Die Sympathien sind gewiss nicht alle zu verwerfen. Vielleicht finden wir einmal die Ursachen dazu. Sie sind vielleicht Reste von den verlornen Wissenschaften einer andern Generation Menschen. Sudelbuch F 230
Diejenigen unter den Gelehrten, denen es an Menschen-Verstand fehlt, lernen gemeiniglich mehr, als sie brauchen, und die Vernünftigen unter ihnen können nie genug lernen. Sudelbuch F 232
Er sieht aus, als wenn er keine Drei zählen könnte, als wenn ihm die Hühner das Brot gefressen hätten. Sudelbuch F 239
30. Es gibt Namen, die man an alle Galgen der Welt schlagen sollte. Sudelbuch F 244
Beim Torheits-Fältchen. Leute haben es gemeiniglich, die mit einem albernen, nicht verschwindenden Lächeln alles bewundern und nichts verstehen. Sudelbuch F 246
Das hat ihm sicherlich sein diabolus familiaris eingegeben. Sudelbuch F 250
8. Erklärung der anhaltenden Hornviehseuche. Apoll hat den Ochsen ein Problem aufgegeben, das sie nicht lösen können. Sudelbuch F 252
Wenn einmal eine Schwäche in den Nerven soweit gediehen ist, dass ein Entschluss, etwas zu seiner eigenen Besserung anzufangen, unmöglich wird, so ist der Mensch verloren. Sudelbuch F 253
Der Ort sieht nicht aus wie eine Stadt, sondern wie ein Krempel-Markt von abgetragenen Häusern. Sudelbuch F 256
11. Es ist gar übel, wenn man alles aus Überlegung tun muss und zu nichts früh gewöhnt ist. Sudelbuch F 258
19. Ich sehe nicht ein, warum manche Teile des menschlichen Körpers mit Haaren bewachsen sind, als damit beim Baden sich das Wasser länger darin hält und durch seine Kühlung jene Teile stärkt und kühlt, weil sie es am meisten von Nöten haben. Sudelbuch F 265
Man kann die Fehler eines großen Mannes tadeln, aber man muss nur nicht den Mann deswegen tadeln. Der Mann muss zusammengefasst werden. Sudelbuch F 267
20. Wenn ich nur wüsste, wer es dem ehrlichen Mann beibringen wollte, dass er nicht klug ist. Sudelbuch F 268
26. Die barbarische Gnauigkeit; winselnde Demut. Sudelbuch F 271
29. Ein Rosenstock im Herbst gezeichnet. Sudelbuch F 273
Philosophische Betrachtung über das Aufschieben. Sudelbuch F 274
Diesen mit Kaffee geschriebenen Brief wird Ihnen der Johann übergeben. Ich hätte Blut genommen, wenn ich keinen Kaffee gehabt hätte. Sudelbuch F 280
Eine 2-persönige Frau. Sudelbuch F 281
Die Welt ist immer in ihren Urteilen zu gütig oder unbillig. Sudelbuch F 284
Erfahrung, nicht lesen und hören ist die Sache. Es ist nicht einerlei, ob eine Idee durch das Auge oder das Ohr in die Seele kommt. Sudelbuch F 286
Wenn der Mensch seinen Körper ändern könnte wie seine Kleider, was würde da aus ihm werden, oder wenn aus den Kleidungsstücken der Frauenzimmer immer das würde, was sie sich statt derselben hätten kaufen sollen. Sudelbuch F 290
20.3 Was den Schriftsteller beliebt macht, ist nicht sowohl neue Empfindungen zu beschreiben als vielmehr den gemeinsten einen Anstrich von Wichtigkeit zu geben und dem Leser dadurch glauben zu machen, er habe etwas Ungewöhnliches gedacht, oder noch besser, gemeine Dinge so schön zu sagen, dass der Leser, den Gedanken nach dem Ausdruck schätzend, zu glauben anfängt, er habe wirklich einen großen Einfall gehabt, indem er etwas ehmals gedacht, was sich schön sagen lässt. Sudelbuch F 291
Über die Kunst, saure Gesichter süß zu machen, ließe sich ein Werk schreiben, bittere Satiren süß. Sudelbuch F 302
Der dramatische Dichter sowohl als der Romanenschreiber müssen keine Wunder tun im kosmologischen Sinn. In der Welt geschehen sie ja nicht mehr. Sudelbuch F 303
Unter Physiognomik wollen wir hier nur die Kunst verstehen, aus den unveränderlichen Zügen des Gesichts einer Person auf ihren Charakter zu schließen, wir wollen hier allein den Kopf betrachten, als von welchem alles kommt und wohin auch alles wieder zurückgeführt wird, und weil man nichts mehr erkennt, sobald er zugedeckt ist. Es sind selten stark bleibende Abweichungen in irgendeinem Teil des Leibes, die nicht auch im Gesicht ihre Zeichen hätten, Personen, die verwachsen sind, zumal an den Schienbeinen, haben gemeiniglich ein sonderbares Unterkinn, die stumpfen Füße sind gemeiniglich mit stumpfen Nasen beisammen, aber nicht umgekehrt. Lange Finger gemeiniglich bei blassen Leuten. Sudelbuch F 309
28. Er war ein geschäftigter Schriftsteller und ein sehr fleißiger Leser seiner eignen Artikel in den gelehrten Zeitungen und Journalen. Sudelbuch F 310
30. Er sah so zerknickt aus als wie ein Mädchen in Mannskleidern. Sudelbuch F 311
An einer Krankheit krank liegen, oder an den Mitteln. Sudelbuch F 313
Wenn man den Ländern Namen von den Worten gäbe, die man zuerst hört, so müsste England damn it heißen. Sudelbuch F 316
9. Wenn man gar nicht einmal die Geschlechter an den Kleidungen erkennen könnte, sondern auch noch sogar das Geschlecht erraten müsste, so würde eine neue Welt von Liebe entstehen. Dieses verdiente in einem Roman mit Weisheit und Kenntnis der Welt behandelt zu werden. Sudelbuch F 317
Man lasse nur einströmen, ohne Vorurteil, in unsern sinnlichen Werkzeugen liegt der Fehler nicht, wenn wir superklug oder Gecken sind, sondern in unserm Lesen und Vorurteilen. Sudelbuch F 318
Wahrhaftes unaffektiertes Misstrauen gegen menschliche Kräfte in allen Stücken ist das sicherste Zeichen von Geistesstärke. Sudelbuch F 323
Nichts aufgeschoben; alle Tage wenig; Pfennige gespart in allen Stücken nicht zu viel auf einmal, und lieber oft ein wenig ist meinem Charakter am zuträglichsten, und wenn ich es nicht so ausrichte, so richte ich nichts aus. Sudelbuch F 324
14. Es gibt Leute, die werden mit einem bösen Gewissen geboren. Mit einem roten Strich um den Hals, Strick. Sudelbuch F 325
17. Bei Kindern lässt Putz, Rosenfarb und Silber, weil man sie ausziert, ohne dadurch die Beschaffenheit ihres Geistes zu entdecken. Eine Livree und Uniform können noch so freudig sein, sobald aber jemand an seinem eignen Leib die Sachen aus eigner Wahl trägt, so ist das Kleid nicht mehr Decke sondern Hieroglyphe. Sudelbuch F 331
Es gibt Leute, deren Lippen mit gleicher Breite um den ganzen Mund herumgehen, der dadurch das Ansehen von einem Feuerstahl erhält. Mit denen ist selten viel anzufangen. Sudelbuch F 333
Die Leute, die alles verachten, was nicht gleich ihr Liebes-Geschwätz vergöttert, sollten bedenken, dass sie es sind, die stumpf sind, denn sie haben nur für dasjenige Gefühl, wofür jeder welches haben muss. Sudelbuch F 337
Das war, wie die Zeit noch keinen Bart hatte. Sudelbuch F 339
Wenn eine andere Generation den Menschen aus unsern empfindsamen Schriften restituieren sollte, so werden sie glauben, es sei ein Herz mit Testikeln gewesen. Ein Herz mit einem Hodensack. Sudelbuch F 342
Wenn die Seele einfach ist, wozu der Bau des Gehirns so fein? Der Körper ist eine Maschine und muss also aus Maschinen-Materialien bestehen. Es ist ein Beweis, dass sich das Mechanische in uns sehr weit erstreckt, da selbst noch die innern Teile des Gehirns mit einer Kunst geformt sind, wovon wir wahrscheinlicherweise nicht den hundertsten Teil verstehen. Sudelbuch F 346
Satire ist am besten angebracht und am leichtesten geschrieben, wenn einige schlaue Betrüger ein ganzes Publikum geblendet zu haben glauben, und wenn man weiß, dass sie einen mit unter die Geblendeten zählen. In dem Fall werde ich nie schweigen, und wenn der Betrüger mit allen Ordensbändern der Welt behangen wäre. Dann wird es schwer satyram non scribere. Sudelbuch F 348
Krankheiten der Seele können den Tod nach sich ziehen, und das kann Selbstmord werden. Sudelbuch F 349
Wer seine Talente nicht zur Belehrung und Besserung anderer anwendet, ist entweder ein schlechter Mann oder äußerst eingeschränkter Kopf. Eines von beiden muss der Verfasser des leidenden Werthers sein. Sudelbuch F 350
26. Ich denke, wenn man etwas in die Luft bauen will, so sind es immer besser Schlösser als Kartenhäuser. Sudelbuch F 354
30. Ich glaube, dass die Quelle des meisten menschlichen Elends in Indolenz und Weichlichkeit liegt. Die Nation, die die meiste Spannkraft hatte, war auch allezeit die freiste und glücklichste. Die Indolenz rächt nichts, sondern lässt sich den größten Schimpf und die größte Unterdrückung abkaufen. Sudelbuch F 362
Zum Lärmen-Machen wählt man die kleinsten Leute, die Tambours. Sudelbuch F 365
Die Metapher ist weit klüger als ihr Verfasser, und so sind es viele Dinge. Alles hat seine Tiefen. Wer Augen hat, der sieht [alles] in allem. Sudelbuch F 366
2. Man hat griechische und lateinische Bücher eingeführt, so wie die arabischen Hengste in England, man könnte den Stammbaum manches Buchs so angeben wie die Engländer die von ihren Pferden. Sudelbuch F 368
