Sudelbücher Die Sudelbücher des Georg C. Lichtenberg
Aus Neujahrwünschen an sich selbst gerichtet, durch alle Stände durch, könnte etwas Gutes gemacht werden. Hiervon einmal einen Versuch zu machen, wenn ich nicht schlafen kann. Sudelbuch J 5
Bei dem studio der Mathematik kann wohl nichts stärkeren Trost bei Unverständlichkeiten gewähren, als dass es sehr viel schwerer ist, eines andern Meditata zu verstehen, als selbst zu meditieren. Sudelbuch J 7
Mutter unser, die du bist im Himmel. Sudelbuch J 8
Zu Aufweckung des in jedem Menschen schlafenden Systems ist das Schreiben vortrefflich, und jeder, der je geschrieben hat, wird gefunden haben, dass Schreiben immer etwas erweckt, was man vorher nicht deutlich erkannte, ob es gleich in uns lag. Sudelbuch J 14
Die Kantische Philosophie mag ein Reich aufrichten, was für eines sie will, so wird sie doch, wenn sie nicht zu alten, bekannten Lappereien herabsinken will, zugeben müssen, dass unseren Vorstellungen etwas in der Welt korrespondiert. Sudelbuch J 23
Warum warnt die eiternde Lunge so wenig und das Nagelgeschwür so heftig? Sudelbuch J 25
Die Einrichtung des Weltgebäudes ist gewiss sehr viel leichter zu erklären als die einer Pflanze. Es korrespondiert ersteres mehr mit Kohäsion und höchster Kristallisation. Doch wächst auch schon der Dianenbaum, und die schöne Eisblume an der Fensterscheibe. Sudelbuch J 27
Auf Flügeln der Lunge. Sudelbuch J 35
Ob ich gleich weiß, dass sehr viele Rezensenten die Bücher nicht lesen, die sie so musterhaft rezensieren, so sehe ich doch nicht ein, was es schaden kann, wenn man das Buch lieset, das man rezensieren soll. Sudelbuch J 36
Das Alter (Zahl der Jahre) macht klug, das ist wahr, dieses heißt aber nichts weiter als: Erfahrung macht klug. Hingegen Klugheit macht alt (das heißt Reue, Ehrgeiz, Ärger macht die Backen einfallen, die Haare grau und ausfallen), ist nicht minder wahr. Diese täglichen Lehren mit Züchtigung, zwar nicht auf den Arsch, aber an gefährlicheren Teilen eingeschärft, sind ein wahres Gift. (med) Sudelbuch J 38
Befehl, kein merkwürdiges Buch ohne den vollständigsten Index zu drucken, könnte sehr nützlich sein. Sudelbuch J 40
Sehr lustig ist, dass in dem Zensuredikt gleich im ersten § verboten wird, die Sachen heimlich zu verkaufen. Etwas öffentlich zu verbieten, was nur heimlich geschieht, ist eben so töricht, als Caligula des vielgelieben Verfahren grausam war, heimlich zu verbieten, was öffentlich geschah. Sudelbuch J 42
Was würde aus Luthern geworden sein? sicherlich würde er nach Spandau gebracht worden sein. Sudelbuch J 46
Der schwächste aller Menschen ist der Wollüstling, der nach dem Leibe sowohl als der nach dem Geist, ich meine der Hurer und der Betbruder, der, der mit Mädchen und der mit Religion hurt. Gott bewahre alle Menschen vor einem so hurenden Könige und Minister. Und Gott behüte einen solchen König und Minister vor vernünftigen Untertanen. Sudelbuch J 47
Bayern, sagt der König, ist ein Paradies von Tieren (Bestien hätte er sagen sollen) bewohnt. Sudelbuch J 53
Er verlor das Vertauen auf eigne Kraft, welches der Tapferkeit zum Instinkt dient, ist ein Ausdruck Friedrich III., der sich überall anwenden lässt. Sudelbuch J 56
Wie könnte wohl der Artikel: Druckfehler in einem Enzyklopädischen Wörterbuch durch Beispiel und Lehre am besten erklärt werden? Sudelbuch J 59
Die Träume können dazu nützen, dass sie das unbefangene Resultat, ohne den Zwang der oft erkünstelten Überlegung, von unserm ganzen Wesen darstellen. Dieser Gedanke verdient sehr beherzigt zu werden. Sudelbuch J 60
Ein Schullehrer und Professor kann keine Individuen erziehn, er erzieht bloß Gattungen. Ein Gedanke, der sehr viele Beherzigung und Auseinandersetzung verdient. Sudelbuch J 61
Anrede eines Professors an die leeren Bänke. Sudelbuch J 69
Wenn man alt wird, muss man sich wieder junge Katzen und junge Ziegen anschaffen, um das bisschen Konsonanz, das sich noch in den weichsten Fibern findet, wieder zu erwecken. Sudelbuch J 72
Dieses ist gewiss immer die Hülle nicht der Unwissenheit, sondern der Nullität. Sudelbuch J 74
Je größer die Veränderung von der Ruhe zum Lachen oder von der Ruhe zum Weinen im Gesicht ist, desto empfindlicher ist [sie]. Ich habe in meinem Leben keine solche Veränderung gesehen als in dem Gesicht meines ältesten Jungen, wenn er lächelt und wenn er weint. Im ersten Fall habe ich nicht leicht ein himmlischeres Gesicht gesehen, und wenn er weint, so bekömmt er eine Art von 50-jährigem Gesicht, das ganz 4-eckigt wird, da das andere sonst rund ist. Ich habe ihn daher den Wagenmeister genannt, weil der selige Bruns, unser 4-schrötiger Wagenmeister, ohngefähr ein solches Gesicht hatte. Sudelbuch J 83
Ich habe mich nach dem Strom der Gesinnungen gerichtet und zweierlei gesucht, entweder reich oder ein Betbruder zu werden, es ist mir aber keines geglückt. Sudelbuch J 85
Glauben Sie, dass es je in der Welt anders war als jetzt? Glauben Sie, dass die Schlehenflecken Orangen getragen haben? Nein. Gut, und Sie glauben, dass es Menschen gegeben habe, die Gottes Sohn waren? Ja! O du gerechter Gott, wohin kann dein Geschenk, die Vernunft sinken. Was für ein schwaches Werkzeug die Vernunft ist. Sudelbuch J 86
Es ist eine schöne Ehre, die die Frauenzimmer haben, die einen halben Zoll vom Arsch abliegt! Sudelbuch J 87
Was jedes einzelne Buch geleistet hat anzuzeigen, ist doch mehr für den Käufer und Verkäufer, und das ist auch recht gut. Nur müsste auch am Ende des Jahres nicht flüchtig weg, sondern pünktlich und gründlich gezeigt werden, was die Wissenschaft gewonnen hat. Sudelbuch J 88
Selbst, dass sich so viele Schriftsteller Mühe geben, Friedrich dem Großen seine Menschlichkeiten vorzurücken, zeigt kräftiger als alles Lob seiner Panegyristen, dass sie ihn für etwas Übermenschliches hielten, den sie mit ihrem Tadel nicht sowohl zu erniedrigen, als mit dem, was man einen bloß großen Menschen heißt, ins Gleichgewicht zu bringen [suchen]. Sudelbuch J 95
Das Höchste, wozu sich ein schwacher Kopf von Erfahrung erheben kann, ist die Fertigkeit, die Schwächen besserer Menschen auszufinden. Sudelbuch J 96
Man tut manches auf dem Todbette und sogar ins Todbett, das man vorher als vernünftiger Mensch nicht getan haben würde. Man fängt den alten Kinderglauben wieder an, so wie man das Scheißen ins Bett wieder anfängt, man weiß alsdann nicht mehr, was weggeht. Sudelbuch J 104
Das heißt, die Hand auf den Mund legen und hernach ein wenig durch die Finger plaudern. Sudelbuch J 106
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe, ich weiß aber so viel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei. Sudelbuch J 120
Auch die Wilden laufen mehr vor dem Knall der Flinte als vor der Kugel. Sudelbuch J 123
Die Katholiken und auch unsre Theologen haben ja schon wieder geglaubt, sie müssten dazwischenkommen, so wie sie denken, dass der liebe Gott dazwischen hätte kommen müssen, daher die falschen Erklärungen der Bibel, Ohrenbeicht, Infallibilität des Papsts und so weiter, weil die simple Lehre nicht hinreichte nach ihrer Meinung. Wie, die wir das ganze besser zu übersehen anfangen, wir kommen nun wieder dazwischen und nehmen wieder weg. Sudelbuch J 124
Ein kanadischer Wilder, dem man alle Herrlichkeit von Paris gezeigt hatte, wurde am Ende gefragt was ihm am besten gefallen hätte. Die Metzger-Läden, sagte er. Sudelbuch J 126
Es ist ihm gegangen wie jemand, der seine Dose Schupftabak aufzunehmen glaubt und sie daher im ersten Griff nicht aufnehmen kann, wenn Geld darin ist. Sudelbuch J 134
Ach, rief er bei dem Unfall aus, hätte ich doch diesen Morgen etwas angenehm Böses getan, so wüsste ich doch, weswegen ich jetzt leide! Sudelbuch J 136
Es wird gewiss in England des Jahres noch einmal soviel Portwein getrunken, als in Portugal wächst. Sudelbuch J 137
Warum hat Gott so viel Angenehmes in das Doppelte gelegt? Mann und Frau, das Zwei verdient Aufmerksamkeit. Ist es vielleicht mit Leib und Seele ebenso? Sudelbuch J 138
Es ist wohl ausgemacht, dass nächst dem Wasser das Leben das Beste ist, was der Mensch hat. Sudelbuch J 139
Er hatte sich in den lieben Gott verliebt. Sudelbuch J 143
Ein Not- und Hilfs-Büchlein für Schriftsteller könnte gut werden. Sudelbuch J 146
Die weißen Federn der Damen sind weiße Fahnen, die sie aufstecken zum Zeichen der Kapitulation. Sudelbuch J 147
Bei unserer elenden Erziehung, wo wir in der zweiten Hälfte des Lebens wieder vergessen müssen, was wir in der ersten gelernt haben, erfordert also simpel Schreiben Anstrengung, und daher glaubt man endlich, alles, was Anstrengung erfordert, sei simpel und gut. Sudelbuch J 148
Was man so sehr prächtig Sonnenstäubchen nennt, sind doch eigentlich Dreckstäubchen. Sudelbuch J 149
D… spricht zuweilen so einfältiges Zeug, dass man kaum glauben sollte, dass es mit dem Maule geschähe. Sudelbuch J 153
Bei den Heimchen steigt das Weibchen auf das Männchen und lässt sich von letzterem den Legestachel benetzen, so machen es alle Heuschreckenarten. Sudelbuch J 154
Seine Bücher waren alle sehr nett, sie hatten auch sonst wenig zu tun. Sudelbuch J 155
Alles, was der Mann sagte, hatte sein ganz eignes Gewicht. Er wusste sich nicht immer zur Fassungskraft gemeiner Menschen herabzulassen, und selbst dem Geübten waren oft seine Maximen anfangs so schwer zu fassen, als nachher, wenn sie sie gefasst hatten, zu vergessen. Sudelbuch J 158
Die Frage ist, was man in jener Welt dazu sagen wird, wo man vermutlich anders denkt, als hierzulande. Sudelbuch J 162
Es wäre ein denkendes Wesen möglich, dem das Zukünftige leichter zu sehen wäre als das Vergangene. Bei den Trieben der Insekten ist schon manches, das uns glauben machen muss, dass sie mehr durch das Künftige als das Vergangene geleitet werden. Hätten die Tiere ebenso viel Erinnerung des Vergangenen als Vorgefühl vom Künftigen, so wäre uns manches Insekt überlegen, so aber scheint die Stärke des Vorgefühls immer in umgekehrter Verhältnis mit der Erinnerung an das Vergangene zu stehen. Sudelbuch J 163
Das Melancholische, Dichterische pp in der Liebe ist eigentlich [eine] eigne Form von Anschauung des Genusses, der Mensch hat mehrere Formen als eine für seine innere Empfindung. Sudelbuch J 164
Der Deutsche holt bei Beschreibungen psychologischer Dinge vieles vom Fallen, es fällt mir ein, es ist mir entfallen, es ist mir aufgefallen. Zufall, casus accidit. Beifall. Sudelbuch J 165
Der Mann machte sehr viel Wind. B. O nein! Wenn es noch Wind gewesen wäre, es war aber mehr ein wehendes Vakuum. Sudelbuch J 166
Bei dem ist Hopfen und Malt verloren. B. Das setzt voraus, dass es mit ihm auf Bier angelegt gewesen wäre. Das ist es aber nicht. Es war alles Wassersuppe. Sudelbuch J 167
Wir wohnen zu Göttingen in Scheiterhaufen, die mit Türen und Fenstern versehen sind. Sudelbuch J 168
Blackscheißerei im Deutschen heißt eigentlich unnütze Weitläuftigkeit. Sudelbuch J 169
Das Buch muss erst ausgedroschen werden. Sudelbuch J 170
Pretiös: Ja man kann aus den kleinsten und geringfügigsten Handlungen der Menschen sehen, wo es ihnen sitzt. B. Ja zumal aus dem Urin. Sudelbuch J 173