So wie ein Taubstummer lesen und sprechen lernt, so können wir auch Dinge tun, deren Umfang wir nicht kennen, und Absichten erfüllen, die wir nicht wissen. Er spricht für einen Sinn, den er selbst nicht hat. Sudelbuch F 370
4. Die Menschen gehn zwar nicht auf allen Vieren, aber sie gehn mit allen Vieren. Niemand kann geschwind laufen, ohne mit seinen Händen eine ähnliche Bewegung zu machen. Viele Leute, wenn sie gehen, schleudern mit den Händen nicht aus Nachahmung, sondern aus Natur, es scheint, dieselbe Kraft, die die Füße bewegt, bewege zugleich die Hände; auch Leute, die in die Höhe springen, machen eine hüpfende Bewegung mit den Händen. Sudelbuch F 371
6.4 Und denn ist gar nicht zu leugnen, obgleich ein solcher Metaphern-Christ oft weniger sagt, als man erwartet, so sagt er aber auch dafür nicht selten mehr, als er selbst gedacht hat. Der Schriftsteller gibt der Metapher den Leib, aber der Leser die Seele. Ich sehe auch nicht ab, warum man nicht auch so gut etwas Spagirisches, oder etwas Seraphisches in sein Buch einmischen darf als etwas Französisches oder Englisches. Sudelbuch F 372
Die Perser nennen ein gutes Buch Divan oder die Versammlung der Weisen. Sudelbuch F 375
11. So wie die Otaheiten von Eis und Schnee und London reden würden, wenn sie es sähen, so könnte man sich zur Übung einen gewissen Kreis von Wörtern und Kenntnis setzen und, ohne aus ihm herauszugehen, Beschreibungen von allerlei Dingen geben. Der Mangel an gehörigen Wörtern würde einen auf manches führen. Gedichte ohne den Buchstaben r hat Brockes gemacht. Sudelbuch F 380
15. Da dringe ich eben darauf, das ist der eigentliche Mensch nicht, der mit uns lebt, wir müssen ihn jetzt aus der Geschichte heraus suchen. Sudelbuch F 382
Gezählt möchte der Verlust größer herauskommen als gewogen. Sudelbuch F 386
Es trägt nicht wenig zu dem heutigen Verfall ernster Wissenschaften bei, dass man ein gewisses Wertherisches Schwärmen in der Liebe für das Zeichen eines großen Gefühls und den unwidersprechlichen Befehl der allgütigen Natur hält. Sudelbuch F 387
Natur und Lebensart sind mehr als zweierlei. Sudelbuch F 388
Verständigen Personen werden nicht allein schöne Leute ohne Verstand verhasst, sondern auch die äußerste Dienstfertigkeit bei Leuten verliert ohne Gaben des Geistes ihren Wert. Sudelbuch F 392
Große Reinlichkeit ohne Geckerei, und ohne dass man merkt, dass sie gar zu sehr gesucht wird, Nachgiebigkeit und unaffektierte Bescheidenheit und Wohlwollen ohne Zwang kann zu Schönheit werden, wenigstens Liebe gewinnen. Sudelbuch F 393
2. Die Leute, die einem aus Interesse gut sind, sind es auch aus Hoffnung auf Vorteil. Sudelbuch F 394
Warum sind junge Witwen in Trauer so schön? (Untersuchung) Sudelbuch F 396
Ich glaube, die Natur, wenn sie will, kann des Henkers Zeug machen. Sudelbuch F 398
Das heißt, man soll mit dem Licht der Wahrheit leuchten, ohne einem den Bart zu sengen. Sudelbuch F 401
Immer das Genie lobende und von dem Genie immer gescholtene Leute. Sudelbuch F 402
Ich habe alle meine Werke mit einem FF gestempelt. Keine Stichel-Rede auf die Pandekten der Unordnung wegen, sondern es sind die Anfangs-Buchstaben meiner Hausgötzen, denen ich täglich opfere, Fama und Fames. Sudelbuch F 407
Es sind zuverlässig in Deutschland mehr Schriftsteller, als alle vier Weltteile überhaupt zu ihrer Wohlfahrt nötig haben. Sudelbuch F 409
Die Orakel haben nicht sowohl aufgehört, zu reden, als vielmehr die Menschen, ihnen zuzuhören. Sudelbuch F 410
Es lehrt die Handgriffe beim Bücherschreiben. Sudelbuch F 418
Wie nah wohl zuweilen unsere Gedanken an einer großen Entdeckung hinstreichen mögen? Sudelbuch F 420
Wir tun alle Augenblicke etwas, das wir nicht wissen, [die] Fertigkeit wird immer größer, endlich würde der Mensch alles, ohne es zu wissen tun, und im eigentlichen Verstand ein denkendes Tier werden. Vernunft nähert sich der Tierheit. Sudelbuch F 421
Unsere Psychologie wird endlich bei einem subtilen Materialismus stille stehn, indem wir immer von der einen Seite (Materie) mehr lernen und von der andern über alles hinausgegriffen haben. Sudelbuch F 422
So sagt man, jemand bekleide ein Amt, wenn er von dem Amt bekleidet wird. Sudelbuch F 423
Der Mensch sucht Freiheit, wo sie ihn unglücklich machen würde, im politischen Leben, und verwirft sie, wo sie ihn glücklich macht, und hängt anderer Meinung blindlings an. Der religiöse und System-Despotismus ist der fürchterlichste unter allen. Der Engländer, der wider das Ministerium schimpft, ist ein Sklave der Opposition, ein Sklave der Mode, alberner Gebräuche, [der] Etikette. Sudelbuch F 428
Der Mensch kann sich Fertigkeiten erwerben und kann ein Tier werden, wo er will. Gott macht die Tiere, der Mensch macht sich selber. Sudelbuch F 430
Seitdem man Wissenschaft zu nennen beliebt, anderer törichte Meinungen zu kennen, die man vielleicht aus einer einzigen Formel nach den Regeln einer ganz mechanischen Erfindungskunst herleiten könnte, und sich überall durch Mode, Gewohnheit, Ansehen und Interesse leiten lässt, ist dem Menschen die Lebens-Zeit zu kurz geworden. Sudelbuch F 431
Eine Art von Heimweh zum Himmel. Er begeht schändliche Streiche einen über den andern, als wenn er das Heimweh nach der Hölle hätte. Sudelbuch F 432
Mancher Mann quält sich seine Lebenszeit, studiert sich frigid und impotent über der Entwicklung der Meinung eines Schriftstellers. Ich gebe es zu, es war eine Lebenszeit nötig, das System des Mannes zu entwickeln, es vom Schmutz schmieriger Ausbesserer zu reinigen, das ist alles wahr, aber es erforderte nur viertelstündiges helles Wachen gesunder Vernunft einzusehen, dass die ganze Historie keine 3 Groschen wert war. Sudelbuch F 433
Man empfiehlt selbst denken oft nur, um die Irrtümer anderer beim Studieren von Wahrheit zu unterscheiden. Es ist ein Nutzen, aber ist das alles? Wie viel unnötiges Lesen wird uns erspart. Ist denn Lesen Studieren? Es hat jemand mit großem Grunde der Wahrheit behauptet, dass die Buchdruckerei Gelehrsamkeit zwar mehr ausgebreitet, aber im Gehalt vermindert hätte. Das viele Lesen ist dem Denken schädlich. Die größten Denker, die mir vorgekommen sind, waren grade unter allen den Gelehrten, die ich habe kennengelernt, die, die am wenigsten gelesen hatten. Ist denn Vergnügen der Sinne gar nichts? Sudelbuch F 436
Die meisten Gelehrten sind abergläubischer, als sie selbst sagen, ja als sie selbst glauben. Man kann üble Gewohnheiten nicht so leicht ganz loswerden, sie vor der Welt verbergen und die schädlichen Folgen hindern, das kann man. Sudelbuch F 437
Wenn man die Menschen lehrt, wie sie denken sollen, und nicht ewig hin, was sie denken sollen: So wird auch dem Missverständnis vorgebeugt. Es ist eine Art von Einweihung in die Mysteria der Menschheit. Wer im eignen Denken auf einen sonderbaren Satz stößt, kommt auch wohl wieder davon ab, wenn er falsch ist. Ein sonderbarer Satz hingegen, der von einem Mann von Ansehen gelehrt wird, kann Tausende, die nicht untersuchen, irreführen. Man kann nicht vorsichtig genug sein in Bekanntmachung eigner Meinungen, die auf Leben und Glückseligkeit hinauslaufen, hingegen nicht emsig genug, Menschenverstand und Zweifel einzuschärfen. Hieher gehört die auf der gegenüberstehenden Seite angeführte Sentenz every man’s reason is every man’s oracle. Sudelbuch F 438
Die Gottesgelehrten können nicht behutsam genug sein bei Ausdehnung des Richteramts der Offenbarung über Dinge, wo die Vernunft auch dereinst entscheiden wird. Bei dem jetzigen Zustand unserer Kenntnisse spricht sie mit Recht die Sprache des Zweifels, allein wird sie immer so zu sprechen Ursache haben? Die Vernunft macht täglich Eroberungen aus dem Vergangnen, und durch diese Eroberungen gestärkt, nützt sie das Gegenwärtige. Es könnte sein, ich hoffe es nicht, dass die christliche Religion durch Begebenheiten künftiger Zeiten vieles verlöre. Sudelbuch F 440
Den Eulenspiegel zu einem Erfinder einer großen Sache zu machen. Sudelbuch F 441
Zweifel muss nichts weiter sein als Wachsamkeit, sonst kann er gefährlich werden. Sudelbuch F 443
Nächst einer Methode aus allen Köpfen alles zu machen, die wohl so bald noch nicht und auf unsern Philanthropinen zuletzt erfunden werden wird, wäre es wohl am besten getan, wenn man die Köpfe aussuchte, denen der Zufall eine glückliche Erziehung beschert hat. Wie glücklich wäre die Welt, wenn jeder Mensch an seine rechte Stelle käme! Sudelbuch F 444