Einen Charakter wie den vorhergehenden betenden Freigeist umständlich zu schildern. Er ist in der Welt gemein, aber für die Bücher neu. Sudelbuch J 177
Es gibt in Rücksicht auf den Körper gewiss wo nicht mehr doch ebenso viele Kranke in der Einbildung als wirklich Kranke, in Rücksicht auf den Verstand ebenso viel, wo nicht sehr viel mehr Gesunde in der Einbildung als wirklich Gesunde. Sudelbuch J 178
Am 28ten Dezember 1789 abends, als Herr Hofrat Richter bei mir war, fiel mir folgende Darstellung eines bekannten Gedankens von mir [ein]: Die Menschen gehen eigentlich nicht selbst in Gesellschaft, sondern sie schicken eine angekleidete Puppe statt ihrer hin, die sie auskleiden, wie sie wollen. Herr Richter lächelte dabei. Sudelbuch J 181
Ein Pfaffe auf der Kanzel. Er war dick, breit, hatte einen kurzen Hals und sein Gesicht öfters unter einem Winkel von 45° aufwärts gerichtet, so dass er völlig einem geistlichen Controvers-Bomben-Mörser glich, zuweilen wurde sein Rücken fast horizontal, und da spie er, wie eine Drehbasse, Fluch, Freuden und Segen-Feuer durcheinander. Sudelbuch J 182
Dieterich ist ein unversiegelter Brief. Sudelbuch J 185
Eine desultorische Lektüre ist jederzeit mein größtes Vergnügen gewesen. Sudelbuch J 187
Wenn sie auf dem Leihhause Menschen annähmen, so möchte ich wohl wissen, wie viel ich auf mich geborgt bekäme. So sind die Schuldtürme eigentlich Leihhäuser, in welchen man nicht sowohl auf Möbeln als auf die Besitzer selbst Geld leiht. Sudelbuch J 193
Von Brunoi ließ ganze Tonnen Tinte in die Bassins seiner Fontänen schütten, zur Trauer, als sein Mutter starb. Sudelbuch J 201
Er hieß dieses: mit stilltätiger Geduld abwarten. Dieses ist eine große Regel. Die Menschen ändern sich von selbst, wenn man sie nicht ausdrücklich ändern will, sondern ihnen nur unmerklich die Gelegenheit macht zu sehen und zu hören. Viele Unternehmungen misslingen bloß, weil man die Früchte davon noch gerne erleben wollte. Sudelbuch J 203
Wie könnten am geschwindesten Briefe so kopiert werden, dass sie die Blinden mit den Fingern lesen könnten? Sudelbuch J 204
Revision der Wege der Vorsicht. Sudelbuch J 205
Was eigentlich den Schriftsteller für den Menschen ausmacht, ist, beständig zu sagen, was vorzüglichste Menschen, oder überhaupt der größte Teil denkt oder fühlt, ohne es zu wissen, die Mittelmäßigen sagen nur, was jeder würde gesagt haben. Hierin besteht ein großer Vorteil zumal der dramatischen und Romanen-Dichter. Sudelbuch J 207
Wenn auch das Gehen auf 2 Beinen dem Menschen nicht natürlich ist, so ist es doch gewiss eine Erfindung, die ihm Ehre macht. Sudelbuch J 211
Man erleichtert sich, habe ich irgendwo gelesen, die Betrachtungen über die Staaten, wenn man sie sich als einzelne Menschen gedenkt. Sie sind also auch Kinder, und solange sie dieses sind, mögen sie monarchisch am besten sein. Wenn aber die Kinder groß werden, so lassen sie sich nicht mehr so behandeln, denn sie werden alsdann wirklich nicht selten klüger als der Vater. Sudelbuch J 212
Ich habe irgendwo gelesen: Die Christliche Moral wird überall Unterstützung und Supplement der Gesetze, dahingegen alles Übrige bei der Religion Unterstützung des Aberglaubens. Sudelbuch J 213
Marivaux zu einem gesunden Bettler: Könnt ihr nicht arbeiten? Der Bettler: Ach, lieber Herr, wenn Sie wüssten, wie faul ich bin, Sie würden gewiss Mitleiden mit mir haben. Diese Aufrichtigkeit gefiel ihm, und er gab ihm etwas. Sudelbuch J 217
Noch eine neue Religion einzuführen, die die Wirksamkeit der christlichen haben sollte, ist wohl unmöglich, deswegen bleibe man dabei und suche lieber darauf zu tragen, und gewiss sind auch die Ausdrücke Christi so beschaffen, dass man, solange die Welt steht, das Beste wird hineintragen können. Sudelbuch J 220
Ich möchte wohl wissen, was es geben würde, wenn ganz Europa einmal recht erzkatholisch wäre, keine Protestanten, die lächelten und kluge Köpfe erweckten, und sich kein Pfaffe mehr zu schämen hätte, wenn alles so fortgegangen wäre wie vor einigen Jahrhunderten, so würde der Papst göttlich verehrt und sein Dreck nach Karaten geschätzt und verkauft worden sein, ja man hätte wohl gar die Bibel angefangen: Am Anfang schuf der Papst Himmel und Erden. Sudelbuch J 221
Gott hat gesagt: Du sollst nicht stehlen, das wirkt besser als alle Demonstrationen von Schädlichkeit des Diebstahls, und Gott, er sei, wer er wolle, hat es ja auch gesagt, die Natur der Dinge, die dem Philosophen freilich respektabel ist, aber [dem] Pöbel nicht. Er versteht, was das sagt: Gott! aber keine Demonstration. Wenn ich also sage: Es gibt ein Wesen, das die Welt erschaffen hat, oder das die Welt ist, das die Tugend belohnt und das Laster bestraft, so ist ja das alles wahr, und wie kann ich dem Volke geschwinder Ehrfurcht gegen dieses Wesen beibringen, als wenn ich es ihm personifiziere? Man muss immer bedenken, was auch Necker gesagt [hat], unter dem Volk gibt es keine redliche Atheisten. Der Gelehrte wird durch andere Dinge im Zaum gehalten. Sudelbuch J 223
Die Mythen der Physiker. Sudelbuch J 226
Wer sollte wohl an einem gleichförmig gedeckten Tage glauben, dass das Tages Licht, in einer solchen Feuerkugel, an einer einzigen Stelle hervorströme? Sudelbuch J 230
Aufklärung in allen Ständen besteht eigentlich in richtigen Begriffen von unsern wesentlichen Bedürfnissen. Sudelbuch J 231
Die Superklugheit ist eine der verächtlichsten Arten von Unklugheit. Sudelbuch J 233
Die gewöhnliche populäre Philosophie ist eigentlich bloß der Körper der Kantischen. Sudelbuch J 235
Kantische Philosophie sprechen zu lernen, im Alter geht es nicht mehr gut an, wie mit den Sprachen zu sprechen, indessen schreiben kann man sie noch immer lernen. Sudelbuch J 236
Bei meiner Nerven-Krankheit habe ich sehr häufig gefunden, dass das, was sonst bloß mein moralisches Gefühl beleidigte, nun in das physische überging. Als Dieterich einmal sagte: Mich soll Gott töten, so wurde mir so übel, dass ich ihm daher auf eine Zeit lang die Stube verbieten musste. Sudelbuch J 237
Es schicken wohl wenige Menschen Bücher in die Welt, ohne zu glauben, dass nun jeder seine Pfeife hinlegen oder sich eine anzünden würde, um sie zu lesen. Dass mir diese Ehre nicht zugedacht ist, sage ich nicht bloß, denn das wäre leicht, sondern ich glaube es auch, welches schon etwas schwerer ist und erlernt werden muss. Autor, Setzer, Korrektor, Zensor, der Rezensent kann es lesen, wenn er will, aber nötig ist es nicht, das sind also von 1 000 000 000 grade 5. Sudelbuch J 238
Und die künstlichen Ruinen fingen nun allmählich an natürliche zu werden. Ruinen vom 2ten Grad. Sudelbuch J 242
Die gemeinen Leute unter den Katholiken beten lieber einen Heiligen an, oder richten ihr Gebet an ihn als an den lieben Gott, so wie sich die Bauern immer lieber an die Bedienten halten. Gleich und gleich gesellt sich gern. Sudelbuch J 245
Vorstellung bezogen aufs Subjekt ist Empfindung aufs unmittelbare Objekt Anschauung. Sudelbuch J 247
Wenn der Frost des Todes meine Wange bereist. Sudelbuch J 251
Offenbarung macht nicht, dass ich eine Sache begreife, sondern dass ich sie, wenn sie Autorität hat, begreife. Aber welche Autorität kann mir etwas aufdringen zu glauben, das meiner Vernunft widerspricht? Gottes Wort allein. Aber haben wir denn ein Wort Gottes außer der Vernunft? Gewiss nicht. Denn dass die Bibel Gottes Wort ist, das haben Menschen gesagt, und Menschen können kein anderes Wort Gottes kennen als die Vernunft. Sudelbuch J 254
Lange vor Erfindung des Papsttums und des Fegfeuers war es schon gebräuchlich, für die Verstorbenen zu beten. Ich glaube, mich hat auch einmal die Liebe zu meiner Mutter verleitet, für sie zu beten. Es ist dieses weiter nichts als die Vermenschung, Vermenschlichung alles dessen, wovon wir nichts wissen und nichts wissen können, die man überall antrifft. Sudelbuch J 256
Wie sind wohl die Menschen zu dem Begriff von Freiheit gelangt? Es ist ein großer Gedanke gewesen. Sudelbuch J 261
Unsere Theologen wollen mit Gewalt aus der Bibel ein Buch machen, worin kein Menschenverstand ist. Sudelbuch J 262
Der Glaube an einen Gott ist Instinkt, er ist dem Menschen natürlich so wie das Gehen auf 2 Beinen, modifiziert wird er freilich bei manchen, bei manchen gar erstickt. Regulariter ist er da und ist zur Wohlgestaltheit des Erkenntnisvermögens unentbehrlich (zur innern Wohlgestalt). Sudelbuch J 266
Beide Systeme führen so gewiss einen verständigen Geist auf eins hinaus, dass man, um zu sehen, ob man in dem Spinozismus richtig ist, sich des deistischen bedienen kann, so wie man sich des Augenmaßes oft zur Probe der gnauesten Messungen bedient. Sudelbuch J 267
Aber so geht’s, wenn man Leuten durchs Auge deutlich machen will, was eigentlich, um vollkommen gefasst zu werden, gerochen werden muss. Sudelbuch J 269
Ich lobe mir die Leute, die Nerven haben wie 4-Pfennige-Stricke. Sudelbuch J 271
Ich glaube, Nervenkrankheiten können dienen, allerlei Verwandtschaft zu entdecken. Ich konnte mich verbrennen, schneiden, stechen pp, das tat mir alles nichts, aber die mindeste Gemütsbewegung riss mich hin. Vergebliches Bemühen von Leuten, etwas zu tun, z. E. wenn jemand ein Pferd nicht zum Stillestehen bringen konnte. Auch Musik war mir widerlich, und konnte ich mein eignes Klingeln, ja sogar Holz spalten mit einem Hackmesser auf dem Tische sehr gut vertragen. Sudelbuch J 274
Schmerz warnt uns, ja unsere Glieder nicht bis zum Zerbrechen anzustrengen. Was für Kenntnisse gehörten nicht dazu, dieses durch bloße Vernunft einzusehen. Es tut dem Baumeister nicht weh, wenn ein Brückenpfeiler zu schwach ist und Not leidet, so kann offenbarte Religion fühlbar machen, was durch Spinozismus zu berechnen zu schwer wäre und man darüber zugrunde gehen könnte. Sudelbuch J 287
Der berühmte Campe sagte mir einmal, dass ihm das deutsche Wort Schrank unbeschreiblich unangenehm klinge. Sudelbuch J 288
Wer weniger hat, als er begehret, muss wissen, dass er mehr hat als er wert ist (nicht πμ). Sudelbuch J 289
Ein gewisser Teil seines Leibes wusste gar nicht Zeit und Stunde zu halten, ob er gleich zu beiden Seiten desselben eine Uhr gesteckt hatte. Sudelbuch J 295
Statt zu übersetzen, sollten sich Köpfe, die nichts Besseres zu tun wissen, auf das Registermachen legen. Sudelbuch J 296
Salbung ist ein recht gutes Wort [für] Gefühle von Pflicht, die nicht gelehrt, und Empfindungen, die weniger beschrieben werden können, als viele andere. Sudelbuch J 306
Wenn wir wirklich die freien Wesen wären, die man uns zu sein glauben machen will, so müssten unsere Gedanken mehr zurückwirken können. Wir müssten Donnerwetter durch ernstliches Wollen aufhalten können, so aber wird unser sogenannter Geist durch die Umstände determiniert, er selbst aber kann nicht zurückwirken, sondern er determiniert bloß leidend wieder den Körper pp. Sudelbuch J 307
Hier wo die Krankheiten so wohlfeil und die Arzneien so teuer sind. Sudelbuch J 308
Hinten hat er einen falschen Zopf eingebunden und vornen ein frommes Gesicht, das nicht viel echter war, auch zuweilen wie jener bei heftigen Bewegungen ausfiel. Sudelbuch J 310