Ich bin überzeugt, man liebt sich nicht bloß in andern, sondern hasst sich auch in andern. Sudelbuch F 446
Der Mensch hat keine starke Leidenschaften und Bewegungen nötig, wenn er lernt, auf die ersten schwächsten Erinnerungen seiner Natur zu hören. Dieses Gefühl wird schärfer dadurch. Mikroskop oder Hohlglas dient auch hierbei. Sudelbuch F 449
Es ist schon sehr arg, dass es soviel Ehre ist, heutzutag etwas Falsches zu sagen. Sudelbuch F 450
Das Vergrößern der Versuche, weil da die Sachen nicht bloß stärker werden, sondern auch die Teile zeigen. Beim Electropholus ist das gar herrlich zu sehen gewesen. Sudelbuch F 452
Ich habe schon einmal an einem Ort gesagt, dass sich die Menschen so verbessern ließen wie die Pferde in England. Die Produkte unsers Geistes haben wir offenbar durch Einführung griechischer und englischer Hengste verbessert, und jetzt will man wieder deutsche Pferde. Sudelbuch F 455
Die Naturkündiger der vorigen Zeit wussten weniger als wir und glaubten sich sehr nahe am Ziel: Wir haben sehr große Schritte darauf zu getan und finden nun, dass wir noch sehr weit ab sind. Bei den vernünftigsten Weltweisen nimmt die Überzeugung von ihrer Unwissenheit zugleich mit ihrem Wachstum an Erkenntnis zu. Sudelbuch F 458
Haushaltung ist in allen Dingen vorteilhaft, ein guter Gedanke. Ökonomie, Ausgabe und Einnahme zu aller Zeit gut angemerkt und bewahrt, gibt einen Schatz. Gute Ökonomie ist auch da Reichtum. Sudelbuch F 459
Seinen Organen etwas zu spielen geben heißt nicht studieren. Sudelbuch F 468
Man findet Spuren aller Wissenschaften in den Sprachen und umgekehrt vieles in den Sprachen, das in den Wissenschaften nützen kann. Sudelbuch F 470
Es ist ausgemacht, dass unsere gegenwärtige Glückseligkeit, zumal insofern sie von der Güte der politischen Verfassung abhängt, nicht in dem Verhältnis gewachsen ist, in dem unsere Erkenntnis zugenommen hat. Woher rührt das? Von der Erziehung der Individuorum? Gewiss nicht allein. Sudelbuch F 473
Alles ist sich gleich, ein jeder Teil repräsentiert das Ganze. Ich habe zuweilen mein ganzes Leben in einer Stunde gesehen. Sudelbuch F 474
Was man sucht, ist gewöhnlich in der letzten Tasche, ist ein vermeintlicher Erfahrungs-Satz, den man, glaube ich, in allen Ländern und in allen Familien angenommen hat, und doch glaubt ihn niemand im Ernst. Sudelbuch F 476
Man führt gegen den Wein nur die bösen Taten an, zu denen er verleitet, allein er verleitet auch zu hundert guten, die nicht so bekannt werden. Der Wein reizt zur Wirksamkeit, die Guten im Guten und die Bösen im Bösen. Sudelbuch F 477
Wenn er sprach, so fielen in der ganzen Nachbarschaft die Mäusefallen von selbst zu. Sudelbuch F 478
Ich glaube nicht jedem, der mir sagt, dass ihm Homer gefalle, und am allerwenigsten den griechischen Studenten, die, um so etwas von sich glauben zu machen, viel zu wenig Verstand in andern Dingen zeigen. Sudelbuch F 481
In meinem Kopfe leben noch Eindrücke längst abgeschiedener Ursachen (meine liebe Mutter!!!!!!!). Sudelbuch F 482
Der Mensch wird ein Sophist und über-witzig, wo seine gründlichen Kenntnisse nicht mehr hinreichen; alle müssen es folglich werden, wo es auf Unsterblichkeit der Seele und Leben nach dem Tode ankommt. Da sind wir alle ungründlich. Materialismus ist die Asymptote der Psychologie. Sudelbuch F 485
Dass wir nur Geschmack an englischen und französischen Sachen haben, ist ein Zeichen, dass unser Geschmack und Kräfte sich voneinander entfernt haben. Unser Appetit ist leckerer, als es noch zur Zeit unser Boden mit sich bringt. Sudelbuch F 486
Bei unsern Mode-Dichtern sieht man so leicht, wie das Wort den Gedanken gemacht hat, bei Milton und Shakespeare zeugt immer der Gedanke das Wort. Sudelbuch F 492
Ich habe einen sehr guten Freund gehabt, der mir gestund, dass, wenn er mit gutem Appetit sich bei eine gute Schüssel niedersetzte, er immer eine sehr lebhafte Hoffnung bei sich verspüre, dass er einmal ein großer Mann werden würde. Dieser Traum hat ihn betrogen. Er ist kein großer Mann geworden, ob er gleich ein sehr guter und brauchbarer geworden ist. (πμ) Sudelbuch F 495
Ein aufmerksamer Denker wird in den Spiel-Schriften großer Männer oft mehr Lehrreiches und Feines finden als in ihren ernsthaften Werken. Das Formelle, Konventionelle, Etikettenmäßige fällt da gemeiniglich weg, es ist zum Erstaunen, wie viel elendes konventionelles Zeug noch in unserer Art im Druck zu erzählen ist. Die meisten Schriftsteller nehmen eine Miene an, so wie manche Leute, wenn sie sich malen lassen. Touren des Ansehens und der Verabredung, Trepfe für Treppe. Sudelbuch F 498
Es ist, als wenn unsere Sprachen verwirrt wären; wenn wir einen Gedanken haben wollen, so bringen sie uns ein Wort, wenn wir ein Wort fordern, einen Strich, und wo wir einen Strich erwarteten, steht eine Zote. Sudelbuch F 499
Unsern eigentlichen Studenten-Charakter gut und fest zu schildern. Es hat sich ein gewisser Marketender-Geist in sie eingeschlichen. Sudelbuch F 500
Satire. Beweisen, dass z. E. einer, der sich viel auf seine Schriften einbildet, gar nicht existiert hat. Parakletor. Sudelbuch F 502
Es ist sehr gefährlich, sagt Voltaire, in Dingen recht zu haben, wo große Leute unrecht gehabt haben. Sudelbuch F 505
Es fehlt den Deutschen sicherlich noch ein Boileau. Sudelbuch F 506
Der Mensch hat einen unwiderstehlichen Trieb zu glauben, man sähe ihn nicht, wenn er nichts sieht. Wie die Kinder, die die Augen zuhalten, um nicht gesehen zu werden. Sudelbuch F 508
Über den eignen Reiz, den ein eingebundenes Buch weißes Papier hat. Papier, das seine Jungferschaft noch nicht verloren hat und noch mit der Farbe der Unschuld prangt, ist immer besser als gebrauchtes. Sudelbuch F 509
Der Verleger hat ihn in effigie vor sein Werk aufhängen lassen. Sudelbuch F 513
Aus dem Blöken des Kindes ist Sprache so geworden wie aus dem Feigenblatt ein französisches Gala-Kleid. Sudelbuch F 516
Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen, ehe sie die Taten getan haben, die den Galgen verdienen, es wird also eine neue Art von Firmelung jedes Jahr vorgenommen werden. Ein physiognomisches Autodafé. Sudelbuch F 517
Ich kann nicht sagen, dass ich ihm feind gewesen wäre, aber auch nicht gut, es hat mir nie von ihm geträumt. Sudelbuch F 518
7 Mai 1777. Domicilla. Maria und Christiana beide. Blumen blühen und Nachtigallen schlagen, herrlicher Tag, sanfter Regen, vinolentisch. God bless him. Musaeum Germanicum Maii 1st. Sudelbuch F 519
Die Physiognomen fangen jetzt ein ungeheures Gebäude an, um darauf das Geheim-Archiv der Seele zu erklettern. Die vernünftige Seele steht oben und lächelt, denn sie sieht voraus, dass, noch ehe dieses Babylonische Denkmal ¼ seiner Höhe erreicht haben wird, sich die Sprache der Maurergesellen verwirren, und [sie] es unvollendet liegen lassen werden. Das Götter-Genie … Sudelbuch F 520
Die Geschichte des Herrn Kandidaten Stirn aus Hessen, der in London seinen ehmaligen Herrn aus Ehrgeiz erschoss, könnte herrlich zu scheinbarem Pendant und wahrer Satire auf den leidenden Werther ausgearbeitet werden. Die wahre Geschichte steht irgendwo in dem London Magazin, wo ich nicht irre zwischen 1760 und 1766. Sudelbuch F 522
Liscow sagt, die gräuliche Menge elender Schriftsteller ist ebenso geschickt, eine Barbarei einzuführen, als ein Schwarm von Ost- und Westgoten. (Vortrefflich.) Sudelbuch F 523
Warum mögen wohl die Hunde die Löcher, die sie mit den Pfoten machen, mit der Nase wieder zuscharren? Wegen ihres feinen Geruchs, sollte man denken, täten sie öfters besser, sie machten die Löcher mit der Nase und scharrten sie mit den Pfoten wieder zu. Sudelbuch F 527
Ein großer Herr sollte nur eine allgemeine Religion haben. In den Schulen müssten alle Religionen Erlaubnis haben, ihren Glauben und Aberglauben zu lehren. Der Fürst aber müsste lehren: dass die Gemeinden, welche die zum Gemein-Wohl abzielenden Gesetze nicht hielten, ihre Religions-Freiheit verlieren sollen. Sudelbuch F 528
Ein kluges Kind, das mit einem närrischen erzogen wird, kann närrisch werden. Der Mensch ist so perfektibel und korruptibel, dass er aus Vernunft ein Narr werden kann. Sudelbuch F 531
Ich kann nur die Oberfläche der Leute auf meine Seite bringen, ihr Herz erhält man nur mit ihrem sinnlichen Vergnügen, des bin ich so überzeugt, als ich lebe. Sudelbuch F 532
Vorstellungen sind auch ein Leben und eine Welt. Sudelbuch F 537
Grabsteine für Bücher. Sudelbuch F 538
Ich sehe gar nicht ein, warum Gedankenstehlen, auch wenn sie schon in Verse oder Wohlklang verarbeitet sind, eine so gar sonderbare Sache sein soll, worüber man so großes Aufheben macht. Wir leben jetzt gleichsam in der güldnen Zeit unserer Literatur in Otaheitischer Unschuld, allein man lese einmal die Reisebeschreibungen, wie jene unschuldsvolle Leute die Engländer und Franzosen plündern, sobald sie sich nur auf ihrer Küste blicken lassen. Sudelbuch F 539
Frage: Könnte ein Mensch so erzogen werden, dass er, ohne eigentlich von Sinnen zu kommen, seine Begriffe so seltsam verbände, dass er in der Gesellschaft nicht zu gebrauchen wäre, ein artifizieller Narr? Sudelbuch F 544
Es gibt Leute von unschädlicher Gemütsart, aber doch dabei eitel, die immer von ihrer Ehrlichkeit reden, und die Sache fast wie eine Profession treiben, und mit einer so prahlenden Bescheidenheit von ihrem Verdienst zu wimmern wissen, dass einem die Geduld über den immer mahnenden Gläubiger ausgeht. Sudelbuch F 545
Nicht die Lügen, sondern die sehr feinen falschen Bemerkungen sind es, die [die] Läuterung der Wahrheit aufhalten. Sudelbuch F 547
Wenn es wahr ist, was ich irgendwo einmal gelesen habe, dass niemand eher stürbe, bis er wenigstens etwas Gescheites getan, so hat M … einen Unsterblichen gezeugt. Sudelbuch F 548
Die Ironie erhält eine große Stärke dadurch, wenn [man] dem Spott zuweilen eine Bemerkung zusetzt, die den Leser glauben machen soll, der Verfasser sei wirklich einfältig. Als in dem Spott über die Westfälischen Schornsteine, nämlich wo gesagt wird, der Rauch ginge zur Türe heraus: Man hat den großen Grundsatz angenommen: dass eine Sache desto ganzer und fester ist, je weniger sie Löcher hat, und auf die Häuser ausgedehnt. Die Leute denken mit Recht, wo ich herausgehe, da kann der Rauch auch herausgehen. Merkwürdig ist, dass man dem durch unsere Schornsteine verursachten Schrecken und blinden Lärmen durch Brand in denselben gänzlich vorgebeugt hat, so dass man in der ganzen Gegend nichts von einem Brand im Schornstein weiß. Sie denken auch: Wo ich schlafen kann, da kann ein Schwein auch schlafen. Sudelbuch F 550
Er ist gut und ehrlich, das mag sein, aber er ist es wenigstens so wie der ehrliche Mann auf dem Theater, den ein schlechter Dichter handeln lässt. Ein Gemein-Ort. Sudelbuch F 551
Ich habe es sehr deutlich bemerkt: Ich habe oft die Meinung, wenn ich liege, und eine andere, wenn ich stehe. Zumal wenn ich wenig gegessen habe und matt bin. Sudelbuch F 552
Eigne Schwachheiten, wenn man [es] sonst wohlmeint, aus der Natur des Menschen zu entschuldigen, ist die erste Pflicht jedes Schriftstellers gegen sich selbst. Sudelbuch F 553
Es wird mir weit leichter, etwas zur Linken zu sehen als grade vor mich oder zur Rechten. Sudelbuch F 555
Mit dem Band, das ihre Herzen binden sollte, haben sie ihren Frieden stranguliert. Sudelbuch F 556
Es wäre wohl der Mühe wert, die Physiognomik des Shakespeare zu untersuchen, er, der die größte Gabe hat, von klaren Dingen mit Deutlichkeit zu reden, die mir je vorgekommen ist. Auch darf man nicht fürchten, dass er vielleicht seine physiognomischen Bemerkungen als zu fein, um verstanden zu werden, zurückbehalten hätte. Shakespeare arbeitet aus sich heraus vom Menschen und für Menschen, ob grade immer diesen oder den, das untersucht er nicht. Man findet in der Tat bei ihm Bemerkungen in dem Winkel einer Periode Magd-Dienste tun, die den Szepter einer Disputation zu tragen verdienten. (gut) Sudelbuch F 558
Der Schmeichler mit dem Spiegel-Gesicht, sagt Shakespeare sehr vortrefflich, the glass faced flatterer. Die Wucherer nennt er Kuppler zwischen Geld und Mangel. Sudelbuch F 559
Unter den Opfern, die man ihm brachte, war ihm immer der ehrliche Namen eines Feindes das angenehmste. Sudelbuch F 560
Sie geben uns Brüche von Gedanken, die der Teufel selbst nicht unter einerlei Benennung bringen kann. Sudelbuch F 561
Die Flüche wollen auf unsern Theatern noch nicht recht fort, und es ist auch nicht sehr zu wünschen, dass unser Gefühl darin stumpfer wird. Sudelbuch F 566
Die Nase eher rümpfen lernen als putzen. Sudelbuch F 569
Damals als die Seele noch unsterblich war. Sudelbuch F 571
Er ist nun aus den Oden-Jahren in die Psalm-Jahre gekommen. Sudelbuch F 572
Alle Unparteilichkeit ist artifiziell. Der Mensch ist immer parteiisch und tut sehr recht daran. Selbst Unparteilichkeit ist parteiisch. Er war von der Partei der Unparteiischen. Sudelbuch F 573
Das wird selbst die deutsche Sprache überleben. Sudelbuch F 574
Damals hätte er beinah seinen kostbaren Hals gebrochen. Sudelbuch F 575
Da, wo das Auge undeutlich sieht, ist schon eine Art von Tod, wo kein deutliches Bild ist, ist keine Vorstellung. Sudelbuch F 577
Ich glaube nicht, dass der Zustand, in dem man auf allen Vieren geht, der natürliche ist, allein, dass wir jetzt, sowohl was unseren Glauben als Lebens-Art betrifft, in einem höchst unnatürlichen sind, das glaube ich. Aus diesen Trieben lässt sich, wie aus Schachsteinen, ein besseres Leben zusammensetzen. Sudelbuch F 578
Dessen, was wir mit Gefühl beurteilen können, ist sehr wenig und simpel, das andere ist alles Vorurteil und Gefälligkeit. Sudelbuch F 579
Man lässt sich jetzt seinen Schatten besehen wie ehmals sein Wasser. Sudelbuch F 582
Alle unsere ganze Industrie hat jetzt einen läppischen Strich genommen. Sudelbuch F 583
Wir lernen Sprachen, als wenn wir ins Unendliche lernen könnten. Die Summe ist endlich und ist einerlei, die Fibern des Gehirns derselben Sache wegen so oft zu brechen. Die Alten lernten wenig Sprachen. Sudelbuch F 586
Es gibt Schwärmer ohne Fähigkeit, und dann sind sie wirklich gefährliche Leute. Sudelbuch F 593
Gott muss strafen, so wie Christus die Landessprache reden, nicht weil es seine Gerechtigkeit, sondern weil es unsere Natur erfordert. Schwärmerei ist eine bloße Kraft. Sudelbuch F 594
Schlankheit gefällt wegen des bessern Anschlusses im Beischlaf und der Mannigfaltigkeit der Bewegung. Sudelbuch F 598
Dass einem (wenigstens mir) so oft träumt, man rede mit einem Verstorbenen von eben demselben als dem Verstorbenen, könnte von den ähnlichen Hemisphärien des Gehirns herrühren, so wie man doppelt sieht, wenn man ein Auge drückt. Im Traum sind wir Narren, der Szepter fehlt, es hat mir oft geträumt, ich äße gekochtes Menschenfleisch. Von der Natur der Seele aus Träumen ist eine Materie, die des größten Psychologen würdig wäre. Der selige Faber zu Jena hat einmal hier etwas in der Deutschen Gesellschaft vorgelesen. Sudelbuch F 602
Wenn die reine Lehre des Evangeliums so verdreht worden ist, dass Schaden daraus bei übrigens guter Absicht entstanden ist, was muss nicht erst eine ziemlich unreine Physiognomik unter den Umständen tun können. Sudelbuch F 603
Gesicht und Seele sind wie Silbenmaß und Gedanken. Sudelbuch F 607
Es gibt keine wichtigere Lebensregel in der Welt als die: Halte dich, soviel du kannst, zu Leuten, die geschickter sind als du, aber doch nicht so sehr unterschieden sind, dass du sie nicht begreifst. Das Erheben wird deinem Ehrgeiz durch Instinkt leichter werden als dem Allzugroßen das Herablassen aus kalter Entschließung. Sudelbuch F 609
Das Mädchen ist ganz gut, man muss nur einen andern Rahmen drum machen lassen. Sudelbuch F 616
Wenn er ein ehrlicher Mann ist, welches ich hier nicht bezweifeln will, so ist er wenigstens ein sehr gefährlicher ehrlicher Mann. Mangel an Selbstkenntnis und Glauben, dass das, was andere nicht sagen wollen, nicht sagen könnten, sind seine Haupt-Schwachheiten. Er hält Leute, die nicht superfiziell genug sind, zu sehen, was er sieht, für schwächer als sich, und diese haben gegen ihn wieder die Schwachheit, das für Mangel an Fähigkeiten in sich zu halten, was eigentlich größerer Verstand ist. Sudelbuch F 617
Da werden die Engel einmal recht gelacht haben. Sudelbuch F 621
Wir sind alle Blätter an einem Baum, keins dem andern ähnlich, das eine symmetrisch, das andere nicht, und doch gleich wichtig dem Ganzen. Diese Allegorie könnte durchgeführt werden. Sudelbuch F 625
Zu Abführung eines solchen Unrats waren freilich ein paar Kalender-Blättchen zu wenig. Sudelbuch F 630
Aus einem Augenblick lässt sich kein Gesicht beurteilen, es muss eine Folge da sein. Sudelbuch F 646
Wo Lotte beim Spiel herumläuft und allen Ohrfeigen gibt, das könnte die Germania sein, wie sie allen neun Musen Ohrfeigen gibt. Sudelbuch F 656
Es gibt eine Art von transzendenter Ventriloquenz, wodurch Menschen können glauben gemacht werden, etwas, was auf Erden gesagt ist, käme vom Himmel. Sudelbuch F 660