Das Zimmer war ganz leer, ein bisschen Sonnenschein aus der zweiten Hand ausgenommen, das auf der Erde lag. Sudelbuch J 313
Es war des seligen Meisters Sache nicht, Bücher zu schreiben, worin das Beste immer andern Leuten zugehört. Sudelbuch J 315
Übe, übe deine Kräfte, was dich jetzt Mühe kostet, wird endlich maschinenmäßig werden. Sudelbuch J 322
Das Wort Organisation, das jetzt von den Franzosen so häufig gebraucht wird, könnte recht gut von Gelehrsamkeit gesagt werden. Man muss Hypothesen und Theorien haben, um seine Kenntnisse zu organisieren, sonst bleibt alles bloßer Schutt, und solche Gelehrten gibt es in Menge. Sudelbuch J 325
Meine Fantasie scheute, so wie Pferde, und lief fort mit mir. Dieses drückt meinen Zustand in der Empfindlichkeit am besten aus. Sudelbuch J 326
Dieses ist noch das leise Nachhallen eines schweren Donnerschlags des Aberglaubens (Gewissens pp). Sudelbuch J 336
Die Wörter-Welt. Sudelbuch J 340
Wenn es noch ein Tier gäbe dem Menschen an Kräften überlegen, das sich zuweilen ein Vergnügen machte, mit ihm zu spielen, wie die Kinder mit Maikäfern, oder sie in Kabinetten aufspießte wie Schmetterlinge. Ein solches Tier würde wohl am Ende ausgerottet werden, zumal wenn es nicht an Geisteskräften dem Menschen sehr weit überlegen wäre. Es würde ihm unmöglich sein, sich gegen die Menschen zu halten. Es müsste ihn dann verhindern, seine Kräfte im mindesten zu üben. Ein solches Tier ist aber wirklich der Despotismus, und doch hält er sich noch an so vielen Orten. Bei der Geschichte des Tieres muss aber auch angenommen werden, dass das Tier den Menschen nicht wohl entbehren kann. Sudelbuch J 342
Man könnte die katholische Religion die Gottfresserin nennen. Sudelbuch J 352
Einige spielten schlecht und andere noch schlechter. Sudelbuch J 353
Diese ganze Lehre taugt zu nichts, als darüber zu disputieren. Sudelbuch J 361
Er ist noch mit einem blauen Auge davongekommen, der eine Blauaugigte heiratet. Sudelbuch J 369
Das ist die Wetterseite meiner moralischen Konstitution, da kann ich was aushalten. Sudelbuch J 371
Gerechtigkeit und Wohlwollen, Zwangs- und Gewissenspflichten, Naturrecht und Moral. Sudelbuch J 378
Er lag sehr gerne antipodisch bei seiner Frau im Bette, à l’antipode. Sudelbuch J 381
Immer Stillschweigen gebietend und nie verschwiegen. Sudelbuch J 384
Es ist und bleibt doch allemal eine sonderbare Redensart zu sagen: Die Seele ist in mir, sie ist im Leibe, da man sagen sollte, ich bin das, man sagt ja auch nicht, die Ründe ist in der Kugel pp. Es ist bloß die Ähnlichkeit, die uns hier verführt. Gleichheit ist etwas Objektives, allein Ähnlichkeit ist subjektiv. Med Sudelbuch J 386
Man könnte Gott auch den Unbekannten Obern nennen, dessen Jesuiten die Theologen sind. Sudelbuch J 387
Unsere Inversionen in der Sprache haben das Nachteilige, dass wir dem Ausländer oft fade vorkommen müssen, der sie unmöglich alle verstehen kann, da sie bei dem Volke selbst erlernt werden müssen. Es wäre besser, wir sprächen weniger in Inversionen. Sudelbuch J 396
Die Fliege, die nicht geklappt sein will, setzt sich am sichersten auf die Klappe selbst. Sudelbuch J 397
Man wirft der Corporation von der City of London vor, dass sie aus Leuten besteh, die meistens als Individua sehr würdige Männer sind, aber in corpore gewöhnlich sehr einfältige Streiche machen. Grade wie unsere Theologen. Sudelbuch J 407
Rousseau sagt: Ein Kind, das nur seine Eltern kennenlernt, das kennt auch diese nicht. Sehr schön und wahr. Sudelbuch J 414
Eine Schraube ohne Anfang. Sudelbuch J 415
Keine Klasse von Stümpern wird von den Menschen mit größerer Nachsicht behandelt als die prophetischen. Wer sollte wohl denken, dass, da die Kalender tausendmal irren, da man weiß, dass sie bloß aus dem Kopf hingeschrieben werden, allenfalls nach einem Modell von einigen vorhergehenden Jahren, [man ihnen glaubte], und doch glaubt man ihnen. Sudelbuch J 416
Milchstraße von Betrachtungen. Physikalische Milchstraße ein prahlhafter Titul. Sudelbuch J 418
Hinlänglicher Stoff zum Stillschweigen. Sudelbuch J 419
Das Wahrheits-Gefühl. Sudelbuch J 420
Wenn ich mit jemanden rede, so bemerke ich gleich, ob er Elastizität hat oder ob er jedem Druck nachgibt. Die Barbiere sind alle weich. Kästner ist hart. Meister war elastisch. Sudelbuch J 423
Wenn man viel selbst denkt, so findet man viele Weisheit in die Sprache eingetragen. Es ist wohl nicht wahrscheinlich, dass man alles selbst hineinträgt, sondern es liegt wirklich viel Weisheit darin, so wie in den Sprichwörtern. Sudelbuch J 424
Ein Glaubens-Sklave. Sudelbuch J 427
Er hatte im Prügeln eine Art von Geschlechtstrieb, er prügelte nur seine Frau. Sudelbuch J 429
Sie setzte, wie, glaube ich, Crébillon sagt, die Tugend mehr im Bereuen der Fehler als im Vermeiden. Sudelbuch J 431
S. war ein viel zu niederträchtiger Mensch, als dass es ihn lange hätte schmerzen sollen, bei irgendeiner einträglichen Gelegenheit einmal öffentlich dafür gehalten zu werden. Sudelbuch J 436
Ich war zuweilen nicht im Stande zu sagen, ob ich krank oder wohl war. Sudelbuch J 440
Solche gestempelte Konventions-Köpfe. Sudelbuch J 448
Ein Fisch, der in der Luft ertrunken war. Sudelbuch J 450
Das ist keine Menschen-Stimme, aber Instrumental-Musik (transzendental). Sudelbuch J 460
Er urteilt nach dem jedesmaligen Aggregatzustand seiner Empfindungen. Sudelbuch J 463
Die beste Art, Lebende und Verstorbene zu loben, ist, ihre Schwachheiten zu entschuldigen und dabei alle mögliche Menschenkenntnis anzuwenden. Nur keine Tugenden angedichtet, die sie nicht besessen haben, das verdirbt alles und macht selbst das Wahre verdächtig. Entschuldigung von Fehlern empfiehlt den Lobenden. Sudelbuch J 468
Der berühmte Geizhals John Elwes pflegte zu sagen: Wer einen Bedienten hält, dessen Arbeit wird ganz getan, wer zwei hält, nur halb, und wer drei hält, muss sie selbst tun. Sudelbuch J 469
Ich habe den Weg zur Wissenschaft gemacht wie Hunde, die mit ihren Herren spazieren gehen, hundert Mal dasselbe vorwärts und rückwärts, und als ich ankam, war ich müde. Sudelbuch J 470
Er wurde nur so in dieser Gesellschaft geduldet, wie die Stinkböcke in Pferdeställen. Sudelbuch J 474
Die Gesundheit ansteckend. Sudelbuch J 477
Man kann von keinem Gelehrten verlangen, [dass er] sich in Gesellschaften überall als Gelehrter zeige, allein der ganze Tenor muss den Denker verraten, man muss immer von ihm lernen, seine Art zu urteilen muss auch in den kleinsten Dingen von der Beschaffenheit sein, dass man sehen kann, was daraus werden wird, wenn nun der Mann mit Ruhe und in sich gesammelt wissenschaftlichen Gebrauch von dieser Kraft macht. Sudelbuch J 478
»Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen.« Sudelbuch J 480
Solche Leute schützen eigentlich das Christentum nicht, sie lassen sich aber dadurch schützen. Sudelbuch J 485
Er hatte ein paar Stückchen auf der Metaphysik spielen gelernt. Sudelbuch J 488
Anderer Leute Wein auf Bouteillen ziehn und sich dabei ein bisschen benebeln, dass man glaubt, er gehöre ihm. So etwas tun die meisten deutschen Schriftsteller. Sudelbuch J 490
Der Liebe- und Mode-Beflissene. Sudelbuch J 495
In den Schriften berühmter Schriftsteller, aber mittelmäßiger Köpfe findet man immer höchstens das, was sie einem zeigen wollen, da in den Schriften des systematischen Denkers, der alles mit seinem Geiste umfasst, man immer das Ganze sieht und wie jedes zusammenhängt. Erstere suchen und finden ihre Nadel bei dem Licht eines Schwefelhölzchens, das nur an der Stelle leuchtet und kümmerlich, wo es sich befindet, da die andern ein Licht anzünden, das sich über alles erstreckt. Sudelbuch J 496
Man kann wirklich nicht wissen, ob man nicht jetzt im Tollhaus sitzt. Sudelbuch J 501
Die meisten Glaubens-Lehrer verteidigen ihre Sätze, nicht weil sie von der Wahrheit derselben überzeugt sind, sondern weil sie die Wahrheit derselben einmal behauptet haben. Sudelbuch J 502
Von dem Ruhme der berühmtesten Menschen gehört immer etwas der Blödsichtigkeit der Bewunderer zu, und ich bin überzeugt, dass solchen Menschen das Bewusstsein, dass sie von einigen, die weniger Ruhm, aber mehr Geist haben, durchgesehen werden, ihren ganzen Ruhm vergällt. Eigentlicher ruhiger Genuss des Lebens kann nur bei Wahrheit bestehn. Newton, Fränklin, das waren Menschen, die beneidenswert sind. Sudelbuch J 503
Nichts beweist mir so deutlich, wie es in der gelehrten Welt hergeht, als der Umstand, dass man den Spinoza so lange für einen bösen nichtswürdigen Menschen und seine Meinungen für gefährlich gehalten hat; so geht es ebenfalls mit dem Ruhm so vieler andern. Sudelbuch J 504
Die Deutschen schreiben die Bücher, aber die Ausländer machen, dass sie sie schreiben können. Sudelbuch J 505
Ob mich ein paar alter Weiber tot sagen, deswegen sterbe ich noch nicht. Sudelbuch J 511
Am Ende führt alles auf die Frage hinaus: Entsteht der Gedanke aus Bewegung oder Bewegung aus Gedanke? Wie Garve sehr schön in seinen Anmerkungen zu Fergusons Moralphilosophie gezeigt hat. Dieses ist das erste Religions-Prinzip, und die Beantwortung der Frage, ist die Bewegungskraft oder die Denkkraft das erste Reelle? gibt die äußerste Grenze des Theismus und Atheismus an. Sudelbuch J 512
Nach einem dreißigjährigen Krieg mit sich selbst kam es endlich zu einem Vergleich, aber die Zeit war verloren. Sudelbuch J 516
Mir tut es allemal weh, wenn ein Mann von Talent stirbt, denn die Welt hat dergleichen nötiger als der Himmel. Sudelbuch J 520
Bei einer undeutlichen Hand lernt man Buchstaben kennen durch Erkennung der Worte. Ebenso führt der Sinn auf die wahre Bedeutung der Worte in einer Periode und endlich der Sinn des Kapitels auf den von einzelnen Perioden. Sudelbuch J 521
Ich hätte nicht geglaubt, dass man mit Gänsefedern so viel einfältiges Zeug machen könnte, wenigstens nicht, ohne Tinte mit zu Hilfe zu nehmen. Sudelbuch J 522
Es ist kein tückischeres und boshafteres Geschöpf unter der Sonne als eine Hure, da [sie] sich Alters wegen genötigt sieht, eine Betschwester zu werden. Sudelbuch J 525
Was mögen wohl die Huren in den alten Zeiten geworden sein? Ob es da wohl auch Betschwestern gab? Sudelbuch J 526
Einige Menschen von der Klasse der sogenannten Gottseligen, die aber der Teufel selbst nicht besser für sich verlangen könnte. Sudelbuch J 530
Das, was man wahr empfindet, auch wahr auszudrücken, das heißt mit jenen kleinen Beglaubigungszügen der Selbstempfindung, macht eigentlich den großen Schriftsteller, die gemeinen bedienen sich immer der Redensarten, das immer Kleider vom Trödelmarkt sind. Sudelbuch J 536
Die schlechten Dichter und Romanschreiber überlassen manches dem Lauf der Natur und der Anordnung des Lesers, was sie eigentlich erklären sollten. Sie geben die bloßen Erfahrungen, die der eigentliche Kenner des menschlichen Herzens erklärt. Sudelbuch J 539
Steckbriefe nachschicken, wo man mir einen Gedanken abborgte und sich zueignete. Sudelbuch J 542
Die Vorstellung, die wir uns von einer Seele machen, hat viel Ähnliches mit der von einem Magneten in der Erde. Es ist bloß Bild. Es ist ein dem Menschen angeborenes Erfindungsmittel, sich alles unter diesen Formen zu denken. Sudelbuch J 549
Jetzt fließt der Märtyrer-Wein in Frankreich. Sudelbuch J 558
Ein Geschöpf höherer Art lässt die ganze Geschichte der Welt repetieren, so wie man die Uhren repetieren lässt. Sudelbuch J 561
Der Gang der Jahrzeiten ist ein Uhrwerk, wo ein Kuckuck ruft, wenn es Frühling ist. Sudelbuch J 562
Der Rheinwein ist der beste, in welchen der Rhein und die Mosel gar nicht geflossen ist. Sudelbuch J 567
Ein Vater sagt: Der verfluchte Junge macht es gerade so wie ich, ich will ihn prügeln, dass er des Teufels wird. Sudelbuch J 570
Reich gewesen, schön gewesen, alles gewesen. Sudelbuch J 571
In den Annalen der Klatschkünste ist desgleichen nicht anzutreffen. Sudelbuch J 574
Eine Art von Gang, als wenn er in seinen Kopf kriechen wollte. Sudelbuch J 575
Er konnte einen Gedanken, den jedermann für einfach hielt, in sieben andere spalten wie das Prisma das Sonnenlicht, wovon einer immer schöner war als der andere, und dann einmal eine Menge anderer sammeln und Sonnenweiße hervorbringen, wo andere nichts als bunte Verwirrung sahen. Sudelbuch J 577
Es ist eine sehr weisliche Einrichtung unserer Natur, dass wir so viele äußerst gefährliche Krankheiten gar nicht fühlen. Könnte man den Schlagfluss von seiner ersten Wurzel an verspüren, er würde mit unter die chronischen Krankheiten gezählt werden. Sudelbuch J 581
Der Dachdecker stärkt sich vielleicht durch ein Morgengebet zu den größten Gefahren, das sind glückliche Menschen, die das können; vielleicht aber auch durch eine Dosis von gebranntem Katzenhirn. O wenn man manchmal wüsste, was den Leuten Mut gibt! Sudelbuch J 589
Der vollkommenste Affe kann keinen Affen zeichnen, auch das kann nur der Mensch, aber auch nur der Mensch hält dieses zu können für einen Vorzug. Sudelbuch J 593
Wer eine Scheibe an seine Gartentür malt, dem wird gewiss hineingeschossen. Sudelbuch J 594
Ein Charakter: Von allem nur das Schlimmste zu sehen, alles zu fürchten, selbst Gesundheit als einen Zustand anzusehen, da man seine Krankheit nicht fühlt; ich glaube, keinen Charakter würde ich glücklicher durchsetzen können als diesen. Sudelbuch J 595
Seinen Neigungen schlechtweg entgegenzuhandeln führt gewiss am Ende zu etwas Besserem. Z. E. mein gar nicht Trinken bei Tische. Sudelbuch J 596
Ich habe schon lange gedacht, die Philosophie wird sich noch selbst fressen. – Die Metaphysik hat sich zum Teil schon selbst gefressen. Sudelbuch J 600
Es ist zuweilen vorteilhaft, das Gleichnis voraus zu machen, ein unerlaubter Schönschreiber Kunstgriff, der aber doch gebraucht wird. Zur Probe. Sudelbuch J 606
Die Entschuldigungen seiner Fehler nehmen sich zum Teil gut aus, sie tragen aber zur Besserung seines Fehlwurfs gemeiniglich so wenig bei als beim Kegeln das Nachhelfen mit Kopf, Schultern, Armen und Beinen, wenn die Kugel schon aus der Hand ist, es ist mehr Wunsch als Einwirkung. Sudelbuch J 607
Ein Mann, der seinen ganzen Ruf der Neigung der Menschen zu danken hat, von seinen Bekannten etwas Böses zu lesen. Sudelbuch J 608
Hierüber wollen wir das Gras hinwachsen lassen. Sudelbuch J 612
In Spanien, wo die Königreiche gemeiner sind als in Deutschland, ist auch eins das Granada heißt. Sudelbuch J 616
Ich habe mir zur Regel gemacht, dass mich die aufgehende Sonne nie im Bette finden sollte, solange ich gesund bin. Es kostete mich nichts als das Machen, denn ich habe es bei Gesetzen, die ich mir selbst gab, immer so gehalten, dass ich sie nicht eher festsetzte, als bis mir die Übertretung fast unmöglich war. Sudelbuch J 618
Seit einigen Tagen (22. April 91) lebe ich unter der Hypothese (denn ich lebe beständig unter einer), dass das Trinken bei Tisch schädlich ist, und befinde mich vortrefflich dabei. Hieran ist gewiss etwas Wahres. Denn ich habe noch von keiner Änderung in meiner Lebensart und von keiner Arznei so schnell und handgreiflich die gute Wirkung empfunden als hiervon. Sudelbuch J 619
Ich habe überhaupt sehr viel gedacht, das weiß ich, viel mehr als ich gelesen habe, es ist mir daher sehr viel von dem unbekannt, was die Welt weiß, und daher irre ich mich oft, wenn ich mich in die Welt mische, und dieses macht mich schüchtern. Könnte ich das alles, was ich zusammengedacht habe, so sagen, wie es in mir ist, nicht getrennt, da möchte sich manches nicht zum Besten ausnehmen, so würde es gewiss den Beifall der Welt erhalten. Sudelbuch J 620
Gleichnisweise: Er trägt immer Sporen, reitet aber nie. Sudelbuch J 627
Der König von Frankreich ist jetzt bloßer Pensionär von Frankreich. Sudelbuch J 629
Die praktische Vernunft oder der moralische Sinn, durch letztern Ausdruck wird es manchem deutlicher, was man mit ersterem meint. Sudelbuch J 636
Ich glaube, man würde immer blühen wie die Jugend, wenn man immer so sorglos sein könnte, oder macht, umgekehrt, die Blüte sorglos? Sudelbuch J 638
Wenn es der Himmel für nötig und nützlich finden sollte, mich und mein Leben noch einmal neu aufzulegen, so wollte ich ihm einige nicht unnütze Bemerkungen zur neuen Auflage mitteilen, die hauptsächlich die Zeichnung des Porträts und den Plan des Ganzen angehen. Sudelbuch J 639
Es ist zum Erstaunen, wie sehr das Wort unendlich gemissbraucht wird, alles ist unendlich schöner, unendlich besser pp. Der Begriff muss etwas Angenehmes haben, sonst hätte der Missbrauch nicht so allgemein werden können. Was haben die Alten davon? Sudelbuch J 641
Er verachtet mich, weil er mich nicht kennt, und ich seine Beschuldigungen, weil ich mich kenne. Sudelbuch J 644
Eine beträchtliche Wolke von angezeigten Druckfehlern beschattet den Beschluss. Sudelbuch J 649
Er war in der Zeugungs-Gegend ein wahrer Presbyt und wünschte oft herzlich, dass man auch für jenen Sinn Brillen schleifen könnte. Sudelbuch J 651
Er hatte das eigne, dass er nie schlechte Bücher las, aber dafür selbst welche schrieb, zum sichern Beweis, dass er entweder nicht verstanden, was er gelesen, oder doch das Gute nicht so gefasst haben muss, wie es gefasst werden muss. Sudelbuch J 654
Man kann wirklich, wenn man in einem schlechten Wagen sitzt, ein solches Gesicht machen, dass der ganze Wagen gut aussieht, auch vom Pferd gilt das. Sudelbuch J 655
Jedermann ist sehr bereitwillig, durch Schaden klug zu werden, wenn nur der erste Schade, der dieses lehrt, wieder ersetzt wäre. Sudelbuch J 656
Als ich dieses gesehen hatte und den Anblick nun so ganz für mein künftiges Leben gesichert sah, ging ich weg mit einem Gefühl, als wäre ich reicher geworden. Sudelbuch J 660
Es mag ein Einfall noch so einfältig sein, er reguliert immer etwas und herrscht irgendwo. Das Gesicht im Mond herrscht in unsern Kalenderzeichen. Sudelbuch J 662
Es gibt für mich keine gehässigere Art Menschen als die, welche glauben, dass sie bei jeder Gelegenheit ex officio witzig sein müssten. Sudelbuch J 664
Wir sind doch am Ende nichts weiter als eine Sekte von Juden. Sudelbuch J 667
Sehr viele und vielleicht die meisten Menschen müssen, um etwas zu finden, erst wissen, dass es da ist. Sudelbuch J 668
Der gesunde Appetit unsrer Vorfahren zu essen scheint sich jetzt in einen nicht ganz so gesunden Appetit zu lesen verwandelt zu haben, und so wie ehmals die Spanier zusammenliefen, die Deutschen essen zu sehen, so kommen jetzt die Fremden zu uns, uns studieren zu sehen. Sudelbuch J 670
Es ließe sich etwas über Übersetzungs-Kunst schreiben, das ganz nützlich werden könnte. Ich meine die, die Sprache der gemeinen Leute und ihre Behandlungs-Art in die eigentliche Sprache unseres Lebens zu übersetzen. Die gemeinen Leute drücken sich oft sehr fürchterlich und mit Gelächter über Dinge aus, von denen sie, in unsere Sprache übersetzt, ganz anders zu reden scheinen würden, oder wirklich reden würden. Wir denken über die Vorfälle des Lebens nicht so verschieden, als wir darüber sprechen. Sudelbuch J 672
Die Christen begießen das Pflänzchen, und die Juden beschneiden es. Sudelbuch J 676
Man hat vieles über die ersten Menschen gedichtet, es sollte es auch einmal jemand mit den beiden letzten versuchen. Sudelbuch J 677
Die Kosmographen werden freilich keine nordwestliche Durchfahrt finden, aber die Pelzhändler, man würde selbst in philosophischen Dingen sehr viel weiter sein, wenn man die Untersuchungen so einrichten könnte, dass der Gewürz- oder Pelzhandel dadurch befördert würde. Sudelbuch J 680
Das Bilderbuch der Welt. Sudelbuch J 682
Ein System: Jeder Mensch kommt durch Seelenwanderung in den Zustand, den er in seinem Leben vorzüglich beneidete und wünschte, so geht alles endlich in einem Zirkel, und kein Stand wird ganz leer sein. Sudelbuch J 685
Ja freilich, wenn wir den Schnupftabak hätten, der neben den Nasen vorbeigeht! Bei der Zeugung geht es ebenso zu. Überhaupt bei jedem wichtigen Prozess geht immer etwas verloren im Physischen sowohl als im Moralischen. Sudelbuch J 689
Ich glaube doch, dass, in Vergleich mit dem Engländer, die Vernunft bei dem Deutschen mehr vertuscht, was eigentlich gar nicht einmal stattfinden sollte. Der Deutsche lacht zum Exempel bei mancher Gelegenheit nicht, weil er weiß, dass es unschicklich ist, wobei dem Engländer das Lachen gar nicht einfällt. Sudelbuch J 691
Um den Menschen nützliche Wahrheiten zu predigen, ist alles erlaubt, was niemanden schadet oder kränkt, also auch Feenmärchen. Kein Mensch findet es mehr absurd, dass die Tiere in der Fabel sprechen, warum sollte er es abgeschmackt finden, dass es Perlen regnet? Ein weiser Mann wird mehr tun als mancher Zauberer in einem Feenmärchen, wenn er einen Dummkopf weise machen könnte, warum soll er nicht in der Absicht etwas dichten. Sudelbuch J 692
Einer der merkwürdigsten Züge in meinem Charakter ist gewiss der seltsame Aberglaube, womit ich aus jeder Sache eine Vorbedeutung ziehe und in einem Tage hundert Dinge zum Orakel mache. Ich brauche es hier nicht zu beschreiben, indem ich mich hier nur allzu wohl verstehe. Jedes Kriechen eines Insekts dient mir zu Antworten über Fragen über mein Schicksal. Ist das nicht sonderbar von einem Professor der Physik? Ist es aber nicht in menschlicher Natur gegründet und nur bei mir monströs geworden, ausgedehnt über die Proportion natürlicher Mischung, wo es heilsam ist? Sudelbuch J 694
Die Kasernen der Bienen. Sudelbuch J 697
Er war kein Sklave seines Worts, wie man zu reden pflegt, gegenteils war eine solche Despotie über seinen Versprechungen, dass er mit ihnen machte, was er wollte. Sudelbuch J 698
Wir sind so eingerichtet, dass wir wohl selten gültige Richter dessen sein werden, was uns nützlich ist. In diesem Leben ist dieses der Fall, wer will uns gut dafür sein, dass es in Rücksicht auf künftiges Leben nicht ebenso ist? Wen Gott lieb hat, den züchtiget er. Wie wenn es nun hieße, wen Gott lieb hat, den vernichtet er? Sudelbuch J 704
Wir haben eigentlich nur Ableger von Romanen und Komödien. Aus dem Samen werden wenige gezogen. Sudelbuch J 709
Bei einem Menschen, der mit Gottesfurcht prahlt, muss man nie eigentliche christliche Gesinnungen suchen. Sudelbuch J 711
Mein großer Trost, oder eigentlich was mir die süßeste Rache bei K’s Sticheleien auf mich und andere gewährt, ist die völlige Überzeugung, dass nie ein großer und ein guter Mann solcher Neckereien fähig war. Sudelbuch J 714