Aus dem Numerus und Wohlklang einer Periode auf den Gedanken zu schließen, den sie enthält. Eine Probe von Harrisons Stil zu geben. Sudelbuch F 668
Es ist schade, dass es keine Sünde ist, Wasser zu trinken, rief ein Italiener, wie gut würde es schmecken. Sudelbuch F 669
Wenn wir die Aufmerksamkeit auf schwache Empfindungen vermehren lernen, so können sie uns den Dienst von starken tun. Sudelbuch F 670
Eine jede Sache hat ihre Werktags- und Sonntagsseite. Sudelbuch F 672
Man kauft doch bei uns das Obst nicht nach dem Ansehen, sondern man kostet es. Sudelbuch F 674
Selbst Aberglaube kann zuweilen Nutzen stiften. Der gemeine Mann drückt nicht leicht eine ungeladene Flinte auf jemanden los, weil er glaubt, der Teufel könne auch mit einer ungeladenen sein Spiel machen. Sudelbuch F 676
So wie Assimilation Silben und Wörter hervorbringt, so können Silben in nominibus propriis wiederum Farben zu Bildern der Einbildungskraft und Züge zu Charakteren hergeben. Es ist aller Untersuchung wert, woher die Bilder stammen, die wir uns von Leuten formieren, die wir nie gesehen haben, die Formen von Straßen und Städten, die wir nie gesehen haben. An dem Gesicht, das ich mir vom General Lee gemacht habe, hat das doppelte e mehr Anteil als alle seine schlechten Taten, die mir zu Ohren gekommen sind. Sudelbuch F 678
Man kann das beste Gedächtnis gänzlich verlieren, ohne dass die gewölbte Stirn einfällt, und wie viel Stufen sind nicht zwischen Reichtum und Bettelei. Sudelbuch F 683
Scharfsinn ist ein Vergrößerungs-Glas, Witz ein Verkleinerungs-Glas. Das letztere leitet doch auf das Allgemeine. Sudelbuch F 694
Der Charakter ist durch eine Reihe gegeben, die bei dem einen früher oder weniger abbricht. Die HErrn nehmen immer das erste Glied für die ganze Reihe. Sudelbuch F 695
Aus der Mätresse eines Mannes lässt sich viel auf den Mann schließen, man sieht in ihr seine Schwachheiten und seine Träume. Ex socio wird man nicht halb so gut erkannt als ex socia. Sudelbuch F 696
Und was ist Kränklichkeit (nicht Krankheit) anderes als innere Verzerrung? Sudelbuch F 699
Eine Rede muss nicht gedruckt werden, man hat gute Redner gehabt in den Zeiten, da man vermutlich schlecht schrieb, und etwas, das sich gut lesen lässt, muss [man] nicht hersagen hören, es sind ganz verschiedene Dinge. Ein Gemälde gehört nicht unter das Mikroskop. Das sollten sich unsere dramatische Dichter merken. Sudelbuch F 700
Die jungen Knaben muss man nicht anfallen, sondern die alten Knaben, einen der ersten niederzuschlagen raubt der Welt einen Mann, wer einen der letzten ausmerzt, vertilgt ein Unkraut. Sudelbuch F 702
Der Mensch und die Affen können nicht nach Belieben gemästet werden wie das Vieh. Sudelbuch F 707
So wie es Mechaniker von Genie gibt, die mit wenigen und schlechten Instrumenten vortrefflich arbeiten, so gibt es auch Leute, die ihre wenige Belesenheit so zu brauchen und ihren Erfahrungen eine solche Extension zu geben wissen, dass kaum ein sogenannter Gelehrter gegen sie aufkommen kann. (Die Parallele ergründet) Sudelbuch F 709
Von dem, was der Mensch sein sollte, wissen auch die Besten nicht viel Zuverlässiges, von dem, was er ist, kann man aus jedem etwas lernen. Sudelbuch F 714
Wenn ich noch ein Zeichen des Verstandes angeben soll, das mich selten betrogen hat, so ist es dieses, dass Leute, die sehr viel älter sind, als sie scheinen, selten viel Verstand hatten, und umgekehrt junge Leute, die alt aussehen, sich auch dem Verstand des Alters nähern. Man wird mich verstehen und nicht etwa glauben, dass [ich] unter jung Aussehen Gesundheit und frische Farbe und unter Anschein des Alters Falten und Blässe verstehe. Sudelbuch F 717
Unsere Gedanken würden einen ganz andern Gang gehen, wenn bloße Reflexion und nicht auch andere Dinge in uns wirkten, jeder Mensch würde auch andere Sitten haben so wie ein anderes Gesicht. Vielleicht kann auch etwas von dem Einfluss hineinkommen, den ein Wort, das ich rede auf alles hat, was je in der Welt gesprochen werden wird. Sudelbuch F 721
Auch Gelegenheit macht nicht Diebe allein, sie macht auch beliebte Leute, Menschenfreunde, Helden, von dem Einfall, den ein Witziger hat, gehört mehr als die Hälfte dem Dummkopf zu, den er traf. (umständlich ausgeführt) Sudelbuch F 722
Es regnet allemal, wenn’s Jahrmarkt ist oder wenn wir Wäsche trocknen wollen, was wir suchen, ist immer in der letzten Tasche, in die wir die Hand stecken. Sudelbuch F 726
Ich habe gewartet, bis das Tausend von Narren voll würde, das nach Addison nötig ist, um Spott über ihre Torheit erlaubt zu machen. Sudelbuch F 742
Man kann ebenso gut träumen, ohne zu schlafen, als man schlafen kann, ohne zu träumen. Sudelbuch F 743
Unsere Dichter werden gewiss ebenso sehr gelobt als die Engländer, aber die Leute, die sie loben, sind von geringerem Gewicht. Sudelbuch F 745
Es ist merkwürdig in dem Sehen ohne Licht, dass das, was man sieht, wenn man die Augen im Dunkeln zuschließt, Anfänge zu Träumen werden können, bei wachender Vernunft ist die Folge ganz anders als im Schlaf. Ich möchte wissen, ob die Tiere dummer träumen, als sie im Wachen sind, ist dieses, so haben sie einen Grad von Vernunft. Sudelbuch F 746
Die Leute sagen immer, was der Mann originell schreibt, mir kommt der Stil nichts weniger als selten vor; es ist die Schreib-Art aller Leute, die mehr sagen wollen, als sie wissen, und welche eben deswegen der Menge gefällt, weil sie ihr glauben macht, sie verstünde Dinge, von denen sie kein Wort weiß. Sudelbuch F 748
Eine Taxe auf die Engel oder eine Kopfsteuer im Himmel. (In einem Heldengedicht) Sudelbuch F 751
Klopstocks Messias kann nur, dünkt mich, alsdann schwer scheinen, wenn man das darin finden will, was das Geschrei der Zeitungsschreiber und der Barden hineingelegt hat. Mir kommt es vor, als wenn das Gedicht nicht zu schwer, sondern zu leicht, oder deutlicher, nicht zu tief, sondern zu seicht wäre. Sudelbuch F 752
Wir sehen, ein jeder, nicht bloß einen andern Regenbogen, sondern ein jeder einen andern Gegenstand und jeder einen andern Satz als der andere. Sudelbuch F 754
Krankheit ist das größte Gebrechen des Menschen. Sudelbuch F 756
Man stellt sich Städte vor, die man nie gesehen hat. Sudelbuch F 757
Wenn Vernunft, die Tochter des Himmels, von Schönheit urteilen dürfte, so wäre Krankheit die einzige Hässlichkeit. Sudelbuch F 759
Dass ich etwas, ehe ich es glaube, erst durch meine Vernunft laufen lasse, ist mir nicht ein Haar wunderbarer, als dass ich erst etwas im Vorhof meiner Kehle kaue, ehe ich es hinunterschlucke. Es ist sonderbar, so etwas zu sagen und für unsere Zeiten zu hell, aber ich fürchte, es ist für 200 Jahr, von hier ab gerechnet, zu dunkel. Sudelbuch F 762
Alle die seichten großen Schriftsteller unserer Zeit. Sudelbuch F 763
Wo Affektation zur ernsthaften Natur zu werden anfängt. Sudelbuch F 768
Ein Elendes: Morgenrot ist des Abends Tod. Das ist alles. Sudelbuch F 769
Der Maler, der ein Gesicht mit wenigen Strichen in der Geschwindigkeit trifft, muss unstreitig in dem Gesicht mehr sehen als ich, ob er gleich, wenn er es mir erklären will, weil er nur Worte gebrauchen kann, die alle schon gestempelt sind, weiter nichts sagt als ich auch. Sudelbuch F 770
Eine beißende Antwort, wenn Lavaters Freunde mir vorwerfen sollten, ich wäre ehmals für Physiognomik gewesen, wäre die, dass ich es nicht mehr wäre, seitdem ich Lavaters Buch gelesen. Sudelbuch F 771
Es gibt Leute, die kein Blut, und manche, die keinen Degen sehen können, andre juckt es, wenn man von Läusen spricht. Sudelbuch F 773
Es ist besonders, und ich habe es nie ohne lächeln bemerkt, dass Lavater mehr auf den Nasen unserer jetzigen Schriftsteller findet, als die vernünftige Welt in ihren Schriften. Sudelbuch F 776
Dass man solch närrisches Zeug träumt, wundert mich nicht, allein dass man glaubt, man wäre es selbst, der so was täte und dächte, das wundert mich. Sudelbuch F 778
Dass die Erde um die Sonne läuft und dass, wenn man eine Schreibfeder kippt, diese Spitze mir ins Auge fliegt, ist alles ein Gesetz. Sudelbuch F 781
Solange jemand in die Ewigkeit hinausschaut und mir Dinge im Himmel liest, die ich nicht sehe, so schweige ich deswegen still, weil er mir auch glauben müsste, wenn ich ihm wiederum meine Weissagungen abläse. Allein wenn wir Blicke in diese Welt tun, da hat bei verschiedener Meinung nur einer recht oder beide unrecht. Wir haben alle auf die 4 Syllogismen geschworen, den Supremats-Eid der Logik abgelegt. Sudelbuch F 784