Auf die Blüte folgt die unreife Frucht, die Blüte ist in sich eine Vollkommenheit. Ebenso ist es mit dem Menschen. Der Jüngling wird für vollkommener gehalten als der Mann von 30, 40 Jahren, und dann kömmt erst wieder ein vollendeter Zustand, die Reife. Sudelbuch J 716
Erst verwirft Bosheit und Neid den Satz, und dann erst sucht synkretistischer Grundsätze loser Witz die Gründe der Verwerfung, das sind mir Philosophen, dass Gott erbarme. Sudelbuch J 719
Es wagen sich viele Leute in Fächer, in denen man nichts von ihnen erwartet, teils weil die Verwunderung des Publikums es selbst etwas blind gegen Mängel macht, und dann weil die Leute selbst die Schwierigkeiten eines solchen Fachs nicht so gut kennen als das, worin sie sich beschäftigt haben. Sudelbuch J 722
Die Kinder und die Narren reden die Wahrheit, sagt man; ich wünsche, dass jeder gute Kopf, der Neigung zur Satire bei sich verspürt, bedenken möchte, dass der beste Satiriker immer etwas von beiden enthält. Sudelbuch J 724
Wenn die Rhein- und Moselweine gut sein sollen, so ist es nötig, dass so wenig vom Rhein und der Mosel selbst hineinfließe, als möglich ist. Sudelbuch J 726
Die Form des Schachspiels und selbst des Talmuds und der alten Scholastischen Philosophie sind gut, aber die Materie taugte nicht viel. Es wurden Kräfte geübt, aber was man dabei lernt, hat keinen Wert. Sudelbuch J 727
Gradeso wie manche Menschen das für göttlich halten, was keinen vernünftigen Sinn hat. Das Vergnügen an dem Anblick unnützer algebraischer Rechnungen, die man selbst gemacht hat, gehört mit in diese Klasse. Sudelbuch J 728
Neue Bäder heilen gut. Sudelbuch J 729
Durch vieles Lesen lernt man sogar Versuche gut erzählen, die man sehr schlecht angestellt hat. Sudelbuch J 742
Die Hermeneutik der Hypochondrie. Sudelbuch J 748
Alle Wünsche sind ein bloßes Nerven-Spiel, und das umgebende Mittel pflanzt sie nicht zu meinem Willen fort. Meine Furcht und sehnlichster Wunsch ist nicht imstand, den leichten Nebel einer Donnerwolke aufzuhalten. Sie zieht den Gang, der ihr angewiesen ist. Der Mensch ist nicht in den Erdball einorganisiert, sondern bloß in seinen Körper. Sudelbuch J 753
Schmucklos ist ja noch nicht geschmacklos. Sudelbuch J 756
Die Degen, welche die größten Eroberungen machen, sind die mit Diamanten besetzten. Sudelbuch J 759
Ich verkaufte wie Esau mein Geburts-Recht, in die Fakultät zu treten, gegen etwas Ruhe. Sudelbuch J 762
Offensiver und defensiver Stolz. Sudelbuch J 764
Vom Wahrsagen lässt sich’s wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit-Sagen. Sudelbuch J 765
Wir wissen mit weit mehr Deutlichkeit, dass unser Wille frei ist, als dass alles, was geschieht, eine Ursache haben müsse. Könnte man also nicht einmal das Argument umkehren und sagen: Unsre Begriffe von Ursache und Wirkung müssen sehr unrichtig sein, weil unser Wille nicht frei sein könnte, wenn die Vorstellung richtig wäre? Sudelbuch J 768
Sympathie ist ein schlechtes Almosen. Sudelbuch J 769
Mancher Schriftsteller, sobald er ein bisschen Beifall erhält, glaubt, alles von ihm interessiere die Welt. Der Schauspiel-Schmierer Kotzebue hält sich sogar berechtigt, dem Publiko zu sagen, dass er seiner sterbenden Frau ein Klistier gesetzt habe. Sudelbuch J 772
Sie zog eine Lieb- und Leibrente. Sudelbuch J 773
A. Kann es auch schönes Wetter werden, wenn das Barometer fällt? B. werden nicht, aber bleiben, wenn es war. (pattern) Sudelbuch J 774
Mäßigkeit setzt Genuss voraus, Enthaltsamkeit nicht. Es gibt daher mehr enthaltsame Menschen als solche, die mäßig sind. (besser) Sudelbuch J 780
Es ist die Redekunst, die vor der Überzeugung einher tritt und ihren Pfad mit Blumen bestreut. Sudelbuch J 783
An dem Ufer des mittelländischen Meeres lagen die 4 größten Reiche der Welt, das Assyrische, das Persische, Griechische und Römische. Johnson. Sudelbuch J 787
Einer überhüpft bei Vorlesung der Messiade immer eine Zeile, und die Stelle wird doch bewundert. Sudelbuch J 788
Es könnte ein Ohr geben, für welches alle Völker nur eine Sprache redeten. Sudelbuch J 793
Nach Smeathman’s Bericht haben die Ameisen einen weidenden Elefanten angefallen und ganz skelettiert. Sudelbuch J 806
Die Menschen nach den Häusern ordnen, worin sie wohnen wie die Schnecken. Sudelbuch J 808
Zwei Personen, die sich einander nicht lieben, wovon aber jede die andere in sich verliebt machen möchte, und zwar zu dem Grade, dass sie entweder vor Liebe stürben oder sich entleibten, schreiben einander Briefe. So etwas könnte lustig werden. Sudelbuch J 812
Die Menschen, die erst die Vergebung der Sünden durch lateinische Formeln erfunden haben, sind an dem größten Verderben in der Welt schuld. Sudelbuch J 820
Darin, dass man große Krieger bewundert, liegt etwas Natürliches, so wie in der Eroberungssucht, das erste korrespondiert mit Schönheit und Leibesstärke, das andere mit Wohlstand, es wird auch daher nie aus der Welt hinausphilosophiert werden können. Sudelbuch J 821
B. Ja, aber ohne Luft auch nicht, es ist gut, wenn es einem einmal ein bisschen knapp geht. Sudelbuch J 823
Die Evangelischen und die Unevangelischen. Sudelbuch J 827
Da gnade Gott denen von Gottes Gnaden. Sudelbuch J 835
A. Der Mann hat viele Kinder. B. Ja, aber ich glaube, von [den] meisten hat er bloß die Korrektur besorgt. Sudelbuch J 842
Die meisten deutschen Romane und Satiren kommen mir vor wie die Fischeridyllen, es wird immer bloß vom Handwerk gesprochen. Das Beste geht immer über Rezensenten, schlechte Poeten und Nachdrucker und Studenten los. Sudelbuch J 843
Das sind die Schurken, die wie der Schurke Kotzebue die Religion so treiben wie der chinesische Kaiser das Pflügen oder die Hunde das Grasfressen. Sudelbuch J 845
Einer von den Neger-Sklaven in den Plantagen der Literatur. Sudelbuch J 849
Da der Mensch toll werden kann, so sehe ich nicht ein, warum es ein Weltsystem nicht auch werden kann. Dieses passt gut auf Dolomiens Hypothese. Sudelbuch J 854
Eine der sonderbarsten Einbildungen, deren man fähig ist, wäre die, dass man glaubte, man sei rasend und man säße im Tollhause, übrigens aber ganz vernünftig handelte. Wenn jemand einmal zu dieser Überzeugung käme, so sehe ich fürwahr nicht ein, wie man sie ihm ausreden wollte. Sudelbuch J 856
Außer der Zeit gibt es noch ein anderes Mittel, große Veränderungen hervorzubringen, und das ist die – Gewalt. Wenn die eine zu langsam geht, so tut die andere öfters die Sache vorher. Sudelbuch J 858
Man hat Nachtstühle, die wie aufeinandergelegte Folianten aussehen. Einige Schriftsteller scheinen Gefallen an der umgekehrten Methode zu finden und Bücher zu schreiben, die sich wie Nachtstühle präsentieren. Sudelbuch J 864
Es ist kein witziger Einfall, sondern die lautere Wahrheit, dass vor der Revolution die Jagdhunde des Königs von Frankreich mehr Gehalt hatten, als die Akademie der Inschriften. S. Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften. Band 44. Stück 2 p. 234. Die Hunde 40 000, die Akademisten 30 000, Hunde waren 300, Mitglieder [der] Akademie 30. Sudelbuch J 870
Die Welt ist nicht da, um von uns erkannt zu werden, sondern uns in ihr zu bilden. Das ist eine Kantische Idee. Sudelbuch J 876
Einen Parakletor zu schreiben mit allem nur möglichen Aufwand von Witz. Sudelbuch J 880
Die Türken berauschen sich auf dem trocknen Wege, mit Opium. Sudelbuch J 885
Wenn man Mitleid fühlt, so fragt man nicht erst andere Leute, ob man es fühlen soll. Sudelbuch J 887
Nachdem ich vieles menschenbeobachterisch und mit vielem schmeichelhaften Gefühl eigner Superiorität aufgezeichnet und in noch feinere Worte gesteckt hatte, fand ich oft am Ende, dass grade das das Beste war, was ich ohne alle diese Gefühle so ganz bürgerlich niedergeschrieben hatte. (sehr sehr wahr) Sudelbuch J 888
Die deutschen Despoten werden ein beförderndes Vorbeugen zustand bringen, was sonst nicht leicht entstanden wäre. Sudelbuch J 893
Von allem, was ausgerechnet wird in der Welt, geschehen 2/3 gedankenlos. Sudelbuch J 894
Ich habe lange nicht recht begreifen können, woher es kömmt, dass es mir so entsetzlich schwerfällt, in den Büchern mancher berühmter Polygraphen zu lesen, aber endlich merkte ich mir die Sache ab; es rührt daher, dass die Menschen sonst, in Vergleich mit wahrhaft großen Männern, so unbedeutend sind, dass einen gar nicht reizen kann zu wissen, was diese Menschen wissen. Sudelbuch J 895
Ora & non labora. Sudelbuch J 897
Eine intolerante Bestie von einem Hund kam herausgeschossen. Sudelbuch J 900
Ein Mathematiker war er nicht, dazu besaß er zu wenig Kopf und gesunden Menschenverstand, aber ein sehr großer analytischer Sprachmeister, welches man gar wohl ohne jene Eigenschaften zu besitzen sein kann. Sudelbuch J 902
Seitdem er die Ohrfeige bekommen hatte, dachte er immer, wenn er ein Wort mit einem O sah, als Obrigkeit pp, es hieße Ohrfeige. Sudelbuch J 903
Der Pater: Ihr seid Menschenfresser, Ihr Neuseeländer. Neuseeländer: Und Ihr seid Gottfresser, Ihr Pfaffen. Sudelbuch J 904
Wenn er eigne Meditationen schrieb, so hielt er sich ordentlich in seinem Schlafrock mit langen Ärmeln, wie die meisten Menschen, wenn er aber Exzerpte aus Reisebeschreibungen machte über die Gebräuche bei verschiedenen Völkern, so schrieb er wie ein Bäcker oder Metzger-Knecht in einer Weste ohne Ärmel mit dem Hemd über die Ellenbogen aufgestreift. So wie auch die Schuster arbeiten. Es sah vortrefflich aus. Sudelbuch J 906
In dem freien Frankreich, wo man jetzt aufknüpfen lassen kann, wen man will. Sudelbuch J 912
Die Welt jenseits der geschliffenen Gläser ist wichtiger als die jenseits der Meere und wird vielleicht nur von der jenseits des Grabes übertroffen. Sudelbuch J 914
Die Dachziegel mag manches wissen, was der Schornstein nicht weiß. Sudelbuch J 918
Selbst unsere häufigen Irrtümer haben den Nutzen, dass sie uns am Ende gewöhnen zu glauben, alles könne anders sein, als wir es uns vorstellen. Auch diese Erfahrung kann generalisiert werden, so wie das Ursachen-Suchen, und so muss man endlich zu der Philosophie gelangen, die selbst die Notwendigkeit des principii contradictionis leugnet. Sudelbuch J 919
Die beiden Begriffe von Sein und Nichtsein sind bloß undurchdringlich in unsern Geistesanlagen. Denn eigentlich wissen wir nicht einmal, was Sein ist, und sobald wir uns ins Definieren einlassen, so müssen wir zugeben, dass etwas existieren kann, was nirgends ist. Kant sagt auch so was irgendwo. Sudelbuch J 920
Es ist doch fürwahr zum Erstaunen, dass man auf die dunkeln Vorstellungen von Ursachen den Glauben an einen Gott gebaut hat, von dem wir nichts wissen und nichts wissen können, denn alles Schließen auf einen Urheber der Welt ist immer Anthropomorphismus. Sudelbuch J 921
Man ist nie glücklicher, als wenn uns starkes Gefühl bestimmt, nur in dieser Welt zu leben. Mein Unglück ist, nie in dieser, sondern in einer Menge von möglichen Ketten von Verbindungen zu existieren, die sich meine Fantasie unterstützt von meinem Gewissen, schafft, so geht ein Teil meiner Zeit hin, und keine Vernunft ist imstand, darüber zu siegen. Dieses verdiente sehr auseinandergesetzt zu werden. Lebe dein erstes Leben recht, damit du dein zweites genießen kannst. Es ist immer im Leben wie mit der Praxis des Arztes, die ersten Schritte entscheiden. Das ist doch Unrecht irgendwo, in der Anlage oder im Urteil? Sudelbuch J 925
Passabel auszudrücken, was andere Leute gedacht hatten, war seine ganze Stärke. Sudelbuch J 928
Das deutsche Genie ist sehr geneigt, in wissenschaftlichen Dingen statt der Sache selbst sich an die Literatur zu halten. Das deutsche Publikum, das selbst schon nach der Seite gestimmt ist, ist auch daher geneigt, diese Literatoren mit dem Ruhm zu krönen, der eigentlich dem Denker und dem Erweiterer der Wissenschaft allein gehört. Sudelbuch J 930
Es geht freilich sonderbar zu unter uns Erdreichern. Sudelbuch J 931
Man liest jetzt so viele Abhandlungen über das Genie, dass jeder glaubt, er sei eines. Der Mensch ist verloren, der sich früh für ein Genie hält. Sudelbuch J 933
Ist es nicht besonders, dass die katholischen Prediger immer ihre Gemeinden vor den protestantischen Schriften warnen müssen? Die protestantischen hingegen warnen die ihrigen nie vor den katholischen. Ja wäre ich ein protestantischer Prediger, ich würde, glaube ich, meiner Gemeinde die Lesung der sogenannten erzkatholischen Bücher als eines der stärksten Befestigungsmittel in ihrem Glauben empfehlen. Sudelbuch J 934
Bei aller meiner Bequemlichkeit bin ich immer in Kenntnis meiner selbst gewachsen, ohne die Kraft zu haben, mich zu bessern, ja ich habe mich öfters für alle meine Indolenz dadurch entschädigt gehalten, dass ich dieses einsah, und das Vergnügen, das mir die genaue Bemerkung eines Fehlers an mir machte, war oft größer als der Verdruss, den der Fehler selbst bei nur erweckte. So sehr viel mehr galt bei mir der Professor als der Mensch. Der Himmel führt seine Heiligen wunderlich. Sudelbuch J 935
Ohne Witz wäre eigentlich der Mensch gar nichts, denn Ähnlichkeit in den Umständen ist ja alles, was uns zur wissenschaftlichen Erkenntnis bringt, wir können ja bloß nach Ähnlichkeiten ordnen und behalten. Die Ähnlichkeiten liegen nicht in [den] Dingen, vor Gott gibt es keine Ähnlichkeiten. Hieraus folgt freilich der Schluss, je vollkommener der Verstand ist, desto geringer ist der Witz, oder es muss Seeleneinrichtungen geben, die so gespannt werden können wie manche Waagen (wieder Witz), dass man sie sowohl zum genau als roher Wiegen gebrauchen kann. Sudelbuch J 936
Mehr Dinge zu erfinden wie etwa der Schnupftabak, der allerdings eine gar seltsame Erfindung ist. Es ist doch wirklich, wenn man bedenkt, wie viel Wohlgerüche es in der Natur gibt, eine Art von Onanie. Sudelbuch J 937
Aus allem erhellt die stark belegte Zunge des Verfassers, wo bloßes Abschaben wenig hilft, sondern die Reinigung tiefer geschehen muss. Sudelbuch J 942
Eine goldne Regel: Man muss die Menschen nicht nach ihren Meinungen beurteilen, sondern nach dem, was diese Meinungen aus ihnen machen. – Ich fühle, dass ich nach der Meinung der Welt hiergegen nicht aushalte, ob ich gleich vor Gott überzeugt bin, dass ich es würde, wenn sie mich genauer kennte. Also das aus ihnen Machen muss genau beobachtet werden. Sudelbuch J 943
Selbst Christus befällt öfters ein gerechter Unwillen bei dem Gedanken an Schurken; er nennt Herodes einen Fuchs und die Pharisäer Ottergezücht. Sudelbuch J 947
Es steckte viel Anlage in dem Menschen, und er trug auch zu, allein es fehlte ihm so gänzlich alles, was man irgend hierbei Stöpsel nennen könnte, dass gemeiniglich, noch ehe er etwas zusammenbringen konnte, was der Mühe wert gewesen wäre, in leichtem Maulwerk verdampfte. Sudelbuch J 950
Eine Commode, eine Incommode. Die Nachtstühle sind öfters wahre Incommoditäten. Sudelbuch J 963
Dieser Gedanke arbeitete immer in seinem Gewissen wie eine Toten-Uhr. Im Gewühl der Geschäfte und des Umgangs unhörbar, aber in der Stille der Nacht hörte ihm die ganze Seele zu. (besser) Sudelbuch J 965
In den Kehrichthaufen vor der Stadt lesen und suchen, was den Städten fehlt, wie der Arzt aus dem Stuhlgang und Urin. Sudelbuch J 967
Gott, der Vergelder alles Guten. Sudelbuch J 971
Er hatte viel hypochondrische Attention gegen sich selbst. Sudelbuch J 973
Ausdruck: Die vierblättrigen Kleeblätter sind in diesem Fach etwas selten. Sudelbuch J 975
Das Verdienst von Raffineuren von Zucker, den andere Nationen gepflanzt und gesotten haben, ist das Verdienst der meisten berühmten deutschen Schriftsteller. Sudelbuch J 976
Schlecht disputieren ist immer besser als gar nicht, selbst Kannegießern macht die Leute weiser, wenngleich nicht in der Politik, doch in andern Dingen. Das bedenkt man nicht genug. Sudelbuch J 978
Der Ton stimmt oft die Behauptung, statt dass die Behauptung den Ton angeben sollte. Selbst gute Schriftsteller, wenn sie auch gerne schön sprechen, finden sich unvermerkt zuweilen da, wo sie eigentlich nicht hin wollten. Sudelbuch J 982
Jemand beschrieb eine Reihe Weidenbäume, die in gewissen Distanzen gepflanzt waren, so: Erst stund ein Baum, alsdann keiner, dann wieder einer und dann wieder keiner. Sudelbuch J 984
Man sollte nie ausspucken, außer wenn einem von ungefähr etwas Unreines in den Mund kommt. Eine Sekte, die nicht ausspuckt, würde sich bald durch Wohlbefinden auszeichnen. Sudelbuch J 986
Es kömmt so außerordentlich viel darauf an, wie etwas gesagt wird, dass ich glaube, die gemeinsten Dinge lassen sich so sagen, dass ein anderer glauben müsste, der Teufel hätte es einem eingegeben. Sudelbuch J 988
Ich habe einen Mann gekannt, der die seltsame Grille hatte, nach Tische beim Obst aus Äpfeln regelmäßige stereometrische Körper zu schneiden, wobei er immer den Abfall aufaß. Meistens endigte sich die Auflösung des Problems mit einer gänzlichen Aufzehrung des Apfels. Sudelbuch J 993
Er war in nichts regelmäßiger als in Dingen, die er gar nicht zum Gegenstand seiner Obhut machte, so verbrauchte er z. E. regelmäßig alle 3 Wochen ein Pfund Schnupftabak, ob er gleich gar hierin keiner Regel folgte. Hatte er sich einmal im Ernst vorgenommen, ordentlich darin zu sein, so würde alles sehr unordentlich darin gegangen sein. Sudelbuch J 999
Es ist schlimm genug, dass heutzutage die Wahrheit ihre Sache durch fiction, Romane und Fabeln führen lassen muss. Sudelbuch J 1007
Glitzernde Wörtchen. Sudelbuch J 1010
Es wurde ein Blumenkörbchen angekündigt und siehe da, es erschien in Kartoffelsäckchen. Sudelbuch J 1011
Es ist für des Menschen Rechtfertigung hinreichend, wenn er so gelebt hat, dass er seiner Tugenden wegen Vergebung für seine Fehler verdient. Sudelbuch J 1014
Man lacht, und mit Recht, über den Versuch jenes Menschen, der seinem Pferde das Fressen abgewöhnen wollte. Es starb aber leider! grade an dem Tage, da die größte Hoffnung war, ihm die Kunst endlich beizubringen. Mit dem Klugwerden geht das nicht bloß den Schwaben so, sondern den meisten Menschen. Sudelbuch J 1020
Ich nehme der Mamsell ihre Tugend in acht, als wenn es meine eigne wäre, sagt eine alte Gouvernante. Sudelbuch J 1022
Die Allmacht Gottes im Donnerwetter wird nur bewundert entweder zur Zeit, da keines ist, oder hintendrein beim Abzuge. Sudelbuch J 1024
Die Natur hat die Frauenzimmer so geschaffen, dass [sie] nicht nach Prinzipien, sondern nach Empfindung handeln sollen. Sudelbuch J 1036
Dass Gott, oder was es ist, durch das Vergnügen im Beischlaf den Menschen zur Fortpflanzung gezogen hat, ist doch bei Kants höchstem Prinzip der Moral auch zu bedenken. Sudelbuch J 1048
Man lässt sich Bücher mit weißem Papier binden, um recht tüchtig anzufangen, und schreibt am Ende wenig oder nichts hinein. So machte es sogar der Polygraphe Johnson. Sudelbuch J 1050
Noch zur Zeit mehr Wunsch als Erwartung. Sudelbuch J 1064
Wenn der Schlaf ein Stiefbruder des Todes ist, so ist der Tod ein Stiefbruder des Teufels. [J 1069] Sudelbuch J 1072
Im Namen des Herrn sengen, im Namen des Herrn brennen morden und dem Teufel übergeben, alles im Namen des Herrn. Sudelbuch J 1075
Es gibt manche Leute, die nicht eher hören, bis man ihnen die Ohren abschneidet. Sudelbuch J 1083
Ein wildschöner (bildschöner) Mensch. Sudelbuch J 1087
Das ist auch einer von denen, die glauben, der Mensch wäre schon fertig und der Jüngste Tag könnte nun anfangen. Sudelbuch J 1097
Eigentlich kein Philosoph, sondern er tat Frachtfuhren für die Philosophen in der Messe. Sudelbuch J 1102
Der Mann muss wiederum aus Vergessenheit gerade dem das Geheimnis erzählen, der es ihm verboten hat. Er muss also zugleich ein Vergessener sein. Sudelbuch J 1107
Es wäre vielleicht besser für das menschliche Geschlecht, wenn es ganz katholisch wäre als ganz protestantisch. Sobald aber einmal Protestantismus existiert, so muss man sich schämen, ein Katholik zu sein. Denn was der allgemeine Katholizismus Gutes hätte, fällt nun weg, und ihn wieder allgemein zu machen ist unmöglich. Sudelbuch J 1110
Das herannahende Alter und die Furcht davor recht auszumalen, das allmähliche Vergehn der Zähne, die einzelnen grauen Haare. Alle die heimlichen Untersuchungen darüber. Bemerkt man einen solchen Zustand recht genau, so wird man dadurch auch in den Stand gesetzt, einen erdichteten eben mit dem charakteristischen Detail zu schildern. So lernt man das menschliche Herz schildern. Der Alternde tröstet sich damit, dass jüngere Leute auch schon keine Zähne mehr und graue Haare haben, und er vergleicht sich immer mit den Besten und Vorteilhaftesten. Sudelbuch J 1124
Ich möchte wohl wissen, was geschehn würde, wenn einmal die Nachricht vom Himmel käme, dass der liebe Gott ehestens eine Kommission von bevollmächtigten Engeln herabschicken würde, in Europa herumzureisen, so wie die Richter in England, um die großen Prozesse abzutun, worüber es in der Welt keinen andern Richter gibt als das Recht des Stärkeren. Was würde dann aus manchen Königen und Ministern werden? … Sudelbuch J 1126
Leute, die ihre Briefe mit grünem Siegellack siegeln, sind alle von einer eignen Art, gewöhnlich gute Köpfe, die sich selbst zuweilen mit chemischen Arbeiten beschäftigen und wissen, dass es schwer ist, grünes Siegellack zu machen. (mehr solcher Züge) Sudelbuch J 1131
Man gibt falsche Meinungen, die man von Menschen gefasst hat, nicht gern auf, sobald man sich dabei auf subtile Anwendung von Menschenkenntnis etwas zugute tun [zu] können für berechtigt hält und glaubt, solche Blicke in das Herz des andern könnten nur gewisse Eingeweihte tun. – Es gibt daher wenige Fächer der menschlichen Erkenntnis, worin das Halbwissen größern Schaden tun kann, als dieses Fach. Sudelbuch J 1135
Es fehlt nicht viel, so ordnet man die Menschen in Rücksicht auf Geistesfähigkeiten, so wie die Mineralien nach ihrer Härte, oder eigentlich nach der Gabe, die eines besitzt, das andere zu schneiden und zu kratzen. Sudelbuch J 1137
Wir nehmen Dinge wahr vermöge unsrer Sinnlichkeit. Aber was wir wahrnehmen, sind nicht die Dinge selbst, das Auge schafft das Licht und das Ohr die Töne. Sie sind außer uns nichts. Wir leihen ihnen dieses. Ebenso ist es mit dem Raume und der Zeit. Auch wenn wir die Existenz Gottes nicht fühlen, beweisen können wir sie nicht. Alle diese Dinge führen auf eines hinaus. Es ist aber nicht möglich, sich hiervon ohne tiefes Denken zu überzeugen. Man kann Kantische Philosophie in gewissen Jahren, glaube ich, ebenso wenig lernen als das Seiltanzen. Sudelbuch J 1143