Man kann nicht allein Dinge aus der Körper-Welt transzendent machen, sondern auch Dinge aus der Geister-Welt retroszendent auf die Körper-Welt zurück. Sudelbuch F 785
Dass weiß ich, bei jedem Gesicht denkt man sich etwas. Wenn sich ein Bedienter darbietet, so wird das Gesicht [geprüft?], bei gesunder Farbe und Jugend werden die Leute verschiedentlich urteilen, wo mehrere Personen über ein Gesicht eins sind, werden es immer pathognomische Züge sein. Sudelbuch F 789
Man lernt kein Latein und kein Griechisch mehr, daher wird alles seicht. Dieses ist die Klage der meisten gelehrten Journale, ob sie gleich vielleicht unvorsätzlich die geheimsten und wichtigsten Feinde wahrer Gelehrsamkeit und die Urheber des Übels selbst sind, das sie heilen wollen. Man hält einen Teil der Wirkung für die Ursache. Sudelbuch F 790
Du weißt nicht einmal aus einem Teil des Lebens zu sagen, wie der andere aussieht, und willst aus dem Leib auf den Geist schließen. Sudelbuch F 798
Frauenzimmer mit Pfauenschwänzen. Sudelbuch F 799
Das ungleiche Verhärten der schleimigten Nerven kann unstreitig Ursache sein, dass bald diese, bald jene Seelen Kraft herrscht. Es ist nicht wahrscheinlich, dass [das] fast flüssige Gehirn mit den Strömen, die aus ihm entspringen, im einen Menschen wie im andern seine Zähigkeit erhält, aber wer will beweisen, dass, wenn [der] Zustand der Nerven gewisse Züge hervorbringt, diese Züge nicht auch ohne jene entstehen. Sudelbuch F 800
Dieses unbegreifliche Wesen, das wir selbst sind, und das uns noch weit unbegreiflicher vorkommen würde, wenn wir ihm noch näherkommten könnten, als wir selbst sind, muss man nicht auf einer Stirne finden wollen. Sudelbuch F 808
Ein paar Wurzeln sammeln ist noch keine Sprache. (gegen Lavater.) Sudelbuch F 812
Der Mensch irrt freilich überall, allein die Propheten Physiognomen und Astrologen muss man nicht so gradeweg unter die irrenden Naturkündiger stellen, der Prophet und der Physiognom irren eminent. Weil künftige Dinge vorher und dem Menschen ins Herz zu sehen unsern ganzen Frieden stören würde. Sudelbuch F 816
Man muss nur nicht vor der Hand die Welt glauben machen, dass das, [was] man sucht, sich wirklich finden lasse oder gar schon gefunden sei. Zumal wenn man einiges Ansehn hat. Sudelbuch F 818
Kleine Fehler zu entdecken ist seit jeher die Eigenschaft solcher Köpfe gewesen, die wenig oder gar nicht über die Mittelmäßigen erhaben waren, die merklich Erhabenen schweigen still oder sagen nur etwas gegen das Ganze, und die großen Geister schaffen nur, ohne zu tadeln. Sudelbuch F 820
Ich kann mir vorstellen, dass ein Mensch, der von einer Kanonenkugel tödlich getroffen wird, in einem sekundenlangen Beben seines Gehirns sein ganzes Leben in einem Punkt sieht und fühlt. Sudelbuch F 823
So wird uns der Ton eines Worts weit besser von dem Bau einer Kehle unterrichten als hundert Zeichnungen. Wenn sich der Charakter in allem malt, so ist es immer besser, die biegsamsten Teile zu nehmen. (Dieses kann Leitfaden und Plan werden.) Sudelbuch F 827
Herodot entschuldigt sich, dass er barbarische Namen nennen müsse, ist das nicht erschröcklich? Sudelbuch F 832
In einer so zusammengesetzten Maschine als diese Welt, spielen wir, dünkt mich, aller unsrer kleinen Mitwirkung ungeachtet, was die Hauptsache betrifft, immer in einer Lotterie. Sudelbuch F 838
Wenn man Gesichter mit Akzenten drucken lässt, so liest der Pöbel wie’s dasteht. Sudelbuch F 841
Die Sprichwörter Weisheit hat viel Ähnliches mit der physiognomischen, da läuft immer die Beobachtung des einen gegen die Beobachtung des andern. Sudelbuch F 844
Dieses zu denken verursacht mir eine Verwirrung im Kopf, fast als wenn ich mir denken wollte, dass uns Polen nach Westen läge. Sudelbuch F 848
Eine Perücke einen Skalp zu nennen. Sudelbuch F 850
Das Hutabnehmen ist eine Abkürzung unsres Körpers, ein kleiner Machen. Sudelbuch F 851
Wenn das Gesicht mit kleinen Vulkanen übersät ist, so schließe ich auf einen Brand. Sudelbuch F 855
Dass die Menschen so oft falsche Urteile fällen, rührt gewiss nicht allein aus einem Mangel an Einsicht und Ideen her, sondern hauptsächlich davon, dass sie nicht jeden Punkt im Satz unter das Mikroskop bringen und bedenken. Sudelbuch F 856
Tausend sehn den Nonsense eines Satzes ein, ohne imstand zu sein noch Fähigkeit zu besitzen, ihn förmlich zu widerlegen. Sudelbuch F 860
Die lächerlichsten Moden können ein Übergang zu etwas sein, was wir auf keinem andern [Wege] gefunden hätten. Es können die Vorurteile, sagt Feder, zuweilen vernünftige Vermutungs-Regeln sein. Sudelbuch F 863
Zu untersuchen und zu lehren, inwieweit Gott aus der Welt erkannt werden kann. Sehr wenig, es könnte ein Stümper sein. Sudelbuch F 864
Gedanken im Klingelbeutel sammeln zu einer Rede auf den Geburtstag des Königs. Sudelbuch F 866
Ein gesunder Appetit und die damit gemeiniglich verbundene Hochachtung gegen das Frauenzimmer. Sudelbuch F 867
Ich habe oft auf dem Punkt gestanden, mit soviel Überzeugung zu glauben, dass man, um der Nachwelt zu gefallen, von der jetzigen gehasst werden müsste, dass ich alles anzufallen Neigung fühlte. Sudelbuch F 868
Ich bin sehr viel mitleidiger in meinen Träumen als im Wachen. Sudelbuch F 870
Neue Blicke durch die alten Löcher. Sudelbuch F 871
Hässlich nicht von hassen. Dieser Gedanke ist in mein Buch über die Physiognomik gekommen, weil ich mir eine eigne Vorstellung von Hassen mache. Nämlich dass man nur frei handelnde Wesen hassen könne. Sudelbuch F 875
Vom ersten Dichter der Welt bis zum Verse-Fabrikant. Sudelbuch F 876
Ein reines Herz und ein reines Hemd. (Ein reines Herz ist eine vortreffliche Sache, und ein reines Hemd auch.) Sudelbuch F 877
Es soll mir zur Warnung dienen, ich will künftig nichts mehr drucken lassen, ohne es wie jener große französische Dichter meiner Köchin vorzulesen. Sudelbuch F 881
Sie scheinen mich mit Rosinen und Mandeln zu füttern und mich hernach als einen fetteren Bissen zu verschlingen. Sudelbuch F 883
Die Erziehung, die wir ganzen Ländern gerne geben wollten, aber nicht geben können, kann irgendein individuum durch einen Zufall genossen haben. Sudelbuch F 887
Man sollte über esoterische Physiognomik noch einige Zeit lateinisch schreiben. Sudelbuch F 891
Die Gebrechlichen haben oft Fertigkeiten, deren ein ordentlich gebauter Mensch wo nicht unfähig, doch [die] zu erlernen nicht entschlossen genug ist. Sudelbuch F 893
Es ist die Frage, ob nicht selbst Tiere, wenn man sie in ihrem Bau stört, einen Weg erwählen, der vom vorigen verschieden zu demselben Endzweck führt. Sudelbuch F 894
Es könnte sein, dass unsere herausgewürfelte Erziehung grade für die Köpfe passte, die wir für kluge Formen halten. Sudelbuch F 896
Das Unglück, das mich betroffen hat, einige meiner besten Freunde nennen es Glück. Und Glück ist es, denn ich Unbekannter kann vielleicht einen Namen gewinnen, und meine Gegner haben einen zu verlieren. Sudelbuch F 899
Selbst dieselben Züge, die wir hässlich nannten, können schön in unsern Augen werden. Sudelbuch F 900
Einer deutet alle unbestimmte Spöttereien auf sich selbst und denkt, sie hätten ihn heimlich im Sinn gehabt. Sudelbuch F 905
Bei einer Mondfinsternis, die Silhouette der Erde. Sudelbuch F 909
Die glücklichsten Verführer und daher die gefährlichsten sind die deluded deluders. Sudelbuch F 912
Starke Empfindung, deren sich so viele rühmen, ist nur allzu oft die Folge eines Verfalls der Verstandes-Kräfte. Ich bin nicht sehr hartherzig, allein das Mitleid, das ich in meinen Träumen oft empfinde, ist mit dem bei wachendem Kopf nicht zu vergleichen, das erstere ist in mir ein nah an Schmerz grenzendes Vergnügen. Sudelbuch F 915
Mir innig bewusst, dass ich nichts als Wahrheit und Unterricht suchte, trete ich unerschrocken vor dich hin, würdiger Mann, in das Heiligtum der Philosophie, ohne mich um die ungeschliffene Staats Hellebarde des Schweizer-Trabanten zu bekümmern, der vor der Tür steht. Sudelbuch F 921
O ich kenne die Leute allzu wohl, die aus gedemütigtem Stolz oder blinder Hitze immer eine Meile über oder unter der Wahrheit nisten. Sudelbuch F 923
Wenn die feinen Weltleute fragen: Gott weiß warum? so ist es immer ein sicheres Zeichen, dass sie außer dem lieben Gott noch einen großen Mann kennen, der es auch weiß. Sudelbuch F 931
Es ist keine Folge, dass ein auf klare, ja selbst dunkle Ideen gegründeter Schluss den auf die deutliche Entwickelung derselben gebauten widerspricht, ja noch mehr, ich sehe gar die Unerlaubtheit des Verfahrens nicht ein, einen Teil des Publici, das keiner deutlichen Begriffe fähig ist, wo man ohne dieselben irren kann, wenigstens in der Anwendung seiner dunkeln behutsam zu machen. Sudelbuch F 932