Ob es Wirkung der Gnade oder der Mondsucht war, ist nicht entschieden. Sudelbuch J 1146
Vom empirischen und intelligibeln Charakter. Es wäre doch ein Wesen möglich außer Gott, das sich selbst determinierte, ohne Dependenz von Kausalität. Sudelbuch J 1148
Ehmals ärgerte ich mich mit einem Gefühl von Kraft, jetzt mit einem von passiver Ängstlichkeit. Sudelbuch J 1151
Die Kultur der Seelen, wozu auch das Branntweintrinken mit gehört, hat viele Spuren ausgelöscht, dereinst zu finden, was der Mensch ursprünglich war und sein sollte. Sudelbuch J 1155
Was der Soldat für ein Tier ist, sieht man deutlich aus dem gegenwärtigen Krieg. Er lässt sich gebrauchen, Freiheit festzusetzen, Freiheit zu unterdrücken, Könige zu stürzen und auf dem Thron zu befestigen. Wider Frankreich, für Frankreich und wider Polen! Sudelbuch J 1157
Die Franzosen versprachen in den adoptierten Ländern Bruderliebe, sie schränkten sich aber am Ende bloß auf Schwesterliebe ein. Sudelbuch J 1167
Deutscher Fleiß, mit diesem Titel pflegen oft Köpfe, die nicht zum Denken aufgelegt sind, ihre trockene geistlähmende Bemühungen zu belegen. Tag und Nacht lesen und sammeln hat etwas sehr Schmeichelhaftes für den Sammler, dem es an wahrer Geistesstärke fehlen muss, denn sonst schickte er sich nicht zu solchen Arbeiten, die immer etwas von Neger-Dienst an sich haben. Es ist auch nicht ohne Verdienst in jedem Sinn, wo dieses Wort auch Einnahme bedeutet, aber man sollte doch bedenken, dass ein solcher Mann immer unendlich tief unter dem kleinsten Erfinder steht. In England werden die Literatoren wenig geachtet. In Deutschland sieht man den Mann schon als etwas an, der weiß, was in jeder Sache geschrieben worden ist, ja wenn man ihn um sein Urteil in einer Sache fragt, so nimmt man wohl vorlieb, wenn er einem eine Literär-Geschichte der Sache statt der Antwort gibt. Sudelbuch J 1170
Eine Wirkung völlig zu hindern, dazu gehört eine Kraft, die der Ursache von jener gleich ist, aber ihr eine andere Richtung zu geben, bedarf es öfters nur einer Kleinigkeit. Sudelbuch J 1171
In der Stadt ist immer eine gewisse glückliche Stumpfheit des Geistes endemisch gewesen. Sudelbuch J 1173
Was doch eigentlich den Armen den Himmel so angenehm macht, ist der Gedanke an die dortige größere Gleichheit der Stände. Sudelbuch J 1177
Unter die Missverständnisse oder die falschen Darstellungen bei der Französischen Revolution gehört auch die, dass man glaubt, die Nation werde von einigen Bösewichtern geleitet. Sollten nicht vielmehr diese Bösewichter sich die Stimmung der Nation zunutz machen? Sudelbuch J 1178
Er redete so zu den Leidenschaften der Menschen, als wenn sie zu einem Sturm kommandiert wären. Sudelbuch J 1179
Es gibt kaum eine unangenehmere Lage, als die Geschenke von nichtswürdigen Dingen zu erhalten, auf [die] aber der Geber einen außerordentlichen Wert setzt und wirklich dafür zwar keine Gegengeschenke, aber doch Ergebenheit erwartet, es ist dieses der Fall zwischen mir und D. Er überhäuft mich mit sogenannten Leckerbissen von seinem Tisch, die ich für gar keine Leckerbissen halte und die ich oft, wenn er nicht gegenwärtig wäre, ungekostet weggäbe. Und doch muss ich hören, dass er an andern Orten sagt, er schicke mir zuweilen etwas zu essen. Der ehrliche Mann meint es herzlich gut. Sudelbuch J 1182
Mein Körper ist derjenige Teil der Welt, den meine Gedanken verändern können. Sogar eingebildete Krankheiten können wirkliche werden. In der übrigen Welt können meine Hypothesen die Ordnung der Dinge nicht stören. Sudelbuch J 1183
Am vernünftigsten ist es, es bei Streitigkeiten so zu machen wie der berühmte Fourcroy, der alle Gegner der französischen Chemie in 2 Klassen bringt, 1 ) solche, die die Sache nicht verstehen, und 2) die, die von Parteigeist verleitet werden. Sudelbuch J 1189
A. Sie sind sehr alt geworden. B. Ja, das ist gewöhnlich der Fall, wenn man lange lebt. Sudelbuch J 1190
Für den Verlust von Personen, die uns lieb waren, gibt es keine Linderung als die Zeit und sorgfältig und mit Vernunft gewählte Zerstreuungen, wobei uns unser Herz keine Vorwürfe machen kann. Sudelbuch J 1196
Die Dogmatik, die fruchtbare und gütige Mutter der Polemik. Sudelbuch J 1200
Ordnung führet zu allen Tugenden! Aber was führet zur Ordnung? Sudelbuch J 1204
Ist denn etwa die Lage so selten, in der einem Philosophie das Philosophieren versagt? Sudelbuch J 1208
Und predigte mit milder (stiller) Wut die alleinselig machende Kraft des katholischen Glaubens. Sudelbuch J 1214
Sie fühlen den Druck der Regierung so wenig als den Druck der Luft. Sudelbuch J 1217
Ich konnte deutlich bemerken, dass an dem Tage, da D… an seinem Testament schrieb, er mir mehr zumutete, als sonst seine Höflichkeit erlaubte. Ich konnte also merken, dass er an dem Tage etwas für mich oder meine Familie getan haben mochte. Ist es nicht sonderbar, dass er, ohne dass ich von der Belohnung etwas wissen konnte, mir Dinge aufbürdete, die ich ohne Entgelt nicht würde übernommen haben, gerade als wüsste ich von der Belohnung? Sudelbuch J 1218
So wie es eines jeden Vermögensumstände verstatten, ich meine hier des geistischen Vermögens. Sudelbuch J 1219
In Frankreich gärt es, ob [es] Wein oder Essig werden wird, ist ungewiss. Sudelbuch J 1223
Es wäre wohl gut, wenn ihm jemand einmal sein goldnes Wolfs-Vlies über die Ohren zöge. Einem das Vlies über die Ohren ziehen, ist besser als Fell. Sudelbuch J 1227
Da jedermann gleich das Gewöhnliche bei einer Sache einfällt, gleich vorsätzlich auf das Ungemeine und Ungewöhnliche zu gehen. Sexus plantarum, Sexus astrorum, acidorum et alcalinorum pp. Sudelbuch J 1228
Etwas recht Paradoxes hierüber, woran noch gar kein Mensch leicht gedacht haben kann. Sudelbuch J 1229
Dinge zu bezweifeln, die ganz ohne weitere Untersuchung jetzt geglaubt werden, das ist die Hauptsache überall. Sudelbuch J 1231
Das hohe Alter mancher Mathematiker (Fontenelle, Euler, Leibniz) könnte eine Folge sein der Betrachtung ihrer selbst, des Subjektivischen bei den Körpern, weil das eigentlich Wiederholung ist. So könnte die Mathematik zu Verlängerung des Lebens beitragen. Sudelbuch J 1232
Warum glaube ich dieses? Ist es auch wirklich so ausgemacht? Sudelbuch J 1234
Was für Vorteile könnte ich hieraus ziehen? Für mich und für andere? Selbst ökonomischen Vorteil nicht ausgeschlossen? Sudelbuch J 1235
Es verdiente einmal recht ernstlich für eigene Haushaltung untersucht zu werden: warum die meisten Erfindungen durch Zufall müssen gemacht werden? Die Hauptursache ist wohl die, dass die Menschen alles so ansehen, lernen, wie ihre Lehrer und ihr Umgang es ansieht. Deswegen müsste es sehr nützlich sein, einmal eine Anweisung zu geben, wie man nach gewissen Gesetzen von der Regel abweichen könne. Sudelbuch J 1236
Verlasse hier einmal die Landstraße und glaube ja nicht, dass diese Sache nur für andere Leute auszumachen gehöre, denke immer, du bist ein Mitglied des Rates. Sudelbuch J 1237
Als ich am 18. Dezember 1789 in meiner Nervenkrankheit die Ohren mit den Fingern zuhielt, befand ich mich sehr viel besser, nicht allein, weil nun mein Nervensystem weniger Stöße durch das Gehör bekam, sondern auch, weil ich nun das kränkliche Sausen in meinen Ohren für ein erkünsteltes hielt und mich für gesund in diesem Artikel, und daher selbst auf einige andere Gefühle weniger achtete. Die gute Wirkung war unleugbar. Sudelbuch J 1238
Zuweilen über die gemeinsten Sachen seine Meinung zu schreiben mit allen Eigenheiten und Vorschlägen zu Verbesserungen, z. E. über die Zettel an den Arzneigläsern. Sudelbuch J 1239
Wenn ich nun auf einen neuen Gedanken, auf eine Theorie gekommen bin, allemal zu fragen: Ist denn das auch wirklich so neu, als du glaubst? Dieses ist auch überhaupt die beste Erinnerung, nichts in der Welt anzustaunen. Sudelbuch J 1240
Ja über alles seine Meinung [sagen] mit so vielen Zusätzen von Neuem als möglich, ohne dieses wird aus allem nichts, nur hüte dich vor dem Druckenlassen. Nicht bloß stilles Nachdenken, sondern auch Aufschreiben erleichtert den Ausdruck sehr, sondern verschafft auch die Gabe, selbst dem auswendig Gelernten eine Farbe des eignen Denkens zu geben. Sudelbuch J 1243
Hauptsächlich etwas tiefer zu untersuchen, wie eigentlich Bewegungsgründe einem Volk fühlbar gemacht werden können. Es sind bei den Menschen eigentlich nicht sowohl die sogenannten ausgesetzten Belohnungen, sondern das Lob, was Leute von Gewicht gewissen Handlungen erteilen und unter der Hand, so dass es lässt, als meinten sie es eigentlich nicht einmal als eine Belohnung. Sudelbuch J 1244
Die Spanier haben ein Sprichwort, das heißt: Wer Papst werden will, muss an nichts anders gedenken. Das tat Sixtus der 5te. Sudelbuch J 1245
An jeder Sache etwas zu sehen suchen, was noch niemand gesehen und woran noch niemand gedacht hat. Sudelbuch J 1248
Zuweilen Beschreibungen in poetischer Prose zu machen oder sonst Schilderungen von einzelnen Gegenständen; sie können alle gebraucht werden. Sudelbuch J 1249
So viel als möglich der gemeinen Meinung entgegen: So behauptete Meister und, wie mich dünkt, mit Recht, dass, je länger die Welt stünde, desto mehr Erfindungen würden gemacht werden. Sudelbuch J 1250
Man hat bekanntlich eine sphärische, eine theorische und eine physische Astronomie, diese sphärische, theorische und physische Unterschiede auch in andern Dingen aufzusuchen. – Man wird es gewiss finden, wenn man nur sucht. Sudelbuch J 1251
Die Frage: Ist dieses auch wahr? ja bei allem zu tun und dann die Gründe aufzusuchen, warum man Ursache habe zu glauben, dass es nicht wahr sei. Sudelbuch J 1252
In allen Stücken zu sammeln, nicht bloß Wahrheiten, sondern auch Wendungen und Ausdrücke für gewisse Gelegenheiten, wenn man sie öfters durchliest, so vermehrt sich der Vorrat durch ähnliche. Sudelbuch J 1255
Sich eine Marsch-Route der Arbeit für den Tag nach den Stunden zu entwerfen. Sudelbuch J 1256
Es muss ja in allem ein gewisser Geist sein, ein Blick, der gleichsam als eine Seele das Ganze leitet. Sudelbuch J 1257
Eine neue und große Idee hierüber, schon der Gedanke und die Hoffnung spannt den Geist, immer etwas besser zu sehen. Sudelbuch J 1258
In diesen Fehler fallen gewöhnlich die schwärmerischen Erfinder von Hypothesen. Sudelbuch J 1259
Zu der Zeit, da man sich mit einer Sache beschäftigt, da sie einem völlig geläufig und gegenwärtig nach allen ihren Teilen ist, muss man suchen sie allem anzupassen, auch oft den entferntesten Gegenständen, durch Gleichnisse, Analogien erläutern und andere Sachen mit ihr. Sudelbuch J 1260
Was ist hierüber ausgemacht, was muss noch erst ausgemacht werden? Was ist schwerlich auszumachen und dennoch nützlich? Sudelbuch J 1261
Hat es wohl je jemanden von Gerüchen geträumt, wozu keine Veranlassung äußerlich da war, ich meine z. E. von Rosengeruch zu einer Zeit, wo keine Rose oder Rosenwasser an die Nase kommen konnte? Von Musik ist es gewiss, und von Licht auch, allein Empfindungen von Schmerz im Traume haben gemeiniglich eine äußere Veranlassung. Von Geruch bin ich ungewiss. Sudelbuch J 1264