Es ist eine traurige Liebe, wo man zum ersten Mal im Grab miteinander zu Bette geht. Sudelbuch F 936
Was hilft alles Schließen aus Erfahrung? Ich leugne nicht, dass es zuweilen eintrifft. Aber fehlt es nicht auch ebenso oft? Und ist das nicht, was ich sagen wollte? Glücksspiel. Sudelbuch F 938
Das Ideal von Stärke und Tugend müsste die größte Schönheit sein, freilich das würden und müssten wir so nennen. Doch könnte es mit Befriedigung sinnlicher Lust streiten, die richtet auch mit. Wir lieben uns in andern, wo wir Güte erkennen, gefällt uns das Gesicht. Aber kann man das eigentlich mit zu der Schönheit rechnen? Schön nennen die Leute sehr oft, was ihnen gefällt, und das ist relativ. Sudelbuch F 939
Wie der ungebetene Einleiter mich so hat verstehn können, ist mir unbegreiflich, allein es scheint, die Zeit ist gekommen, dass auch sogar die Nachbeter erfahren, was die Denker längst gedacht haben. Sudelbuch F 940
Noch immer grob, auch wenn man abrechnet, dass sie von Zimmermann kommt, der ungeschliffen tadelt und noch ungeschliffener lobt. Sudelbuch F 948
Ich muss meine Leser inständigst bitten, hier bloß Sachen zu betrachten, keine Namen, die vielleicht in Deutschland mehr Gewicht haben als in irgendeinem Land in der Welt und nirgends leichter zu erwerben sind, wenn von einigen Jahren die Rede ist. Zuweilen sind die berühmten Werke weiter nichts, als die gemeinste Primaner-Philosophie mit ungeprüften Exzerpten aus den allgemeinen Reisen, versetzt und das alles unter einem Geläute von Glocken und Schellen vorgetragen, dass selbst Untersucher verleitet werden zu glauben, man begehe ein Fest. In den Privat-Versammlungen denkender Köpfe hört man den Wert solcher Werke bestimmen. Sudelbuch F 949
Unsere Empfindung ist sicherlich nicht der Maßstab für die Schönheit des unübersehbaren Plans der Natur. Sudelbuch F 952
Nichts lässt lustiger, als seinen Feind bepissen wollen, wenn man eine Strangurie hat. Sudelbuch F 953
Ich möchte einmal wissen, was nach dieser Ermattung tot bleibt und nicht wiederhergestellt wird. Sudelbuch F 954
Janet Macleod ist der Name des Mädchens, die viele Jahre nacheinander nichts gegessen. Vorschlag, den Soldaten diese Krankheit zu geben. Leute, die in 10 Jahren keine Geistes-Speise zu sich genommen, außer ein paar Journal-Krümchen, gibt es selbst unter Professoren, und ist gar keine Seltenheit. Sudelbuch F 959
Dieses ist eine sehr fruchtbare Wahrheit, wenn man sie in einem gesunden Kopf bewahrt, so hat sie, wie die Glücks-Pfennige, alle Morgen eine neue bei sich liegen. Sudelbuch F 961
Sogar aus den Hunden lässt sich etwas machen, wenn man sie recht erzieht, man muss sie nur nicht mit vernünftigen Leuten, sondern mit Kindern umgehen lassen, so werden sie menschlich. Dieses ist eine Bestätigung von meinem Satz, dass man Kinder immer zu Leuten halten müsse, die nur um ein Weniges weiser sind als sie selbst. Sudelbuch F 972
In einem Tag gemacht, gelesen und vergessen. Sudelbuch F 973
Wenn er mich aber mit vogelfreier Grobheit behandelt, so will ich ihn auch als einen Vogelfreien traktieren. Sudelbuch F 977
Er fällt mich an nicht mit dem edlen Unwillen eines Denkers, der die Wahrheit gekränkt glaubt und zu rächen sucht; nicht mit dem kränkenden Lächeln und der beißenden Laune des Satirikers, sondern mit der ungezogenen Wärme eines betrunkenen Scharwächters will er mich niederschlagen und poltert und stolpert und setzt sich endlich zu nicht geringer Satisfaktion des Publikums grade da hinein, wo er mich hinhaben wollte. Sudelbuch F 979
Was ist wohl die Ursache, dass ich mich zuweilen um 9 Uhr über eine Sache gräme, um 10 Uhr nicht mehr und vielleicht um 11 wieder, ich bin mir keiner Wallungen von Trostgründen deutlich dabei bewusst, aber es müssen doch welche sein. Sudelbuch F 980
Es waren eigentlich nur 2 Personen in der Welt, die er mit Wärme liebte, die eine war jedes Mal sein größter Schmeichler, und die andere war er selbst. Sudelbuch F 982
Der Kerl erschrak, als das 3-Uhr-Glöckchen geläutet war, allemal, nach der Hand gestund er, er hätte einmal sollen gehenkt werden, und da wäre eine Glocke geläutet worden, die geklungen hätte, als wäre sie dieser aus dem Gesicht geschnitten. Den 6. Mai Blütenschnee. Sudelbuch F 985
Wie wir noch ein halbes Jahr jünger waren, da war’s ganz anders. Sudelbuch F 988
Bei manchem Werk eines berühmten Mannes möchte ich lieber lesen, was er weggestrichen hat, als was er hat stehen lassen. Sudelbuch F 989
Belehrung findet man öfter in der Welt als Trost. Sudelbuch F 990
Ein Bedienter steckt immer die Finger erst in das Wasser und die Suppen, die er seinem Herrn bringt. Sudelbuch F 993
Der Blitz der Überzeugung zündete überall. Sudelbuch F 999
Der Teufel könnte sein Spiel machen, und die Leute könnten es glauben, wenn sie es oft sagten. Sudelbuch F 1003
Die Vorrede könnte Blitzableiter betitelt werden. Sudelbuch F 1004
Wie eine besoffene Fama. Sudelbuch F 1010
Ich habe sehr oft folgendes bemerkt: Je mannigfaltiger die Begebenheiten sind, die sich ereignen, desto geschwinder verstreichen einem zwar die Tage, allein desto länger dünkt einem die vergangene Zeit, die Summe dieser Tage, hingegen je einförmiger die Beschäftigungen, desto länger werden einem die Tage, und desto kürzer die vergangene Zeit oder ihre Summe. Die Erklärung ist nicht sehr schwer. Sudelbuch F 1012
Gott, der unsere Sonnenuhren aufzieht. Sudelbuch F 1013
Der unter die Teufel gezählte Voltaire. Sudelbuch F 1020
Nachdem ihn die Flöhe eine geraume Zeit vorher verlassen hatten. Sudelbuch F 1024
Die erste physiognomische Grundregeln festzusetzen ist wohl die größte Schwierigkeit. Sudelbuch F 1029
Wenn man einmal weiß, dass einer blind ist, so meint man, [man] könnte es ihm auch von hinten ansehen. Sudelbuch F 1034
Wir können nicht beweisen, dass die Planeten mit vernünftigen Geschöpfen bewohnt sind, dem ohngeachtet glaube ich es, so kann jemand glauben, die Seele sterbe mit dem Leib, ob er es gleich strikte nicht beweisen kann. Sudelbuch F 1036
Sie fühlen mit dem Kopf und denken mit dem Herzen. (πμ) Sudelbuch F 1038
Wenn die bittere Satire fein ist, so hält es die Welt im schlimmsten Fall mit ihr wie mit dem Verrat, sie liebt die Satire und hasst den, der sie schrieb. Allein was wird sie hier machen, wo der Verfasser so boshaft und die Satire so platt ist? Sie wird den einen hassen und die andere verachten. Sudelbuch F 1045
Wie wenig Sie wissen müssen, was die Welt von Ihnen denkt! Sudelbuch F 1046
An den Köpfen der großen Griechen und Römer muss man nicht Regeln für die sichtbare Form des Genies abstrahieren wollen, solange man nicht griechische Dummköpfe ihnen entgegenstellen kann. Sudelbuch F 1058
Ich glaube, dass die Hälfte von dem, was das Singen aus der Fistel unangenehm macht, daher rührt, dass [sich] die Stimme nicht zum Gesicht schickt und Mannspersonen ein weibisches Ansehen gibt. Sudelbuch F 1059
Sie öffnen sich wie die Läden an einem Mohnknopf, wenn sie reif sind. Sudelbuch F 1060
Bücher, die man junge Leute will lesen machen, muss man ihnen nicht sowohl selbst empfehlen, als in ihrer Gegenwart loben. Sie finden sie hernach von selbst, so ist es mir gegangen. Sudelbuch F 1064
Da trifft recht ein, was Butler von einem schlechten Kritiker sagt, wenn er keine Fehler findet, so macht er einen. Sudelbuch F 1069
Der Trieb, unser Geschlecht fortzupflanzen, hat noch eine Menge anderes Zeug fortgepflanzt. Sudelbuch F 1070
Das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen. Sudelbuch F 1076
Unstreitig ist die männliche Schönheit noch nicht genug von den Händen gezeichnet worden, die sie allein zeichnen könnten, von weiblichen. Mir ist es allemal angenehm, wenn ich von einer neuen Dichterin höre. Wenn [sie] sich nur nicht nach den Gedichten der Männer bildeten, was könnte nicht da entdeckt werden. Sudelbuch F 1077
Die Leute mit langen Füßen gehen gewöhnlich schlecht, was den Füßen zugeht, geht den Knien ab. Sudelbuch F 1078
Ich habe mich zuweilen recht in mir selbst gefreut, wenn Leute, die Menschenkenner und Weltweise sein wollen, über mich geurteilt haben. Wie entsetzlich sie sich irren, der eine hielt mich für weit besser und der andere für weit schlimmer, als ich war, und das immer aus sehr feinen Gründen, wie er glaubte. Sudelbuch F 1080
Eulers Maschine Predigten zu spielen, wenn man Worte könnte herausbringen wie Töne, ist ein vortrefflicher Einfall. Sudelbuch F 1081
Die Sprache der erzürnten Impotenz. Z. Sudelbuch F 1083
Die leidende Tugend von der andern unterscheiden, ist ein scheinbarer Gedanke, Sie können dieses aber ebenso wenig als die Leiden des Gerechten in seinen Umständen von Strafen der Ungerechten. Sudelbuch F 1084
Manchen Personen muss man sehr nahekommen, um den Reiz zu sehen, den ihnen das gute gefällige Gemüt gibt. Kann es nicht eben deswegen bei manchen ganz unkenntlich sein? Sudelbuch F 1094
Er ging von dem Ball nach Haus mit einem Herzen so voller sanfter Pfeile, dass, wäre es möglich gewesen, es dem Gesicht zu unterwerfen, es gewiss einem Nadelkisschen nicht unähnlich müsste gesehen haben, dem eine Putzmacherin alle die geheimen Banden (besser) anvertraut hat, die das System eines Kopfzeugs zusammenhielten. Sudelbuch F 1096
Außer seiner geistlichen Herde, welcher er, wo er konnte, etwas abnahm, hatte er noch 200 Stück auf der Weide gehen, die er regelmäßig schor. Sudelbuch F 1097
Es gibt Leute, die tragen ihre Haare die ganze Woche in Papilloten. Sudelbuch F 1099
Große Dinge gesehen zu haben als einen großen Sturm muss ohnstreitig dem ganzen Gehirn eine andre Stimmung geben, und man kann sich daher nicht genug in solche Lagen bringen, man sammelt auf diese Art, ohne zu wissen. Sudelbuch F 1100
Ziererei, ein sehr gutes Wort, wenn einer etwas nicht gestehn will, was er doch gern von sich glaubt. Sudelbuch F 1103
Wie ein hohlaugigter Heautophag (Selbstfresser). Sudelbuch F 1108
Eine virtulierende Fröhlichkeit. Sudelbuch F 1109
Überall angezeigt, was noch zu leisten ist. Sudelbuch F 1115
Wenn eine Betschwester einen Betbruder heiratet, so gibt das nicht allemal ein betendes Ehepaar. Sudelbuch F 1124
Wir gingen an dem Tage einen englischen Kunstbereuter zu sehen, der bereits zweimal zum letzten Mal gespielt hatte und nun Anstalt machte, zum ersten Mal das allerletzte Mal zu spielen. Sudelbuch F 1125
Es ist eine Temperaments-Lüge. (Zimmermann πμ) Sudelbuch F 1133
Wir verbrennen zwar keine Hexen mehr, aber dafür jeden Brief, worin eine derbe Wahrheit gesagt ist. Sudelbuch F 1134
Die Kinder werden so schlecht gemacht, man meint, die Leute lernten es aus dem Zeichenbuch. Sudelbuch F 1141
Die klügsten Leute können solche dummen Gesichter machen, die hinlänglich beweisen, wie sehr alles pathognomisch ist. Sudelbuch F 1147
In die Welt zu gehen ist deswegen für einen Schriftsteller nötig, nicht sowohl damit er viele Situationen sehe, sondern selbst in viele komme. Sudelbuch F 1152
Wir wissen zuverlässig, dass ihm ein einziger sogenannter Kraft-Ausdruck oft 2 bis 3 Stunden kosten soll. Solche Mühe gibt sich die Natur, die Menschen bei solchen Jahren von Kindereien abzuhalten, und solche Mühe geben sich schwache Köpfe, der Natur entgegenzuarbeiten. Sudelbuch F 1155
Dass Leute, die so erstaunlich lesen, oft so schlechte Denker sind, kann seinen Grund ebenfalls in der Beschaffenheit unseres Gehirns haben. Es ist ja wahrhaftig nicht einerlei, ob ich einen Satz ohne Mühe lerne oder ob ich selbst nach meinem System endlich darauf komme. Beim letztern hat alles Wurzeln, beim erstern ist es bloß angeklebt. Sudelbuch F 1162
Eine glückliche Situation, in einem Stück ausgefunden, macht die übrige Arbeit leicht, die, die bloß eine Sache mit Einfällen verschönern wollen, haben eine Höllen-Arbeit. NB. Sudelbuch F 1164
Etwas von den Taubstummen könnte in der Physiognomik genützt werden. Sudelbuch F 1167
Der tragische Hanswurst. Sudelbuch F 1168
Ich gehe oft, wenn ein Bekannter vorbeigeht, vom Fenster weg, nicht sowohl um ihm die Mühe einer Verbeugung als vielmehr mir die Verlegenheit zu ersparen zu sehen, dass er mir keine macht. Sudelbuch F 1170
Dass wir uns im Traume selbst sehen, kommt vom Spiegelsehen her, bei welchem wir nicht denken, dass es im Spiegel ist. Es ist aber im Traum die Vorstellung lebhafter und das Bewusstsein und Denken geringer. Sudelbuch F 1171
Es sind gewiss wenig Pflichten in der Welt so wichtig als die, die Fortdauer des Menschengeschlechts zu befördern und sich selbst zu erhalten, denn zu keiner werden wir durch so reizende Mittel gezogen als zu diesen beiden. Sudelbuch F 1172
Es gibt wahrhaftig eine Art zurückhaltender und empfindlicher Menschen, die, wenn sie sich freuen, aussehen wie andere, wenn sie weinen. Wer das noch nicht gesehen hat und nicht weiß, muss sich nicht unterstehen, ein Wort über Physiognomik zu sagen. Sudelbuch F 1176
Physiognomik muss sich auf unleugbare Grundsätze bringen lassen, soviel ich weiß, ist noch nicht ein einziger untrüglicher gefunden. Die wenigen Sätze, die man dafür ausgeben will, wird man kaum mehr unter dem Gebüsch von Ausnahmen erkennen, sobald die Beobachtungen zunehmen und man nicht bloß Narren und Gelehrte silhouettiert. Sudelbuch F 1182
Bei Pflanzen hält nicht der Mensch ein Individuum für schöner als das andere, sondern auch eine Species, ja ein Genus als das andere, dieses ist gewiss Schwachheit. Sudelbuch F 1187
Er war zwar etwas unpoliert, aber wirklich ein rechter Zebra unter den Eseln, oder unter seiner Gesellschaft. Sudelbuch F 1188
Es unterscheidet sich wie Taktschlagen und Trommeln. Sudelbuch F 1191
In Philosophie gilt oft dieses: Wenns nicht alle sind, so ist’s gar keiner, indem es von den andern nur durch plus und minus wahr ist. Sudelbuch F 1192
Wenn du die Geschichte eines großen Verbrechers liesest, so danke immer, ehe du ihn verdammst, dem gütigen Himmel, der dich mit deinem ehrlichen Gesicht nicht an den Anfang einer solchen Reihe von Umständen gestellt hat. Sudelbuch F 1196
Ich sehe in der Tat den kleinen mutwilligen Sticheleien eines jungen Rezensenten und den niedlichen Stößen eines Zickleins mit gleichem Vergnügen zu, das letztere muss es sehr arg machen, wenn ich ihm Einhalt [tue], und selbst alsdann nur mit der größten Gelindigkeit: Du kleines mutwilliges allerliebstes Tierchen, sage ich und reibe ihm das warme harte Köpfchen. (besser gewendet) Sudelbuch F 1200
Du glaubst, ich laufe dem Sonderbaren nach, weil ich das Schöne nicht kenne, nein, weil du das Schöne nicht kennst, deswegen suche ich das Sonderbare. Sudelbuch F 1201
Im Wort Gelehrter steckt nur der Begriff, dass man ihn vieles gelehrt, aber nicht, dass er auch etwas gelernt hat, daher sagen die Franzosen sehr sinnreich, wie alles, was von diesem Volk [kommt], nicht les enseignés, sondern les sçavans, und die Engländer nicht the taught ones, sondern die learned. Sudelbuch F 1202
So wie man jeden ganzen Feiertag für einen Sonntag und [den] folgenden Tag für einen Montag hält. Sudelbuch F 1205
So wie die Knaben so lange kratzen und schaben, bis sie einen Bart herausschaben. Sudelbuch F 1208
Schmierbuch-Methode bestens zu empfehlen. Keine Wendung, keinen Ausdruck unaufgeschrieben zu lassen. Reichtum erwirbt man sich auch durch Ersparung der Pfennigs-Wahrheiten. Sudelbuch F 1209
Schönheit der Farben und des Umrisses, was ist Schönheit des Umrisses? Schöne Linien, kann eine Linie an sich schön sein? Bloß vergleichungsweis, schöne Verhältnisse, 2 : 3, kleine Zahlen. Alles das recht auseinander gesetzt. Sudelbuch F 1211
Eine Regel beim Lesen ist die Absicht des Verfassers, und den Hauptgedanken sich auf wenig Worte zu bringen und sich unter dieser Gestalt eigen zu machen. Wer so liest, ist beschäftigt und gewinnt, es gibt eine Art von Lektüre, wobei der Geist gar nichts gewinnt und vielmehr verliert, es ist das Lesen ohne Vergleichung mit seinem eigenen Vorrat und ohne Vereinigung mit seinem Meinungs-System. Sudelbuch F 1212
Wir bewundern zuweilen die Kräftigkeit der Sprachen unausgebildeter Nationen, die unsrige ist es nicht weniger, unsere gemeinsten Ausdrücke sind oft sehr poetisch, allein das Poetische eines Ausdrucks verliert sich, wenn er uns gemein wird, der Laut bringt den Begriff hervor, und das Bild, das vorher das Mittel war, verschwindet und mit ihm zugleich alle die Neben-Ideen. Sudelbuch F 1213
Die buntesten Vögel singen am schlechtesten, gilt auch von Menschen, und wo Prachtstil [ist] wie bei Zimmermann, da muss [man] nie tiefe Gedanken suchen. Sudelbuch F 1215
Über die Stadt-Meinungen von dem Charakter der Leute, sie entstehen gemeiniglich in dem Mund von Leuten, die nicht urteilen können, und werden nun so weggeglaubt, eine Warnung für jedermann, alles zu prüfen und zu untersuchen. Sudelbuch F 1216
Bei Träumen ist doch dieses merkwürdig, dass Traum von Belehrung weiter nichts ist und sein kann als Erinnerung oder Zusammensetzung in unserem Kopf liegender Begriffe, es entsteht dabei eine Person dazu. Sudelbuch F 1219