Gott, diese große Qualitas occulta. Sudelbuch J 1265
Ein Meisterstück der Schöpfung ist der Mensch auch schon deswegen, dass er bei allem Determinismus glaubt, er agiere als freies Wesen. Sudelbuch J 1266
Schade, dass die Lappländer und Isländer nicht schwarz und die Afrikaner weiß sind, die Physikotheologie würde da ein vortreffliches Spiel mit Endursachen treiben können. Sudelbuch J 1267
Plane zu entwerfen, auch über Dinge, die man nicht abzuhandeln gedenkt, sondern nur sich selbst zu prüfen. Sudelbuch J 1270
Es ist sonderbar, dass nur außerordentliche Menschen die Entdeckungen machen, die hernach so leicht und simpel scheinen, dieses setzt voraus, dass die simpelsten, aber wahren Verhältnisse der Dinge zu bemerken sehr tiefe Kenntnisse nötig sind. Sudelbuch J 1271
Das Wort Schwierigkeit muss gar nicht für einen Menschen von Geist als existent gedacht werden. Weg damit! Sudelbuch J 1273
Außer uns. Es ist gewiss sehr schwer zu sagen, wie wir zu diesem Begriff gelangen, denn eigentlich empfinden wir doch bloß in uns. Etwas außer sich empfinden ist ein Widerspruch, wir empfinden nur in uns, das, was wir empfinden, ist bloß Modifikation unserer selbst, also in uns. Weil diese Veränderungen nicht von uns abhängen, so schreiben wir dieses andern Dingen zu, die außer uns sind, und sagen, es gibt Dinge, man sollte sagen præter nos, dem præter substituieren wir die Präposition extra, das ist ganz etwas anders, das ist, wir denken uns diese Dinge im Raume außerhalb unser, das ist offenbar nicht Empfindung, sondern es scheint etwas zu sein, was mit der Natur unseres sinnlichen Erkenntnis-Vermögens innigst verwebt ist, es ist die Form, unter der uns jene Vorstellung des præter nos gegeben ist. Form der Sinnlichkeit. Sudelbuch J 1274
Dass wir glauben, wir handeln frei, wenn wir Maschinen sind, könnte das nicht auch Form des Verstandes sein? Es ist uns überhaupt unmöglich, die ersten Entstehungen zu bemerken, wir bemerken überall nur, was geschehen ist, nicht wie es geschieht, wenn wir also glauben, wir tun jetzt eine Sache, so ist sie schon getan. Sudelbuch J 1275
In der Gabe, alle Vorfälle des Lebens zu seinem und seiner Wissenschaft Vorteil zu nützen, darin besteht ein großer Teil des Genies. Franklin mit den Fliegen im Madeira. Sudelbuch J 1276
Es geht in der Physik wie mit den Geschlechts-Registern in der Bibel, der war ein Sohn, der war ein Sohn, und der war ein Sohn Adams, und der war Gottes. Sudelbuch J 1277
Durch das planlose Umherstreifen, durch die planlosen Streifzüge der Fantasie wird nicht selten das Wild aufgejagt, das die planvolle Philosophie in ihrer wohlgeordneten Haushaltung gebrauchen kann. Sudelbuch J 1278
Der Mensch ist ein Ursachen suchendes Wesen, der Ursachensucher würde er im System der Geister genannt werden können. Andere Geister denken sich vielleicht die Dinge unter andern uns unbegreiflichen Verhältnissen. Sudelbuch J 1279
Den Mann nenne ich groß, der viel gedacht und gelesen und erfahren hat, und der alles, was er gedacht, gelesen und erfahren hat bei jeder Sache, die er unternimmt, also auch bei jedem Buch, das er schreibt, vereint zum besten Zweck anzuwenden weiß, alles so anschaulich darzustellen, dass jeder sehen muss, was er selbst gesehen hat. Sudelbuch J 1280
Je mehr sich bei Erforschung der Natur die Erfahrungen und Versuche häufen, desto schwankender werden die Theorien. Es ist aber immer gut, sie nicht gleich deswegen aufzugeben. Denn jede Hypothese, die gut war, dient wenigstens die Erscheinungen bis auf ihre Zeit gehörig zusammenzudenken und zu behalten. Man sollte die widersprechenden Erfahrungen besonders niederlegen, bis sie sich hinlänglich angehäuft haben, um es der Mühe wert, zu machen, ein neues Gebäude aufzuführen. Sudelbuch J 1285
Ist dieses nicht ein Gleis (ornière), aus welchem wir erst herausmüssen? Sudelbuch J 1286
Sich allen Abend ernstlich zu befragen, was man an dem Tage Neues gelernt hat. Sudelbuch J 1287
Der Witz ist der Finder (finder) und der Verstand der Beobachter. Sudelbuch J 1288
Einen Finder zu erfinden für alle Dinge. Sudelbuch J 1289
Briefe an Jedermann. Sudelbuch J 1292
Ja Wort zu halten und bei allem zu fragen: Wie könnte dieses besser eingerichtet werden? Sudelbuch J 1293
Was mich von meinen alten Lehren abgehen heißt, sind nicht meine individuellen subjektiven Fortschritte. Nein es sind Fortschritte der Wissenschaft selbst. Sudelbuch J 1294
Ist das wirklich die einzige Art, dieses zu erklären? Sudelbuch J 1295
Gleich an die Grenzen der Wissenschaft zu gehen. Es lässt sich bald lernen, wo es noch fehlt. Sudelbuch J 1296
Alles zu vergrößern und zu sehen, was entstehen könnte, wenn man Eigenschaften wachsen lässt, und die größten Dinge abnehmen zu lassen in eben der Absicht. Dieses ist eine fruchtbare Mutter neuer Gedanken. Wenigstens gehören die größten Entdeckungen dahin, sie sind aber schwerlich durch dieses Mittel gemacht worden. Sudelbuch J 1297
Wenn ich irgend in etwas eine Stärke besitze, so ist es gewiss im Ausfinden von Ähnlichkeiten und dadurch im deutlich Machen dessen, was ich vollkommen verstehe, hierauf muss ich also vorzüglich denken. Sudelbuch J 1298
Ein Sprech- und Schallwerk, wenn man etwas in einer fremden Sprache hineinredet, so schallt es zu einem andern Loch ins Deutsche übersetzt heraus. Sudelbuch J 1300
Jemand soll beantworten: Was ist wohl die schlechteste und welches ist die schönste Tat, die du in deinem Leben nach deinem Urteil begangen hast? Eine geheime Kabinetts-Frage. Sudelbuch J 1301
Den eigentlichen Regeln zur Erfindung der Wahrheiten fehlt es noch an einem Newton und Herschel. Sudelbuch J 1306
Da mir jeder eigene neue Gedanke soviel Mut macht, so habe ich ja darauf zu sehen, alles soviel als möglich zu beleuchten, um dabei auf etwas Eignes zu stoßen, welches mir selten misslingt, wenn ich mich nur anstrenge. Sudelbuch J 1307
Man muss etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen. Sudelbuch J 1310
Es ist gewiss etwas sehr Charakteristisches in dem Deutschen, ein paar Erfahrungen sogleich in ein System zu ordnen, dieses tut der Engländer nicht. Nichts hindert den Fortgang der Wissenschaft mehr, wie schon Baco und hundert andere gesagt haben. Sudelbuch J 1312
Was würde das für ein Gerede in der Welt geben, wenn man durchaus die Namen der Dinge in Definitionen verwandeln wollte! Sudelbuch J 1313
Wenn man annähme, dass alle Vorstellungen der Menschen eine Art von Raserei wären, ein Tollhaus-Zustand, so muss doch ein Wesen sein, das diese Absicht hat, die Tollen sind abgerissene Faden bei dieser Spinnerei, die der Spule nicht folgen. In diesen findet man das Werk Gottes. Sie sind auch bei manchen Völkern heilig. Die Rasenden geben uns Aussichten in die Haushaltung des Ganzen, die uns nichts anderes gibt. Sie sind das gedrückte Auge, das elektrische Figuren und Sonnen und Drellmuster gibt. Sudelbuch J 1314
Man könnte den Menschen so den Ursachen-Bär so wie den Ameisen-Bär nennen. Es ist etwas stark gesagt. Das Ursachen-Tier wäre besser. Sudelbuch J 1315
Richter sagte einmal zu mir: Die Ärzte sollten nicht sagen, den habe ich geheilt, sondern der ist mir nicht gestorben, so könnte man auch in der Physik sagen, ich habe davon Ursachen angegeben, wovon man am Ende die Absurdität nicht zeigen kann, anstatt zu sagen, ich habe erklärt. Sudelbuch J 1316
Welches ist der außerordentlichste und auffallendste Gebrauch, den man hiervon machen könnte, oder die sonderbarste Folgerung daraus im höchst Großen und Vergrößerten oder im höchst Kleinen und Verkleinerten? Sudelbuch J 1318
Sollte sich nicht in andern Körpern etwas finden, was unsrer Fantasie, [unsrem] Schöpfungs-Vermögen analog ist? [Wie] würde unser Gehirn aussehen, wenn wir die Veränderungen bemerken könnten, die die Gedanken in dessen Textur hervorbringen. Sudelbuch J 1321
Es ist eine große Stärkung beim Studieren, wenigstens für mich, alles, was man liest, so deutlich zu fassen, dass man eigne Anwendungen davon oder gar Zusätze dazu machen kann. Man wird am Ende dann geneigt zu glauben, man habe alles selbst erfinden können, und so was macht Mut. So wie nichts mehr abschreckt als Gefühl von Superiorität im Buch. Sudelbuch J 1322
Man muss in der Welt und im Reich der Wahrheit frei untersuchen, es koste, was es wolle, und sich nicht darum bekümmern, ob der Satz in eine Familie gehört, worunter einige Glieder gefährlich werden können. Die Kraft, die dazu gehört, kann sonstwo nützen. Sudelbuch J 1324
Ein witziger und dabei flüchtiger Kopf lernt wenig gründlich, macht aber von dem wenigen gewiss den bestmöglichen Gebrauch, den ein minder witziger, aber gründlicherer Gelehrter von dem seinigen nicht zu machen imstande ist. Sudelbuch J 1325
Ist dieses auch die wahre Ursache, wie man durchgängig glaubt, oder steckt noch mehr dahinter? Sudelbuch J 1326
Der Mathematik in die Hände zu arbeiten ist die Absicht des Physikers. Sudelbuch J 1329
Es ist äußerst wichtig, bei Widerlegungen ja nicht zu geschwind zu gehen, sondern jedes Komma umständlich auseinanderzusetzen und nicht eher zum Folgenden überzugehen, bis alles in dem gegenwärtigen Schritt fast zum Überdruss dargetan ist. Nicht zu eilen. Das ist mein gewöhnlicher Fehler. Sudelbuch J 1331
Eine von den Hauptfragen ist wohl immer, und zwar bei den bekanntesten Dingen: Ist das wohl auch wirklich so; lässt sich hierbei eine Distinktion anbringen, wodurch es klar wird, dass es nicht immer so sein könne? Es ist hier nur schade, dass man grade dann nicht fragt, wenn es am nötigsten wäre. Sudelbuch J 1332
Alle künstliche Versuche sind gewissermaßen Monstra. Sudelbuch J 1334
Vor allen Dingen Erweiterung der Grenzen der Wissenschaft, ohne dieses ist alles nichts. Sudelbuch J 1335
Meine sogenannte Seelenwanderung einmal der Kantischen Philosophie anzuprobieren. Sudelbuch J 1336
Wirkung der Gnade, vielleicht aber auch der Mondsucht. Sudelbuch J 1338
Wenn du ein Buch oder eine Abhandlung gelesen hast, so sorge dafür, dass du es nicht umsonst gelesen haben magst; abstrahiere dir immer etwas daraus zu deiner Besserung, zu deinem Unterricht oder für deine Schriftsteller-Ökonomie. Sudelbuch J 1340
Man muss alles auf seines eignen Selbsts Weise und Erfahrung in der Welt verstehen lernen oder wenigstens zu verstehen suchen. Kömmt man auf Sätze, die allem von den weisesten Menschen Behaupteten widersprechen, so muss man aufsuchen, woran dieses liegt, und sich zu bessern oder die andern zu widerlegen suchen. Sudelbuch J 1343
Jeder Mensch, der stocktaub ist, müsste seine Ohren der Anatomie vermachen. Sudelbuch J 1344
Philosophie ist immer Scheidekunst, man mag die Sache wenden, wie man will. Der Bauer gebraucht alle die Sätze der abstraktesten Philosophie, nur eingewickelt, versteckt, gebunden, latent, wie der Physiker und Chemiker sagt; der Philosoph gibt uns die reinen Sätze. Sudelbuch J 1345
Wir sehen in der Natur nicht Wörter, sondern immer nur Anfangsbuchstaben von Wörtern, und wenn wir alsdann lesen wollen, so finden wir, dass die neuen sogenannten Wörter wiederum bloß Anfangsbuchstaben von andern sind. Sudelbuch J 1346